Home » EinBlick, Leitartikel

Keine organisierte Pauschalreise

10 Februar 2014 No Comment

Begründet auf langjährigen Kontakten zu einer Hochschule in Namibia, konnte im September 2013 die erste Summer School der Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena in Windhuk stattfinden.

von Anne

Frankfurt – Abu Dhabi – Johannisburg – Windhuk oder doch direkt von Frankfurt nach Windhuk? Diese Frage mussten sich 14 Studierende stellen, als sie ihre Reise nach Namibia vorbereiteten. Gemeinsam mit Professor Buerke und Professor Magerhans vom Fachbereich Betriebswirtschaft an der EAH Jena tauchten die Bachelor-, Master- und MBA-Studenten ein in eine „ganz andere Welt“. Anfangs war die Summer School in Namibia nur ein Mosaikstück in einem größeren Partnerschaftsprogramm mit der Polytechnic of Namibia, in dessen Rahmen mehrere kleine Projekte mittelfristig aufgebaut werden sollten. „Unser Anliegen“, so Magerhans, „ist es, Studierenden, die aus unterschiedlichen Gründen kein Auslandssemester machen, die Möglichkeit zu geben, trotzdem Auslandserfahrungen zu sammeln.“
Warum eigentlich Afrika, warum Namibia? Die bereits bestehenden Kontakte waren sicher ein Grund für die Wahl der Polytechnic als Zielort der Summer School; einer, aber nicht der einzige. Noch immer leben viele Deutsche in dem Land, haben sich dort niedergelassen und Unternehmen gegründet. Für viele der Studierenden war es der erste Kontakt überhaupt zu Afrika. Doch trotz des Fokus auf Namibia führten die Diskussionen der Studenten über die Landesgrenzen hinaus.
Die Schwerpunkte des Programms lagen auf kulturellen und geographischen Besonderheiten der Wirtschaft und des Lebens in Namibia. Nachmittags wurden meist namibianische Unternehmen besucht, um die am Morgen diskutierte Theorie auch zu erleben. „Diese Firmenbesuche haben sich orientiert an den Hauptbranchen, die wir in Namibia vorfinden: Landwirtschaft, Tourismus, Bergbau, Industrie und Handel sowie Fischerei“ so Buerke. Manchmal konnte die Gruppe sogar während dieser Besuche direkt mit den Unternehmensführern bzw. -gründern sprechen. In  diesen Gesprächen wurde deutlich, dass die Wirtschaftszweige stark unterschiedlich von Chancen profitieren oder durch bestimmte Hürden behindert werden. So hat zum Beispiel die Namibian Brewery einen Marktanteil von 87 Prozent und 25-prozentige Umsatzrendite.Die einzige Molkerei im Land, Namibia Dairies, kämpft hingegen sowohl mit klimatischen als auch logistischen Herausforderungen: Nur 16 der zahlreichen Milchbauern beteiligen sich an der Milchwirtschaft. Versorgt werden muss aber ein Land mit einer Fläche doppelt so groß wie Deutschland.

Insgesamt hatte die Gruppe ein kompaktes Programm in den 14 Tagen, in denen sie auch hinter die Kulissen schauen konnte – nicht zuletzt dank der Unterstützung durch das internationale Büro der Polytechnic sowie von Studierenden der EAH Jena, die zu diesem Zeitpunkt dort ein Auslandssemester verbrachten.
Wie geht es weiter? Da sich dieses Projekt aus einer Eigeninitiative entwickelt hat und die Studierenden sehr viel selbst planen müssen, ist noch ungewiss, was in Zukunft passieren wird. Nichtsdestotrotz ist es das Ziel von Professor Buerke und Professor Magerhans, das Angebot der Summer School zu verstetigen. Bisher wird es nur für Studierende der EAH im Fachbereich Betriebswirtschaftslehre angeboten, doch nach ihren Vorstellungen soll es in Zukunft auch anderen Fachbereichen der EAH offen stehen. In einem übernächsten Schritt kann darüber nachgedacht werden, ob noch weitere Summer Schools – auch in anderen Ländern – in das Angebot aufgenommen werden. Kontakte hierfür bestehen bereits auch in anderen Fachbereichen. „Für andere Studenten, etwa des Ingenieurswesens, ist das Thema doing international business genauso interessant, weil wir in Deutschland in einem internationalen Umfeld leben. Es gibt kein Business ohne internationale Facetten“, meint Buerke.
Die Summer School war für die Studenten alles andere als eine organisierte Pauschalreise, in Punkto Erfahrung jedoch reicht sie an ein Auslandssemester nicht heran. Das ist aber auch nicht Sinn und Zweck, sondern, so Buerke: „Sie ist eine bewusste Erweiterung des Angebots, damit sich bei dem Thema Ausland noch mehr Studierende als heute in einem Ausmaß auskennen, das über die Theorie hinaus geht.“

(Fotos: Marcus Trämmler)

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. „Organisierte Verantwortungslosigkeit“ Bosnien erlitt Anfang 2014 schwere Flutschäden ­– nicht nur materiell, sondern auch politisch. Ein Jenaer Doktorand berichtet von seinen Eindrücken und die unique sprach mit dem Thüringer Georg Schiel, der sich vor Ort für behinderte Menschen einsetzt. unique: Herr Schiel,...
  2. Balancieren am Bosporus
    Deutsche Jugendpresse organisierte Projekt in Berlin und Istanbul
    von Christian Franke Am besten fängt man klein an, wenn man Balancieren lernen möchte, und nimmt sich langsam Größeres vor. So schien es eine gute Idee, eine Recherchefahrt der Deutschen Jugendpresse mit dem Titel „Balanceakt. Türkische Jugend abseits der Medien.“...
  3. Ein Blick zurück, ein Blick in die Ferne Was bewegt eine junge deutsche Frau dazu, 1968 nach Tansania aufzubrechen, um dort Entwicklungshilfe zu leisten? Erinnerungen an entlegene Dorfschulen, afrikanische Küche und Rinderimpfungen. von bexdeich Bereits als Kind hat mich eine Kappe aus Zebrafell fasziniert, die ich in der...
  4. memorique: Elefanten im Raum „Deutsche/s in Palästina und Israel“: Jenaer Studenten und Doktoranden erleben im Nahen Osten die Allgegenwärtigkeit von Geschichte und die innere Zerrissenheit eines Landes, die ihnen vorher nicht bewusst war. Wir sind in Israel, genauer in Nazareth und besichtigen einen deutschen...
  5. memorique: Deutschland und der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts Vor etwa hundert Jahren vernichteten deutsche Truppen in Namibia einen Großteil der einheimischen Herero und Nama. Eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung steht bis heute aus. von Reinhart Kößler Als erster der vielen Völkermorde des 20. Jahrhunderts wird oft der...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>