Durch die Zeit wandeln

Entwicklung gelingt nur über Zeit. Dabei kann man die eigene Haut nicht verlassen. Eine Rezension über den künstlerischen Versuch, dies sichtbar zu machen.

von Julia Florschütz


Der Gedichtband Früher ist morgen von Lutz Rathenow (geb. 1952 in Jena) ist ein Wandel durch die Zeit. Das verrät schon der Titel. Gedichte über Kindheit und die eigene Familie oder Erfahrungen im sozialistischen System wechseln sich ab mit Anekdoten von Bahnreisen oder der Großstadt der letzten Jahre, „Spätherbst“ mit „Sonne“ und „Neuschnee“. Einige Gedichte sind auf zwei Jahreszahlen datiert, welche weit auseinander liegen. Manchmal geht es um das große Ganze, die Unendlichkeit des Raumes, den Urknall. An anderer Stelle lassen sich ein Rinnsal von Urin verfolgen oder die einfachsten Reimschemata entdecken. Beim Lesen des Bandes entsteht zuweilen das Gefühl, dass hinter einigen Zeilen nicht mehr steckt, als geschrieben steht. Andere wiederum lassen ratlos zurück. Ist hier überhaupt ein Sinn zu finden oder kennt ihn nur der Autor?
Im Gespräch verrät Rathenow, dass es ihm genau um diese Ambivalenzen geht: um ein Dazwischen, die kleinen Feinheiten, die kaum erklärbar dem großen Ganzen gegenüberstehen, die Suche nach Freiheit und Zwischenraum, das Schlupfloch zwischen dem Gegebenen. So spricht er von sich und seiner Lebensphilosophie. Er möchte alles differenzieren, wenig ist einfach und schnell erklärt. Auch wenn das stimmt – läuft man nicht Gefahr, mit allem nichts zu erklären?
Um der Struktur des Lyrikbandes gerecht zu werden und dem Wandel durch Raum und Zeit abzurunden, nahm er sogar Gedichte aus seinen Anfängen in Jenaer Zeiten auf. Auch wenn er diese selbst als wenig gelungen erachtet. Der Band gliedert sich in fünf Teile: I. – Die Zeit berühren, II. – Tauschen wir die Geheimnisse wie früher die kleinen Bilder, III. – Erwachsen genug, Kind zu sein? Das Wort sucht seinen Ort: die Welt als Spielplatz, IV. – GEZWITSCHER GETÖSE GELÄCHTER wie Thüringen ist Jena, Gedichte als Biografie, V. – Die Texte laufen in verschiedene Richtungen davon und treffen sich plötzlich wieder.
In manchen Rezensionen wurde Rathenow als Gendergegner gelesen. Verständlich bei einigen der Zeilen in gleich mehreren Gedichten. Er versichert uns aber, er sei weder gegen ein Gebot noch für ein Verbot von Sternchen, Doppelpunkten o.ä. Auch hier zählt die Freiheit des Moments – immer wieder neu entscheiden über den eigenen Ausdruck. Auch er benutze ab und zu Doppelpunkte. Ein Gedicht bestätigt: „Ich glaube an die Antastbarkeit, meines blödes männliches Rollenverstädnis.“ Beachtlich ist auch, dass immer wieder klar wird, dass er sich in der Zeit seines Schaffens stetig hinterfragt und weiterentwickelt haben muss. Nicht hinter allem zu stehen, was man getan oder wo man veröffentlicht hat, schließt letztlich auch den Sprachwandel nicht aus. Es wäre vermutlich auch vermessen, mehr von einem 73-Jährigen zu erwarten. Insgesamt scheint er, zwar zu vielem eine Meinung zu haben, betont aber genauso oft Ambivalenzen und die Not zur Differenzierung. In einem Gedichtband ist dies nicht möglich. Die Kürze lässt große Erklärungen nicht zu. Der Mut zur Lücke ist Voraussetzung und bedingt damit auch den Mut zum Missverständnis. Ganz am Ende findet sich eine „Triggerwarnung vor fehlender Triggerwarnung“ – zeitgemäß und zeitgleich ironisch. Aber genau diese macht wohl neugierig auf das Buch. So könnten sich unter anderem „Hundefreunde, […] Landesbeauftragte, […] Jenaer, Fliegenschützer, Aufarbeiter, […] ImmernochOssis, Wolfsgegner, WeiterhinWessis, Verbitterungsverliebte […] Jenenser, Harmonieverwirrte, Wolkenhasser, Bratwurstjunkies und alle, die alles unbedingt verstehen wollen“ auf den Schlips getreten fühlen – all genders included. Die Frage nach dem Inhalt formt sich dabei bei Identifikation genauso wie Nicht-Identifikation dieser und weiterer Beschreibungen. (Gibt es sie wirklich, diese Wolkenhassenden?)

