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Geschichte(n), nur anders

27 August 2014 No Comment

(Foto: © Jeff Busby)

Im 25. Jubiläumsjahr widmete sich das Kunstfest Weimar bereits in seiner ersten Woche zwei historischen Großthemen – in beiden Fällen auf durchaus unkonventionelle Art und Weise.

von Frank

Man spürt schon ein wenig, dass an diesem Samstagabend etwas besonders ist in Weimar. Im Foyer des Deutschen Nationaltheaters steht Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht neben Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf; adrette große Herren mit „Knopf“ am Ohr stehen in ihrer Nähe, sie selbst schüttelt emsig Hände und nippt etwas angespannt an ihrem Wasserglas. Die CDU-Landesvorsitzende wird an diesem 23. August eines der Highlights des tags zuvor eröffneten Kunstfestes erleben: Das australische Back to Back Theatre, eines der international gefragtesten Theater-Ensembles aus Down Under, ist sonst in Städten wie Dublin, Zürich, Tokio oder Helsinki zu Gast. Weimar bildete den einzigen deutschen Veranstaltungsort in diesem Jahr. Ebenfalls etwas Besonderes an diesem Abend: Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Lebenshilfe-Werk Weimar/ Apolda e.V. und mit Unterstützung von Aktion Mensch statt – das Back to Back Theatre arbeitet größtenteils mit geistig behinderten Darstellern.
Ihre mehrfach preisgekrönte Inszenierung Ganesha gegen das Dritte Reich arbeitet mit zwei Erzählsträngen. Der erste führt uns tief in die Geschichte der Nazi-Zeit: Der Gott Shiva ist voller Zorn darüber, dass Hitler das hinduistische Symbol Swastika ‚gestohlen’ hat – jenes Hakenkreuz, das seit 1935 zum zentralen Bestandteil der Flagge des Dritten Reiches geworden war. Aus Wut will Shiva nun die Menschheit vernichten – sein Sohn Ganesha will das verhindern, indem er auf die Erde reist und das gestohlene Glückssymbol zurückholt.

Ganesha in Auschwitz
Startpunkt Ganeshas ist ein deutsches Konzentrationslager, wo er gefangen genommen und wegen seines charakteristischen Elefantenkopfs als „Abartiger“ klassifiziert wird, der die Faszination eines gewissen Dr. Josef Mengele weckt. In Auschwitz also trifft die indische Gottheit den Juden Levin, dessen Familie getötet wurde und der von Mengele nur vor dem Tod bewahrt worden war, um qualvolle Experimente an ihm durchführen zu können. Beide fliehen aus dem Lager und begeben sich auf die Reise ins „Herz der Nazi-Welt“: nach Berlin. Dank visuell famosem Lichtdesign verfolgen wir sie unter projiziertem Sternenhimmel, in dunklem Wald oder der zerbombten Reichshauptstadt als eine Art überdimensionaler Scherenschnitt im Hintergrund.
Parallel dazu wird im zweiten Handlungsstrang erzählt, wie vier Schauspieler mit ihrem Regisseur versuchen, dieses Ganesha-Stück auf die Bühne zu bringen – ein quasi fiktives Ensemble, dass (wie eben das Back to Back Theatre auch) aus geistig behinderten Darstellern besteht. Einzig der ‚Regisseur’, der gleichzeitig die Rolle Dr. Mengeles und anderer Deutscher übernimmt, ist nicht geistig behindert – ein Detail, dass für die Dynamik der Gruppe noch von großem Gewicht sein wird.
Wir begleiten den Schaffensprozess (die ‚Proben’) und die Emotionen, die eine solche Arbeit mit sich bringt, wie auch die ethisch-moralischen Probleme der Inszenierung („Was denken die Hindus, wenn wir ihren Gott benutzen?“). Mehr als einmal quittiert das Weimarer Publikum mit Szenenapplaus; noch häufiger sieht man Schmunzler, auch herzhaftes Lachen. Und plötzlich durchbricht der ‚Regisseur’ die vierte Wand, indem er sich an ein fiktives (aber eben ja doch anwesende!) Publikum wendet – und als „Perverse“ bezeichnet, die nur gekommen seien, weil sie „eine Freakshow sehen wollen“. Bisweilen beschleichen einen Zweifel oder gar die dunkle Vorahnung, er könnte Recht haben, bei einigen Lachern über das Geschen auf der Bühne – selbst den eigenen.

„Die Götter waren achtlos“
Eben diese Wendung macht nachdenklich; aber das gehört zu Ganesha gegen das Dritte Reich: das Selbstreflektierende – auf der Bühne wie im Zuschauerraum. Bei all der Dynamik auf der Bühne fragt man sich: Was ist ‚echt’ und was Fiktion? Zeitweise sind es nur die Übertitelungen, an denen man erkennt, dass hier gerade nicht frei improvisiert (oder gar real gestritten) wird! Ein solcher Moment ist es etwa, wenn die Macht des ‚Regisseurs’ in Kontrollwut, ja Tyrannei umschlägt. Überlegenheitsgefühle eines ‚Herrenmenschen’ gegenüber den ‚Minderwertigen’? Eine geplante Szene um eine (fingierte) Exekution per Kopfschuss eskaliert in herrischem „Auf den Boden! Auf die Knie!“-Geschrei des ‚Regisseurs’ gegen den perplexen Scott.
Hitler selbst hat letztlich nur einen kurzen Auftritt von etwa 2 Minuten: Ganesha stellt ihn schließlich im Berliner Führerbunker, um die Swastika zurück zu fordern. Der Diktator verspottet Ganesha, der sich wundert, wie überhaupt ein Sterblicher das heilige Symbol hatte stehlen können (Hitlers süffisante Antwort: „Die Götter waren achtlos“). Und selbst im Tod zeigt der NS-Führer sich noch siegesgewiss, auch wenn Ganesha letztlich triumphiert.
Das Publikum im DNT erhebt sich; minutenlange stehende Ovationen für die Australier. Ein unglaublich intensiver Theaterabend, der auch auf dem Heimweg noch nachdenken lässt. Der aber gleichzeitig vollauf begeistert – nicht nur mit einem genialen Konzept, sondern visueller Klasse und einer Darstellerriege von einmaliger Authentizität und Leidenschaft.

