Home » LebensArt, Leitartikel

Rezension: VerFLIXte Lügengeschichten

21 August 2016 No Comment

Flix, einer der bekanntesten deutschen Comic-Künstler, nimmt sich den Lügenbaron Münchhausen vor, überlässt das Zeichnen aber seinem Kollegen Bernd Kissel. Das Ergebnis begeistert mit kreativem Plot und klugem Witz.

von Frank

Erst Faust, dann Don Quijote: Nach zwei waschechten National-Epen aus der ersten Liga der Weltliteratur begibt sich der Berliner Zeichner Flix nun ins Metier der volkstümlichen Erzählungen. Und wie schon bei den beiden früheren Adaptionen präsentiert er uns den Helden als einen aus der Zeit Gefallenen: Der berühmte Baron Münchhausen taucht im London des Jahres 1939 auf. Oder zumindest ein Mann, der steif und fest behauptet, eben jener Adlige zu sein – und geradewegs vom Mond zu kommen. Ein Schwindler? Ein Verrückter?
Das zu ergründen rufen die Briten, die den seltsamen Besucher auf dem Dach des Buckingham Palace aufgegriffen und als vermeintlichen deutschen Spion inhaftiert haben, niemand geringeren als Doktor Sigmund Freud zu Hilfe. Während nun „der letzter derer von Münchhausen“ klar macht, dass er eigentlich nur schleunigst „zum Kaiser“ will (gemeint ist Wilhelm II.), muss er sich zunächst vom britischen Geheimdienst allerlei Fragen gefallen lassen: „Sie Sie ein Spion?“, „Arbeiten Sie für Adolf Hitler?“ – der alte Freud hingegen versucht es zunächst mit einem routinierten „Wie war Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter?“
Flix gelingt es bei seiner Modernisierung literarischer Klassiker, auch Ernsthaftes einzuflechten – etwa das Thema Demenz in seinem Don Quijote. Hier nun widmet er sich, gemeinsam mit seinem Kollegen Bernd Kissel als Zeichner, auf fast 200 Seiten der Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Das Ergebnis ist darum auch beileibe kein klassischer „Kinder-Comic“: Es gibt körperliche Gewalt, Sex, (Kriegs-)Tote; bisweilen bringen die eigentlich unterhaltsamen Berichte des Barons eine regelrecht düstere Stimmung mit sich.

Kissels schwarzweiße Zeichnungen erinnert dabei stark an frankobelgische Comics (etwa Spirou), was nicht verwundert, erhielt er doch seine Ausbildung zum Trickfilmzeichner am „Lycée technique des Arts et Métiers“ in Luxemburg. Sein Können zeigt sich nicht nur in der detailgetreuen Umsetzung von Witterung, Gebäuden oder Innenräumen; visuell genial löst er auch die Verbindungen zwischen Therapiesitzungen und Rückblicken des Barons. Diese Rückblenden führen uns mit Münchhausen unter anderem ins kaiserliche Berlin des Jahres 1913 („Soldat willste wer’n? Dit woll’n alle!“), ins sommerliche Sarajevo des Attentatstages 1914, zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, in den denn auch der allseits bekannte Ritt auf der Kanonenkugel verlagert wird.
Durch diese neue Einbettung bekannter Lügengeschichten bleibt Münchhausen von Flix und Kissel spannend bis zum Schluss. Dazu trägt vor allem die Rahmenhandlung mit Freud und dem britischen Geheimdienst bei (Freud lebte am Vorabend des Zweiten Weltkrieges tatsächlich – über 80 Jahre alt und schwer krebskrank – im Londoner Exil, nachdem er Wien nach der Machtübernahme der Nazis verlassen hatte). Das Ende der Geschichte kommt unerwartet, ist aber ebenfalls großartig erzählt.
Einziges Manko an diesem Mix aus Coming of Age-Story und Alternativgeschichte des 20. Jahrhunderts: Es bleibt unklar, was eigentlich das Thema ist. Sind die immer wieder eingeflochtenen Fragen (Was ist wahr? Was ist Lüge? Und wo ist der Unterschied?) wohlmöglich nur vordergründig von Bedeutung für diesen Comic? Aber vielleicht ist es ja gerade das Verdienst von Flix und Kissel, dass sie nicht zu sehr aufs Tiefgründige abheben.
Dafür werden uns schließlich andere brennende Fragen beantwortet! Nämlich: Wie kommt man zum Mond? Und was findet man auf dessen Rückseite? Die Antwort auf letztere Frage sei hier bereits verraten: Erdbeeren! Oh, und Steve Jobs! Wer jetzt glaubt, das sei gelogen, der liest am besten selbst…

Flix & Bernd Kissel:
Münchhausen – Die Wahrheit übers Lügen
Carlsen 2016
192 Seiten
17,99€

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Rezension: Nationalistisch verblendet, oder: Die „monkey hangers“ Der Comic Der Affe von Hartlepool erzählt eine Geschichte von aberwitziger Lynch-Justiz, wie sie Nationalismus und Fremdenhass hervorbringen können. Eine Lese-Empfehlung. von Frank Wir sind im Jahr des großen Jubiläums: Im Oktober vor nunmehr 200 Jahren schlugen die Truppen...
  2. Rezension: The Marvellous Age of Comic Books Hulk, Spiderman und ein Kinnhaken für Hitler: Der Bildband 75 Years of Marvel illustriert die bewegte Geschichte des populären Comicbook-Konzerns. von Anna Spätestens seit der Verfilmungen der X-Men und der Avengers ist Marvel auch denjenigen ein Begriff, die noch niemals...
  3. Wie Faust Spanisch lernte… … und ein Waschbär nur drei Beine bekam: Wir sprachen mit dem Comiczeichner Flix über seine Adaptionen literarischer Klassiker, Zeichner-Freundschaften und über Hater und Trolle in der Leserschaft. unique: Faust, Don Quijote und die Weihnachtsgeschichte – warum gerade Adaptionen von Klassikern?...
  4. Rezension: Rassismus im Mikrokosmos Eine franzöische Graphic Novel führt uns in die Kolonialzeit zurück – und stellt dabei erschreckend aktuelle Fragen. von Frank Auf dem französischen Schiff, das 1842 Neukaledonien im südlichen Pazifik verlässt, sind unter anderem der Naturforscher Pierre Delaunay und sein...
  5. Rezension: Friedhof der Träume 2012 kam die somalische Olympionikin Samia Yusuf Omar beim Versuch der illegalen Einreise nach Europa ums Leben. Reinhardt Kleist hat ihr mit der im Carlsen-Verlag erschienenen Graphic Novel Der Traum von Olympia ein Denkmal gesetzt. von Robert Peking 2008,...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>