Weiter bleibt Rathenow im Gespräch immer bei dem, was er kennt und erlebt hat. Es geht viel um die Vergangenheit und seine Erfahrungen in der DDR und danach, beispielsweise als Sächsischer Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, zeitgleich um politische Ereignisse, die ihn und die Welt geformt haben. Die Bezugnahme auf eigenes Wissen und Erleben ist schwer zu verdenken. Das Werten dessen, was einem tatsächlich bekannt ist, ist immerhin besser, als „die Jugend von heute“ zu diffamieren. Ein Umstand, den Menschen seines Jahrgangs und umliegenden oft und gerne tun. Eine Perspektive aus einer anderen Generation zu erfahren, kann dabei Motivation sein, Früher ist morgen in die Hand zu nehmen. Auch in der Praxis ist Rathenow die Zusammenarbeit mit anderen Generationen wichtig. Die Texte im Gedichtband werden von Holzschnitten der Buchbinderin und Druckgrafikerin Katja Zwirnmann (geb. 1973) begleitet. In allen ist eine ähnliche Farbgebung zu finden, was ein Gesamtbild, zusammen mit dem textilen Struktureinband des Buches, ergibt. Klare, einfache Motive wechseln sich mit Abstraktem und surrealen Darstellungen ab. Mein Favorit ist der Grashüpfer im Weltraum. Auch in der Zusammenarbeit mit der unique-Redaktion hat Rathenow seine Freude, mit Menschen anderer Generationen zu kollaborieren, bewiesen. Als kleines Extra dürfen wir das bisher unveröffentlichte Gedicht Bruchlose Landung von ihm teilen.

Endlich, endlich die Zeitung, ruft Schmidtlehmann – der Nachbar kreischt auf, springt aus dem Fenster, zur Wohnung herein. Er, Schmidtlehmann lesen zwei Stunden um die Wette.
Klasse schreit der Nachbar. Hurra, hurra, hurra, Schmidtlehmann. Die Winterastern nicken zweimal militärisch kurz. Der Nachbar lacht, zerreißt drei Seiten, stopft zwei faustgroße Brocken in seinen Mund, fällt auf den: Teppich, wälzt sich. Der Nachbar auf dem Tisch: hüpft, grölt. Schmidtlehmann robbt los, kaut, singt, schluckt. Der Nachbar schnipselt das Zimmer grau. Schmidtlehmann spuckt schwarz-weiß bedruckten Brei, frisst die Sonntagsbeilage, kriecht aus der Tür. Der Nachbar ihm nach. Ein sonniger Tag.
Schmidtlehmann und der Nachbar erschlagen sich fröhlich im Garten.
Der Winter, der Winter johlen die Kinder. Zwei Katzen hängen sich auf. Der Nachbar könnte Leitartikel heulen. Niedliche Zeitungsfetzen vergittern die Luft. Amnestie für alle, die in den Zellen verhungert sind. Mein Gott, sagt ein Pfarrer und sieht nach oben. Aus den Wolken schneit schwarz-blaue Tinte.

Bruchlose Landung

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