In einem an die unique-Redaktion addressierten Päckchen, fanden wir einen Gedichtband und einen lobenden Brief. Es folgten fragende Blicke der Redakteur:innen aufgrund des Absenders. „Wer ist denn Lutz Rathenow?“ – „WAS? DEN KENNT IHR NICHT?“ war meine erste Reaktion. Scheinbar kennen einige Jenaer Studenten nicht einen der berühmtesten Studienabbrecher ihrer Alma Mater, wenngleich sein Abbruch nicht freiwillig, sondern erzwungen war. Dieser Text soll dies korrigieren und einen kleinen Einblick in das Leben des DDR-Bürgerrechtlers bieten.
von Sebastian Baum
In der Geschichte der Jenaer Universität gab es schon einige berühmte Rauswürfe, etwa den des umstrittenen Philosophen Johann Gottlieb Fichte im Jahr 1799 für dessen angeblich atheistische Schriften. Doch in der „jüngeren“ Vergangenheit dürfte wohl keiner so bekannt sein, wie der Lutz Rathenows.
Der 1952 in Jena als Sohn eines Bankkaufmannes und einer Schneiderin geborene Rathenow, machte 1971 das Abitur und studierte ab 1973 Pädagogik, Deutsch und Geschichte im Lehramt an der Friedrich-Schiller Uni. Zuvor musste er aber seinen Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee ableisten. Er sah das Lesen und Briefe-schreiben als „Flucht-Bewegung gegen die monotone Realität bei der Armee“ an. Zuvor schrieb er bereits Gedichte in der Schule. Er hat sich in dieser Zeit, die er als kulturell langweilig beschreibt, da es nur wenig interessante Filme und wenig interessante Musik gab, als Lyriker gefühlt. Ein Dichter war für ihn der Inbegriff des eigensinnigen Lebens. Schriftsteller dagegen wollte er nicht sein, das hatte für ihn was Abgedroschenes, wenn er auch die Literatur schätzte – denn sie hätte „einen Bedeutungsmehrwert, der über sie hinausgeht“. Rathenow bezeichnet sie auch als „Ersatzmedium“.
„Alle lasen damals, alle wollten Gedichte schreiben, die Literatur war ein gewisser Freiraum in der DDR.“ – Lutz Rathenow
Aus dem Interesse erwuchs die Idee, eine Arbeitsgruppe für junge Leute zu gründen. Erfahrung mit sowas hatte er durch seine Schulzeit, da gründete er die sehr kurzlebigen Jenaer „Black Panther“, eine amerikanische Gruppierung die sich für die Bürgerrechte schwarzer Menschen einsetzte. Da der Anteil schwarzer Menschen in Jena und der DDR insgesamt eher gering war, war dies wohl eher als Symbolpolitik zu deuten, denn als echte politische Arbeit. Auch der Anfang der Arbeitsgruppe „Literatur und Lyrik“ im Jahr 1973 war nicht besonders politisch oder oppositionell, man traf sich einfach in Rathenows Dachgeschosswohnung in der Brendstromstraße in Lobeda. „So fünfzehn bis zwanzig Leute. Man hat Gedichte vorgetragen“ – laut eigenen Aussagen hat Lutz Rathenow die anderen nicht zu Wort kommen lassen. Das besondere war, dass zum Arbeitskreis eigentlich nur wenig Studierte kamen, es war keine rein intellektuelle Sache. Vielmehr kamen neugierige Menschen nach Jena, egal welchen Background sie hatten.
„Wir setzten uns zusammen, Lehrlinge, wenige Studenten, ganz normale Leute, junge Leute aber auch ein paar ältere dabei.“ – Lutz Rathenow
Die Ttreffen waren einmal pro Woche, dazu noch eine „konspirative Vorbereitung“ im kleineren Kreis. Nach ein paar Monaten wurden die Treffen der Gruppe in das Kulturhaus Lobeda verlegt. Von Seiten des Staates wurden diese Zusammenkünfte noch nicht negativ oder als oppositionelle Agitation gesehen, vielmehr deutete man es als Werbung für DDR-Literatur. Das lag auch daran, dass Rathenow den Antrag für den Arbeitskreis nach eigenen Aussagen „instinktiv geschickt geschrieben“ hat. Man las also DDR- Literatur, internationale, aber bald auch verbotene Sachen, etwa die Werke von Robert Havemann, einem Chemiker, der 1964 aus der SED ausgeschlossen wurde. Ein Mix aus allen Genres.
