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Pelmeni statt Paella

14 November 2013 No Comment

Studieren mit mittelalterlichem Charme: Wasserkloster in Pskov (Foto: Julia Wick)

Erasmus-Semester in Spanien ist dir zu sehr 08/15? Mit dem neuen Austauschprogramm Erasmus Mundus kannst du u.a. Russland oder die Länder des Kaukasus erkunden. Eine Studentin beschreibt ihren Weg von Jena ins russische Pskov.

von Julia Wick

Pskov ist eine wunderschöne, altertümliche Stadt mit außergewöhnlichem Charme. Der Kreml der Stadt, die für viele altrussische Städte typische Festungsanlage, ist über 1.000 Jahre alt und die fünf Ringe an den Stadtmauern verzieren die Innenstadt auf ganz eigene Weise. Die Atmosphäre dort, ja sogar der Geruch sind nach wie vor mittelalterlich. Es ranken sich viele Legenden und Mythen um das Gebiet Pskov. Die Stadt ist weitaus größer als Jena und erinnert mehr an eine deutsche Großstadt. Die Außenbezirke sind ziemlich heruntergekommen und bilden mit den schlechten Straßen außerhalb der Innenstadt ein Mahnmal der wirtschaftlichen Lage.
Das Studentenwohnheim in der Leo-Tolstoi-Straße ist kein königlicher Palast, bietet aber Einzelappartements mit Balkon, Küche und eigenem Bad. Die Dame, die das Wohnheim betreut, Zoja, ist sehr fürsorglich: Ganz egal, welches Anliegen man hat, sie wird einen Weg finden, die Wünsche der Bewohner zu erfüllen, auch wenn es manchmal etwas länger dauert – wie zum Beispiel die Internetverbindung einzurichten.
Das Stipendium umfasst Unterkunft, Krankenversicherung sowie alle Reise- und Unkosten, die auf einen zukommen. Zudem erhält man monatlich satte 1.000 Euro Taschengeld. Das ist in Russland eine Menge Geld: Hier in Pskov beträgt der Mindestlohn etwa 100 Euro (3.600 Rubel). Man kann sich also als Stipendiat sehr glücklich schätzen, auch wenn die Lebensmittelpreise in etwa so hoch wie in Deutschland sind.
Auf einem Informationsabend des Internationalen Büros erfuhr ich von der Möglichkeit eines Stipendiums der Organisation Eranet Mundus und habe selbst zunächst an St. Petersburg gedacht. Da ich Russisch und Philosophie auf Lehramt studiere, habe ich mich allerdings für Pskov entschieden, wo die Universität einen Schwerpunkt auf Pädagogik setzt. Die PSPU (Pskov State Pedagogical University) hat 15 Fakultäten – allerdings keine Philosophische Fakultät wie bei uns. Die Philologischen Fakultät und die Fakultät für Fremdsprachen, an denen ich stattdessen studiere, sind beide im Zentrum. Doch abhängig davon, an welchen Fakultäten man Kurse besuchen möchte, sollte man bereit sein, Laufwege in Kauf zu nehmen, die nicht so kurz sind wie in Jena.
Besonders angenehm ist an Pskov, dass man als Student aus dem Ausland ganz individuell betreut wird. In Moskau oder St. Petersburg kann es viel eher passieren, dass man in der Masse untergeht. Hier bekommt man in jedem Fall eine ganz persönliche Beratung und Hilfestellungen zu allen Anliegen. Es ist hilfreich (wenn nicht sogar erwünscht) sich persönlich den Dekanen vorzustellen, da diese bereit sind, auf die persönlichen Präferenzen einzugehen und den Studenten in allen Belangen Hilfe zu leisten. Falls man nun doch, aufgrund der Sprachbarriere oder Sonstigem, Schwierigkeiten haben sollte, sich zurecht zu finden, wird einem ein Student als Helfer zugewiesen. Die Kommilitonen sind sehr neugierig, da Pskov bisher noch kaum über längeren Zeitraum ausländischen Besuch an der Universität hatte. Eine der Studentinnen holte mich sogar persönlich vom Flughafen in St. Petersburg ab.
Nach der ersten Woche deutsch-russisch-englischen Austauschs kann ich jedem diese Reise nur wärmstens ans Herz legen. Man sollte sich nicht wundern, dass die ersten Wochen etwas chaotisch erscheinen und sich darauf einstellen, dass die Organisation in russischen Universitäten eher von ad-hoc-Entscheidungen dominiert ist. Doch alles in allem sind die Menschen äußert pflichtbewusst und zielstrebig, was einem ernst gemeinten Studienaufenthalt nur zu Gute kommt.

Die FSU Jena bietet für das akademische Jahr 2014 / 2015 wieder Stipendienprogramme für den Austausch mit Universitäten in Russland, Weißrussland, der Ukraine, Moldau, Georgien, Armenien und Aserbaidschan an. Die Bewerbungsfristen der verschiedenen Programme sind jeweils unterschiedlich; die erste endet Mitte Dezember. Interessierte wenden sich an die Erasmus Mundus-Koordinatorin, Frau Stefanie Waterstradt, im Internationalen Büro: stefanie.waterstradt@uni-jena.de

Weitere Infos: eranetmundus.ub.edu oder eranetplus.ub.edu/eranet

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