Esstisch. Gerade das Weihnachtsessen serviert. Gesprächsfetzen fliegen umher. Dieselben Diskussionen wie im Vorjahr. Es wird von einer vermeintlich besseren Vergangenheit gesprochen. Keine Handys, mehr Zeit in der Natur, als es noch „echte Freundschaften“, „echte Liebe“ und „echtes Glück“ gab.
von Rania Lau

Jedes Jahr sitzen Abermillionen Menschen zum Fest der Liebe beisammen. Die Familie kommt mit Sack und Pack an. Man schwelgt in Erinnerungen, fühlt sich wieder ein Stück weit jung. Für eine gewisse Zeit hält man ein Ticket in die Vergangenheit in seinen Händen. Sei es durch die Augen der Kinder, die euphorisiert das Geschenkpapier aufreißen oder durch Lieder, die man schon sein ganzes Leben singt. Vielleicht erlebt man aber auch das verbreitete Gefühl von Stress, wenn am Weihnachtstisch wieder Meinungen aufeinanderprallen. Für viele ist Weihnachten the most wonderful time of the year und gleichzeitig ein paar Tage, die man hinter sich bringen muss, und das aus ganz individuellen Gründen. Weihnachten schmeckt bittersüß. So ist auch die Nostalgie, die viele Menschen zu dieser Zeit verstärkt verspüren, geprägt von gefühlsbezogenen Ambivalenzen.
Das Bittersüße der Nostalgie
In einer modernen und schnellen Welt, in der wir mit unzähligen Optionen von möglichen Lebensstilen, Karrierewegen, und Nudelsorten konfrontiert werden, denken Menschen zunehmend an eine Zeit zurück, in der ihnen alles einfacher erschien. Hierbei liegt besondere Betonung auf dem Verb „erscheinen“, denn häufig wird im Moment der nostalgischen Träumerei verstärkt idealisiert. Viele Menschen wünschen sich, noch einmal Kind zu sein. Dabei werden jedoch Aspekte, beispielsweise die deutlich eingeschränkte Selbstbestimmtheit, die mit dieser Entwicklungsphase eben einhergeht, oder die Ups und Downs während der Pubertät, außen vor gelassen. Wir scheinen daran Gefallen zu finden, uns an eine unbeschwerte Zeit zu erinnern, die objektiv betrachtet häufig gar nicht mehr unseren heutigen Bedürfnissen entspricht.
Zugleich zeichnet sich ein Trend ab: Immer mehr Menschen entscheiden sich für einen Social-Media-Detox, kehren in ihrer Spotify-Playlist zu den Musikklassikern der 90er zurück oder verabreden sich zum Vintage-Shopping. Alt ist modern: Nicht ohne Grund findet man auf der Liste der filmischen Premieren für das Jahr 2025 den siebten Teil der Kultfilmreihe „Jurassic Park“ oder die Neuinterpretation von Michael Endes Bestsellerroman „Momo“. Unter den Konzertbesuchern der AC/DC-„Power Up“-Tour 2024 gingen nicht nur die alten Fans zu den Nostalgiehits der Rockgeschichte ab. Auch die jüngeren Anhänger formten ihre Hände zu der typischen Hörner-Geste und fanden Freude an dem, dessen Ursprung und Hochphase vor ihrer Zeit lag. Nostalgie scheint ein Konstrukt zu sein, welches Menschen bewegt. Eine unbestimmte individuelle und kollektive Sehnsucht, deren Existenz bereits Forschende im 17. Jahrhundert beschäftigte.
„Das Heimweh der Seele nach einer fernen, unerreichbaren Vergangenheit.“
– Johannes Hofer, 1688
Erstmals tauchte der Begriff der Nostalgie 1688 in der Dissertation des angehenden Arztes Johannes Hofer auf. Hofer zeichnete darin ein leidvolles Bild von Schweizer Söldnern, die sich in einem gar krankhaft schmerzvollen Zustand der Sehnsucht nach Heimat befanden. Der etymologische Hintergrund des Begriffes des Heimwehs lässt sich mit der neologistischen Zusammensetzung von Nostos (Heim) und Algos (Weh) erklären. Die altgriechischen Wörter entlehnte der Namensgründer der Odyssee. In Homers Epos wird die Reise des Odysseus nicht nur als eine physische Fahrt in die Vergangenheit verstanden, sondern auch als eine Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Zukunft. Bis ins 19. Jahrhundert hinein erfuhr der Begriff der Nostalgie eine stetige Wandlung. Das Phänomen des Heimwehs wurde nun als eine medizinische Erkrankung kategorisiert, deren Symptomatik sich durch einen unregelmäßigen Herzschlag und heftiges Weinen äußern sollte.
Fun Fact: Dies schrieb man – so wissenschaftlich wie Wissenschaft eben damals war – bösen Dämonen zu, die sich im Gehirn der „Nostalgie-Befallenen“ festgesetzt haben sollten. Doch neben spirituellen Erklärungsbestrebungen wurde sogar eine Zeit lang angenommen, der betäubend laute Klang der Schweizer Kuhglocken in den Alpen sei Grund für die Erkrankung der Söldner gewesen.