Nach einer Weile wurde die Staatssicherheit aber aufmerksam auf den Arbeitskreis, unter anderem, weil ein Mitglied, Bernd Makowski, zwei Lieder von Wolf Biermann auf einem Poesie-Festival der DDR gespielt hatte. Dies geschah im Kontext der Ausbürgerung Biermanns, die auch der Hintergrund für den Mord an Matthias Domaschk war.
Der Rauswurf
1975 wurde der Arbeitskreis von den Kulturfunktionären des Ministeriums für Staatssicherheit verboten. Am 19. November 1976 wurde sein Zimmer von der Staatssicherheit durchsucht, die Zimmer der Eltern ließ man aber in Ruhe. Die Eltern reagierten natürlich ebenfalls auf seine Probleme mit dem System. War er doch der erste in der Familie, der studierte. Sie versuchten ihn zu beeinflussen, damit er nicht von der Uni geworfen wird. Auch wurde von der Stasi versucht ihn als IM (inoffizieller Mitarbeiter) anzuwerben mit der Drohung, ihn sonst nicht weiter studieren zu lassen. Er gab dem nicht nach und wurde somit 1977 exmatrikuliert. Daraufhin arbeitete er als Transportarbeiter und siedelte nach Berlin um, wo er als Produktions- und Regieassistent seinen Lebensunterhalt verdiente.
Auf die Frage, was aus ihm geworden wäre, wenn es nicht zum Rausschmiss aus der Uni gekommen wäre und er sein Studium zu Ende hätte führen können, ist sich Lutz Rathenow ziemlich klar, dass er dennoch nicht auf Dauer Lehrer geworden wäre. Während des Studiums hielt er bereits Unterrichtsstunden und das habe ihm nicht so zugesagt. Auch wollte er kein Journalist werden, stattdessen sei die Cybernetik ein Feld gewesen, das ihn sehr interessierte.
Es war sein Wunsch, Dinge zu schreiben, die „halb-verboten“ sind, die die Grenzen des Sagbaren in der DDR ausreizten, ohne jedoch komplett auf der Liste der verbotenen Bücher zu landen.
1980 wurde dieser Wunsch irgendwie erfüllt, da er nach der Veröffentlichung von „Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet“ verhaftet und seine Wohnung durchsucht wurde. Er lehnte ein Ausreiseangebot ab und wurde nach vielfachem Protest unter anderem von Christa Wolf und Günther Grass nach 10 Tagen wieder entlassen. Bis zum Ende der DDR war er in der Bürgerrechtsbewegung aktiv und wurde von der Stasi überwacht. Die guten Kontakte in den Westen schützten ihn vor weiterer Verfolgung und er nutzte diesen Umstand, um mit seiner oppositionellen Arbeit den Behörden auf die Füße zu treten und damit trotzdem durchzukommen.
Wie bei Fichte, der trotz seines Rauswurfes heute als ehrbares Mitglied der Jenaer Universität angesehen wird, wurde auch Rathenows rehabilitiert und bekam 1992 nachträglich das Abschlussdiplom der FSU. Lehrer ist er trotzdem nie geworden, wenngleich er einen guten Teil seines Schaffens in Kinderbücher steckt.
So kam es, dass er mit einem seiner Kinderbücher meine Aufmerksamkeit erregte und mir der Name „Lutz Rathenow“ etwas sagte, als das Packchen in der unique-Redaktion lag. Obwohl es mittlerweile schon einige Jahre her ist, dass ich sein Kinderlyrikbuch „Heute ist der Himmel blau“ bei einem Gewinnspiel gewonnen habe, so habe ich ein Gedicht nie vergessen:
