von Silas Richter

Wien im Oktober 2024: Das bedeutet für die gerne grantigen Hauptstädterinnen nicht nur ein Hauch von Herbst im Lainzer Tiergarten und Nationalratswahlen mit unschönem Ausgang, sondern auch die Viennale, das größte internationale Filmfestival Österreichs, welches längst nicht nur einheimische Cineast*innen, sondern auch ein weitgereistes Publikum wie mich anzieht. Die überall in der Stadt an Litfaßsäulen angeklebten Plakate versprechen unter dem Motto „Vermehrt Schönes“ eine eindrucksvolle Mischung aus frischen Independent-Filmen, internationalem Arthouse-Kino und mutigen Dokumentationen. Klingt großartig.
Für mich als ostdeutschen Dorf-Piefke ist der Kosmos „Viennale“ zu Beginn allerdings vor allem eine riesige Herausforderung. Warum gibt es hier keinen genauen Ablaufplan, bei dem man sofort durchblickt? Wie soll ich aus über 300 Filmvorführungen meine Präferenzen finden? Und warum dauert der erste Film, den ich mir aus dem Programm picke, gleich dreieinhalb Stunden? All diese Fragen erübrigten sich, als ich mich in das Wagnis stürzte, Karten für meine nach reiflicher Recherche ausgesuchten Filme zu kaufen. Also gut, ich habe mich ein paar Stunden zu spät für den Vorverkauf angemeldet – nie im Leben habe ich dennoch ernsthaft damit gerechnet, dass fast alle Vorführungen, auch die um 8 Uhr morgens (!), nahezu restlos ausverkauft sein würden. Also habe ich meine Taktik geändert und blind an meinen präferierten Tagen Tickets für folgende Filme ergattert: Daneh Anjeer Moghadas, The Damned und Dear Beautiful Beloved.
Festivalfieber statt Kinogemütlichkeit
Ein internationales Filmfestival wie die Viennale zu besuchen, ist eine Erlebnis der besonderen Art, das sich deutlich von meinen (durch das Kulturticket der Uni) vertrauten Kinobesuchen in Jena abhebt. Menschen drängen sich vor den Eingängen, Kamerateams und Pressefotograf*innen hasten durch die Massen, führen Interviews und halten die konstante Geschäftigkeit fest. Drinnen an der Bar sieht man Gruppen von Festivalbesucher*innen, die sich angeregt über die bisher gesehenen Filme austauschen und sich auf das nächste Screening einstimmen – jede Diskussion ist Teil eines kollektiven Moments.
Im Vergleich dazu erscheint ein Abend im kleinen Schillerhof in Jena nahezu meditativ, mit seiner gemütlichen Stille und den spontanen Gesprächen nach dem Film, wenn man entlang der Saale auf dem Weg nach Hause spaziert. Auf der Viennale dagegen ist jedes Detail durchgeplant, jedes Ticket seit Wochen reserviert – die Säle sind bis auf den letzten Platz besetzt. Das Publikum weiß, dass es sich hier auf ein intensives Erlebnis eingelassen hat, ein Fest des Kinos, das mit einer gewissen Ehrfurcht erlebt wird. Beim Betreten des Saals des Gartenbaukinos umfängt mich eine Atmosphäre, die an die Ära der DDR erinnert. Der klare, funktionale Baustil der 60er Jahre, geprägt von nüchternen Linien und zurückhaltenden Farben, verleiht dem Raum eine düstere, fast melancholische Anmutung. Hier ist nichts auf Hochglanz poliert, keine Spur von modernen Annehmlichkeiten.
In jedem der drei Filme, die ich besuchte, begann die Vorstellung mit einleitenden Worten der Regisseure. Sie berichteten von den prägenden Entstehungsgeschichten ihrer Filme, von den Herausforderungen am Set oder den kleinen Zufällen, die eine Szene geprägt haben. Besonders blieb mir der Auftritt des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof im Gedächtnis: Noch bevor sein neues Werk in diesem Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte, war der vielfach ausgezeichnete Filmemacher gezwungen, aus seiner Heimat zu flüchten und in Deutschland Asyl zu suchen. Die drakonische Strafe, die das theokratische Regimegegen ihn verhängt hatte, ließ ihm keine andere Wahl.
Anpassung und Aufstand
Rasoulofs Film Daneh Anjeer Moghadas entfaltet von den ersten Minuten an eine Wucht, die das Publikum unmittelbar erschüttert und eine tiefe Beklommenheit im Saal verbreitet. Die Geschichte um einen Vater, welcher getrieben vom Bekenntnis zum Regime die Position eines Richters am Islamischen Revolutionsgericht annimmt, stellt den Alltag seiner Familie auf eine harte Probe. Während er sich zunehmend mit der kompromisslosen Härte des Systems arrangiert, verweigern seine beiden Töchter jede Anpassung. Sie sind Teil jener jungen Generation, die seit den landesweiten Protesten im September 2022 lautstark für Freiheit und Gerechtigkeit eintritt.
Rasoulof lässt die Zuschauerinnen hautnah spüren, was dieser familiäre Bruch bedeutet. Die unerbittlichen Bilder, die vom Unrechtsregime ausgehen, machen die systematische Brutalität, mit der es jegliche Abweichung bestraft, erschreckend greifbar. Um mich herum senkte sich eine tiefe Stille über den Saal. Einige Zuschauerinnen wischten sich Tränen aus den Augen, andere wandten ihren Blick ab, unfähig, der Grausamkeit auf der Leinwand standzuhalten. Der Film zeichnet ein eindrucksvolles und zugleich schonungsloses Bild eines zerrissenen Irans, gefangen im Spannungsfeld zwischen systemtreuen Funktionären und mutigen Revolutionären. Mit einer Laufzeit von fast drei Stunden nimmt sich Rasoulof die notwendige Zeit, um die inneren Konflikte seiner Figuren in all ihrer Komplexität zu zeigen. Am Ende verlasse ich das Kino mit einem bedrückenden Gefühl, das lange nachwirkt.

Krieg ohne Helden
Mit ebendieser Stimmung verlasse ich auch den zweiten Film meiner Viennale-Erfahrung, The Damned. Roberto Minervini, der bei den Filmfestspielen in Cannes für sein Werk in der Kategorie „Un Certain Regard“ mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, reist mit den Zuschauer*innen in die USA des Jahres 1862. In The Damned folgt die Kamera in fast dokumentarischem Stil einem kleinen Trupp Soldaten der Unionsarmee, die in einem scheinbar endlosen Marsch entlang der Frontlinie patrouillieren.
Die Zuschauer*innen im Gartenbaukino werden unweigerlich in ihre Welt gezogen – eine Welt aus Schlamm, Eiseskälte und angespannten Blicken, die in der dichten Atmosphäre dieses Kriegsfilms zum Leben erwacht. Mit jedem Schritt, den die Soldaten tiefer in das Grenzgebiet zwischen Hoffnung und Verzweiflung setzen, verschwimmen die ursprünglichen Ziele ihrer Mission. Die Kamera ist stets nah bei den Soldaten, fängt ihre erschöpften Gesichter und zitternden Hände ein. Diese Erzählung eröffnet mir eine Perspektive auf Krieg, die sich von konventionellen Kriegsdramen unterscheidet, die mir bekannt sind: Hier gibt es keinen Heldentod, keine glorreiche Schlacht, sondern nur das schleichende, zermürbende Vordringen in eine Art Niemandsland, in dem Ideale verblassen und menschliche Beziehungen neu gelebt werden.
Dabei muss jedoch gesagt werden, dass The Damned mit einem bewusst dialogarmen Stil operiert und die Charaktere kaum die Gelegenheit erhalten, sich zu entfalten oder gar individuelle Persönlichkeiten zu entwickeln. Die Soldaten, die im Zentrum der Handlung stehen, bleiben schemenhafte Figuren, fast archetypische Vertreter einer anonymen, kriegsmüden Masse, die ihre eigene Menschlichkeit allmählich verliert. Diese zurückhaltende Inszenierung fordert die Zuschauer*innen heraus, ihren eigenen Zugang zu den Figuren und der Geschichte zu finden – oder ihn eben nicht zu finden. So bleibt The Damned ein Film, der entweder als intensives, bedrückendes Kunstwerk oder als emotional schwer zugängliches Experiment wahrgenommen werden kann.

„Vom Himmel fallen nur Raketen auf uns“
Nur zwei Tage später begebe ich mich erneut auf den Weg in die Wiener Innenstadt, diesmal in das Stadtkino im Künstlerhaus, um den letzten Film auf meiner Liste zu sehen: Dear Beautiful Beloved. Die Dokumentation ukrainischen Kriegsalltags des Regisseurs und Wahlwieners Juri Rechinsky öffnet mit einer Szene von eindringlicher Schwere: Eine evakuierte Frau hat die Flucht vor dem russischen Angriffskrieg nicht überlebt. Noch auf dem Bahnsteig versuchen verzweifelte Helferinnen die Frau wiederzubeleben. Bereits dieser Auftakt lässt ahnen, dass das, was folgt, keine gewöhnliche Kriegsdokumentation ist, an denen sich deutsche Privatsender auf- und abarbeiten.