In den folgenden Jahrzehnten reichten unzählige weitere Definitionsversuche, wie das Einordnen des Nostalgiebegriffs als psychische Störung, bis hin zum Entschluss, Nostalgie vielmehr als einen Gefühlszustand zu betrachten und bewusst von dem Phänomen des Heimwehs abzugrenzen. Dies wird auch heute angenommen. In seinem Buch „Yearning For Yesterday“ (1979) beleuchtet der Soziologe Fred Davis die Relevanz der psychologischen und sozialen Aspekte der Nostalgie und macht deutlich, dass Heimweh in der Regel mit einem geographischen oder sozialen Verlust verbunden ist, wohingegen Nostalgie sich vor allem auf eine idealisierte Vorstellung der Vergangenheit bezieht, die nicht unbedingt von einem realen Verlust zeugt.
Die Forschungsgruppe unter dem renommierten Nostalgie-Forscher Tim Wildschut fand im Jahre 2006 heraus, dass Menschen Nostalgie als eine sentimentale und oft ambivalente Sehnsucht nach vergangenen Zeiten erleben, die häufig positive als auch negative Gefühle simultan hervorruft. Die negativen Elemente können dabei durch positive ausgeglichen werden. Positive Gefühle überwiegen dabei oftmals die negativ konnotierten Erinnerungen. Deshalb besitzt Nostalgie vor allem eine positive Signatur. Zum einen fühlt man beispielhaft die Enttäuschung, die durch den Verlust einer Freundschaft entsteht, und erinnert sich an die Auslöser zurück, die zum Bruch der Beziehung führten. Zugleich können auch Gefühle des Glücks aufkommen, weil man sich an die schönen Momente mit der Person erinnert, die einen Teil seiner persönlichen Geschichte teilt. Oder nehmen wir erneut das Beispiel der Weihnachtsfeier: Im Moment nostalgischer Träumerei erinnert man sich an vergangene Weihnachten. Die Freude überwiegt, denn man denkt an die gemeinsame Zeit mit der Familie. Währenddessen tendiert man dazu, negative Elemente auszublenden. Stress und das verbreitete Phänomen der Meinungsdifferenzen am Esstisch gehören dann auf einmal nur unterschwellig dazu.
„Nostalgie ist ein Fenster, durch das wir einen Blick auf eine bessere Zeit werfen, um uns im Hier und Jetzt zu erheben.“ – Haruki Murakami
Nostalgie scheint wie eine Art Schlüssel zu seinem vergangenen Ich und dessen Erlebnissen zu fungieren. Türen in seine Vergangenheit öffnen sich, die eigentlich gar nicht mehr existieren. Die Psychologie macht deutlich: In Momenten, in denen Menschen eine negative Stimmung oder sich allein fühlen, wird man eher mit nostalgischen Gefühlen konfrontiert. Das ist nicht ohne Grund, denn Nostalgie verstärkt soziale Verbundenheit und damit ebenfalls das Selbstwertgefühl. Durch die Induktion nostalgischer Gefühle bei Studienteilnehmern konnte in der Replikationsstudie von Zhou et al. gezeigt werden, dass Nostalgie eine eindeutig positive affektive Wirkung hat. Die nostalgischen Teilnehmenden fühlten sich mehr geliebt und sozial eingebunden als die Gruppe ohne den Zustand nostalgischen Gefühls. Nostalgie triggert also die Wahrnehmung sozialer Unterstützung. Sie lenkt das Augenmerk einer nostalgischen Person auf Momente, in denen sie sich sicher und sozial eingebunden fühlte. Durchblättern alter Fotoalben, Gen Zs Scrollen durch die Ansammlung vergangener Instagram-Posts, Spotify Wrapped oder schlichtweg das Kaufen von Ware im Supermarkt, die mit der herzwärmenden Aufschrift „Omas Geheimrezept“ flankiert ist – Nostalgie befördert Verbundenheit mit dem Selbst, seinen Mitmenschen und der eigenen Geschichte.
Studien haben darüber hinaus ergeben, wie Nostalgie die Wahrnehmung des Lebenssinns beeinflusst. Durch das Zurückdenken an frühere Erfahrungen reflektiert man Höhen sowie Tiefen tendenziell als wichtige Etappen zur Selbstentwicklung. Man fühlt sich in seiner Person durch die erlebte Selbstkohärenz gestärkt. Nostalgie kann man demzufolge auch als eine Ressource für die eigene Identitätsbildung und persönliches Wohlbefinden betrachten. Dementsprechend messen Menschen, die Nostalgie verspüren, ihrem Leben in einem übergeordneten Kontext höheren Sinn bei. Dies kann jedoch auch eine gegenteilige Wirkung haben. Wenn man zu sehr an seiner Vergangenheit festhält und demnach ein ungesundes Zeitpensum mit nostalgischen Gedanken verbringt, trägt dies folglich nicht dazu bei, mit gegenwärtigen Herausforderungen zurechtzukommen. Übermäßige Nostalgie ist demnach von jener Nostalgie zu unterscheiden, die das persönliche Vorankommen fördert und als ein wertvolles psychologisches Instrument betrachtet werden kann.
Es ist an uns, die richtige Balance zu finden: Zu welchem Ausmaß ist das Zurückversetzen in seine Vergangenheit vorteilhaft, um die eigene Gegenwart zu bereichern, ohne sich in ihr zu verlieren? Nostalgie ist ein vielschichtiges Phänomen. Zum einen schenkt es Menschen Trost, zum anderen hilft es, sich selbst besser zu verstehen und zu akzeptieren. Nostalgie bietet Chancen zur Selbstentwicklung. Nostalgie ist bittersüß, doch vor allem süß.