Held vs. Attentäter
Dass das Kunstfest im Jahr 2014 natürlich auch nicht am allgegenwärtigen Jubiläum des Ersten Weltkriegs vorbeikommt, zeigte sich mit zwei Aufführungen (25. und 26. August) des transnationalen Recherche-Theaterprojekts Schlachtfeld Erinnerung 1914/2014 im E-Werk. „Geschichte wird unterschiedlich verhandelt“, betonte Regisseur Hans-Werner Kroesinger in seiner Einführung, eineinhalb Jahre nach Beginn der Recherchen für das Projekt in verschiedenen Ländern Südosteuropas. Die vier Schauspieler (aus Belgrad, Wien, Berlin und Sarajevo!) waren bewusst angehalten, eigenes Material zu sammeln und einzubringen, um „unterschiedliche Versionen der Geschichte“ zu präsentieren, erklärte Kroesinger.
Im Mittelpunkt des Abends stand ganz klar Gavrilo Princip, der Attentäter von Sarajevo, dessen Schüssen am schicksalhaften 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger und dessen Gemahlin zum Opfer fielen. In kurzen ‚Vorträgen’ und Wortwechseln führten die Darsteller aber auch zurück bis zur Eroberung Sarajevos durch österreichische Truppen im August 1878 oder ließen die begeisterten Berichte der Reichspost im Oktober 1908 über die „Einverleibung Bosniens“ in den „pragmatischen Verband der Monarchie“ wieder aufleben. Eine etwas andere Art der Oral History könnte man sagen, die Pflöcke an Wendepunkten der Geschichte einschlägt. Ein solcher ist auch die Schlacht auf dem Amselfeld im Juni 1389, die einerseits den Beginn der langen türkischen Herrschaft über Serbien einläutete, andererseits – so zeigte Schlachtfeld Erinnerung – den Mord an einem fremden Tyrannen als Idee vorzeichnete, die 1914 eine neue Wendung fand.
Bemerkenswert ist auch der Wandel der Erinnerungspraxis, den das Stück anhand der am Ort des Princip-Attentats angebrachten Gedenktafeln zu illustrieren wusste: Die erste aus dem Jahr 1930, zu Ehren Princips angebracht, der „die Freiheit […] gebracht“ habe, wurde nach der Eroberung Sarajevos im April 1941 auf Hitlers persönlichen Wunsch hin entfernt und ihm zu seinem 52. Geburtstag überreicht. Am Tag nach der Befreiung der Stadt durch Titos Partisanen – am 7. Mai 1945 – wurde eine neue Gedenktafel angebracht, zur „ewigen Dankbarkeit an Gavrilo Princip und seinen kämpfenden Freunden gegen die germanischen Eroberer“. In seltsamem Zusammenfall liegen hier der eine Krieg in seinem Anfang und der andere in seinem Ende beisammen.
Die Folgezeit, vor allem die Ära des sozialistischen Jugoslawiens, spielen in Schlachtfeld Erinnerung dann aber kaum eine Rolle; größtenteils wurden Quellen und Ereignisse aus dem Zeitraum zwischen 1878 und 1941/45 bemüht. Die Herkunft der vorgetragenen Textauszüge bleibt dem Zuschauer während der Aufführung in den allermeisten Fällen unklar – was aus dem Mund der Darsteller er für bare Münze nehmen kann also auch. Das soll vermutlich zu umso größerer Sensibilität oder eigenständiger Beschäftigung mit dem riesenhaften Themenkomplex führen – inwiefern es das tatsächlich tut, muss naturgemäß fraglich bleiben (Aufklärung über das Material bot für Interessierte eine Broschüre, die nach Ende der Vorstellung erhältlich war).
Atmosphärisch profitierte Schlachtfeld Erinnerung nicht nur von ebenso sparsam wie gekonnt eingesetzten Soundeffekten (den Granaten, den Schüssen); es lebte auch von den fast ununterbrochenen dynamischen Interaktionen seiner Darsteller, sei es miteinander oder mit den Requisiten und Kulissen – nichts auf dieser Bühne, das nutzlos gewesen wäre! Dieses Wirbeln strahlte bisweilen sehr bewusst Unruhe aus, selten neigte es ins Chaotische. Doch allein angesichts der umfassenden Thematik konnte Schlachtfeld Erinnerung nicht anders, als eine Reihung historischer Anekdoten zu bleiben. Neue Zusammenhänge sollte man hier nicht suchen – geistige Anregung fand man aber allemal.

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