Der Fokus liegt auf dem oft verborgenen Leid, das in der allgemeinen Berichterstattung selten Beachtung findet. Gerade deswegen konzentriert er sich in den nachfolgenden 93 Minuten auf drei Themenbereiche: die Evakuierung von Menschen aus dem ukrainischen Kriegsgebiet, der Alltag in den Aufnahmestellen und der Transport gefallener Soldaten zurück zu ihren Familien. Die Szenen sind intim und schmerzvoll, so privat, dass die Zuschauerinnen direkt in das Geschehen gezogen werden. Im Verlauf des Films wird eine Familie begleitet, die sich um den Sarg ihres verstorbenen Angehörigen versammelt hat. Inmitten der trauernden Stille streicheln die Eltern mit zitternden Händen die kalten Glieder des Toten, als wollten sie sich von ihm verabschieden und gleichzeitig an ihm festhalten. Das Leid der Mütter, die Entbehrungen und Verluste, wird unübersehbar und zeichnet ein Bild, das den Krieg in all seiner Tragweite offenbart. Inmitten der Tragik, die dieser Krieg mit sich bringt, gibt es überraschend auch Momente des Humors. In der Aufnahmestelle, wo viele geflüchtete Menschen auf ihre weitere Zukunft warten, nehmen sich ältere Menschen eine Auszeit von der Schwere des Lebens. Sie witzeln über ihre Situation, lachen über die Eigenheiten der neuen Umgebung und schaffen es, trotz der Umstände einen Moment der Leichtigkeit zu finden.
Was den Film besonders kraftvoll macht, ist die Art und Weise, wie er Hoffnung in diese Szenen einwebt. Hoffnung, die sich nicht nur in den großen, heroischen Momenten zeigt, sondern in den kleinen, beinahe unscheinbaren Gesten des Alltags – wie einem Lachen, einem Gespräch unter fremden Menschen oder dem Mut, nach vorne zu blicken, auch wenn die Zukunft ungewiss ist. Diese leisen, aber bedeutsamen Momente machen den Film zu einer zutiefst menschlichen Auseinandersetzung mit der Realität des Krieges.

Was am Ende bleibt
Am Ende meiner Viennale-Erfahrung bleibt ein Gefühl der Beklommenheit, das mich noch einige Zeit begleiten wird. Die drei Filme, die sich in Form und Erzählweise so deutlich voneinander unterscheiden, haben doch eines gemeinsam: Sie alle sind Spiegelbilder der Krisen, die unsere Gegenwart prägen. In jeder dieser Erzählungen dringen Trauer, Wut und Angst mit einer Intensität an die Zuschauerinnen heran, die fast greifbar wird – als ob die emotionale Last der dargestellten Welten auch auf uns selbst übergeht. Die Hoffnung, die man in vielen Geschichten finden möchte, ist hier fast völlig abwesend oder zumindest nur noch ein schwacher, flimmernder Gedanke, der in den düsteren, oft brutalen Realitäten der dargestellten Welten kaum Bestand hat.
Die gezeigten Werke auf der Viennale 2024 scheinen in hohem Maße auf die aktuelle Weltlage zu reagieren. Sie fangen das kollektive Unbehagen ein, das die Menschheit heute durchlebt, sei es durch den Ukrainekrieg, die Klimakrise oder die zunehmende politische Instabilität überall auf der Welt. Diese Filme bieten keine einfachen Lösungen, sondern zeigen eine Welt, die zerrissen ist und von einer Krise zur anderen stolpert. Es scheint, als würde die Kunst des Films mehr und mehr auf die politische und gesellschaftliche Polykrise reagieren, in der sich die Welt befindet. Wenn wir uns die Worte des Neuzeitpoeten Fynn Kliemann in Erinnerung rufen – „Krise kann auch geil sein“ – bekommt diese Feststellung eine fast prophetische Bedeutung. Es ist, als ob die Krise selbst zum Stilmittel geworden ist, als würde die Kunst die Zeitläufe einfangen und gleichzeitig bestätigen, was wir bereits wissen: Der Zustand der Welt ist von ständiger Unruhe geprägt, von Konflikten, die keinen klaren Ausgang zu haben scheinen.
Hat mir diese Festival-Erfahrung Spaß gemacht? Das ist eine Frage, die ich mir nach diesen drei intensiven, von Krisen und Elend geprägten Filmen häufig gestellt habe. Die Antwort ist ambivalent. Ja, die Viennale hat mir auf ihre eigene Weise Freude bereitet – nicht in einem klassischen Sinne von Unterhaltung, sondern eher durch die künstlerische Herausforderung und die Auseinandersetzung mit Themen, die die Gegenwart berühren. Es ist eine einzigartige Erfahrung, solche Werke auf der großen Leinwand zu sehen, in einer Atmosphäre, die von Filmbegeisterung und Austausch geprägt ist. Möchte ich aus jedem Film mit einem negativen, bedrückenden Gefühl herausgehen? Sicherlich nicht. Es ist unbestreitbar wichtig, die Krisen und dramatischen Seiten des Lebens im Kino zu thematisieren, um das Bewusstsein der Zuschauerinnen für die Herausforderungen unserer Zeit zu schärfen. Doch zugleich drängt sich die Frage auf, die mir nach The Damned gestellt wurde: Können Filme nicht auch einfach mal schön sein? Nach dieser Viennale-Erfahrung bleibt der Wunsch, wieder einmal einen Film zu erleben, der mich nicht nur mit der Härte der Welt konfrontiert, sondern auch mit der Schönheit und dem Potenzial für Veränderung, das in ihr liegt. Es muss nicht immer nur Krise sein.