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Wie Faust Spanisch lernte…

23 Februar 2016 No Comment

Comic-Künstler Flix: "Ich will den Leuten nicht die Welt erklären"

… und ein Waschbär nur drei Beine bekam: Wir sprachen mit dem Comiczeichner Flix über seine Adaptionen literarischer Klassiker, Zeichner-Freundschaften und über Hater und Trolle in der Leserschaft.

unique: Faust, Don Quijote und die Weihnachtsgeschichte – warum gerade Adaptionen von Klassikern? Und wie entstehen vor allem deine Ideen zu diesen Adaptionen?
Flix: Ich lese relativ gerne. Und meistens entstehen diese Ideen vor allem durch meinen persönlichen Bezug zu den Werken. Faust musste ich damals ja, wie viele andere auch, in der Schule lesen. Und wir hatten eine sehr interpretationskonservative Deutschlehrerin, die nur das hat gelten lassen, was in der Sekundärliteratur steht. Eigene Ideen wollte sie gar nicht erst durchgehen lassen. Ich hatte ziemlich schlechte Deutsch-Noten, weil ich meine ganz eigene Interpretation als Arbeit abgeliefert habe, die sie aber abgelehnt hat. Irgendwann meinte ein Schulfreund zu mir: „Hey, dann mach doch einen Comic aus deinen Ideen!“ Und das habe ich dann auch aus Faust gemacht – mein Comicdebüt sozusagen – das ich dann zehn Jahre später noch mal überarbeitet habe.

Viele deiner Comics werden auch in andere Sprachen übersetzt. Bist du am Prozess der Übersetzung in irgendeiner Form beteiligt? Und denkst du, dass mancher „spezifisch deutscher“ Humor auch in anderen Ländern verstanden wird?
Gerade bei Don Quijote war es das erste Mal, dass ich mich mit der Übersetzerin getroffen habe. Sie wollte das auch so, weil sie an bestimmten Stellen wissen wollte, was ich genau damit meine. Denn manches funktioniert nur in der deutschen Sprache. Also hat sie genau dafür explizit das spanische Pendant rausgesucht und genutzt. Das macht einen guten Übersetzer aus.

Wir haben sogar gehört, dass Schüler in Peru, die Don Quijote und Faust als Schullektüre eher langweilig fanden, deine übersetzten Comics einen ganz neuen Impuls gegeben haben, diese Klassiker zu lesen…
Ja, das funktioniert eigentlich für alle und überall (schmunzelt). Und das finde ich auch super! Schüler werden auch hier in Deutschland in vielen Klassen erstmal an meine Interpretation herangeführt, bevor sie sich dem eigentlichen Klassiker zuwenden. Dadurch wird ihnen der Zugang leichter gemacht.

Was schätzen deine Fans an deinen Comics? Was ist das Besondere an ihnen?
Puh, das ist schwierig… Ich versuche, vielen Leuten meine Comics zugänglich zu machen, ihnen etwas nahezubringen, meinen Humor mit ihnen zu teilen. Ich möchte Menschen mit meinen Comics erreichen. Das hat auch mit meinem einfachen Stil zu tun: Der Laie versteht es und kann es nachvollziehen. Ich versuche, nicht zu komplex zu gestalten.

Du hast als einer der ersten Comiczeichner auch damit angefangen, Comiclesungen zu machen. Wie sind deine Erfahrungen mit diesem Veranstaltungsformat und wie reagieren die Besucher?
Ich war ziemlich überrascht, dass es so positiv rübergekommen ist. Die Leute konnten sich ja erstmal gar nichts unter einer Comiclesung vorstellen, geschweige denn, wie so etwas funktionieren soll. Wenn sie aber erstmal da waren, fanden sie es gut. Natürlich gab es auch einige, die dann die jeweilige Geschichte nicht so gut fanden, aber selbst ich finde nicht alle Lesungen so toll, die andere Autoren so durchziehen. Aber die Comiclesung als Format an sich, das funktioniert.

Gab es jemals Momente, in denen du beim Zeichnen dachtest: „Oh verdammt, ich schaffe dieses Comicbuch nicht, das wird nichts“?
Das habe ich jedes Mal! Diesen Moment, wo ich denke: „Oh Gott, das wird nicht gut, das ist totaler Mist.“ Bei fast jedem Projekt komme ich immer an den Punkt, wo ich alles in die Tonne werfen will und dann ein halbes Jahr Arbeit umsonst wäre – aber es dann doch durchziehe. Das habe ich so gut wie immer, ich weiß aber auch nicht warum.

Deine Tochter ist die Protagonistin deines Comics, der aktuell in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheint. Denkst du, dass sie sich später so ähnlich verhalten wird, wie du es gerade zeichnest?
Ja, doch… Das ist so eine autobiografische Mischung: aus meiner eigenen Kindheit und den Erinnerungen und wie ich mir vorstelle, wie Kinder später „zu sein haben“. Ich habe aber keinen Waschbär – ich habe noch nicht mal eine Katze! Alles ausgedacht (lacht).

Du stehst in engem Kontakt mit deinen Zeichner-Kollegen Joscha Sauer und Ralph Ruthe. Tauscht ihr euch auch über aktuelle politische Entwicklungen aus?
Ja, das tun wir sehr stark. Und wir sind gerade deswegen befreundet, weil wir die gleiche Sichtweise auf die Welt haben. Da bezieht sich dann auch jeder von uns darauf bzw. zeichnet dazu etwas. Das entscheidet dann aber jeder aus dem Bauch heraus.

Versuchst du denn, als öffentliche Person auch politische Botschaften zu vermitteln?
Ich versuche das immer mal wieder und habe Folgendes gemerkt: Der wesentliche Unterschied, zum Beispiel zwischen Ralph – der ja so etwas viel stärker und öfter macht – und mir ist, dass er eine viel größere und breitere Leserschaft hat. Und wenn ich mich dann zu einem Thema politisch in den sozialen Netzwerken positioniere, merke ich, dass die Leute alle nicken und sagen: „Ja, das stimmt.“ – Es gibt im Grunde fast keine kontroverse Diskussion; fast so, als ob ich den Leuten nichts Neues erzähle! Das freut mich einerseits auch, denn ich bestätige mit meiner Arbeit deren positives Weltbild. Das ist meine Aufgabe. Ich will den Leuten nicht die Welt erklären, sondern mit meiner Haltung auch ihre unterstützen. Bei Ralph geht’s in den Kommentaren unter seinen Bildern ja ziemlich konträr zu. Wenn man sowas liest, denkt man: Mein Gott, was sind das für Idioten! Gerade nach den Anschlägen in Paris merke ich, sobald ich mich darauf beziehe, wie vernünftig meine Leserschaft ist. Dieses Phänomen von Trollen und Hatern habe ich bisher in meiner Timeline noch nie erlebt. Das hat wohl mit meinem Umfeld zu tun.

Tauscht ihr drei euch denn auch beruflich untereinander aus?
Mitunter gibt’s viel gegenseitige Kritik. Gerade als ich innerhalb sehr kurzer Zeit den neuen Comicstrip für die FAZ entwickelt habe, habe ich viel mit Ralph und auch mit Joscha telefoniert. Da gab es dann unter anderem auch viel an den Waschbären auszusetzen. „Du musst ihn viel krasser machen, der muss aggressiver sein, ein bisschen ambivalenter!“

Und deswegen hat der Waschbär auch nur drei Beine?
Ganz genau! Solche Dinge!

Wir danken dir für das Gespräch!

Das Interview führten Belind und Yasmina.

Flix, mit gebürtigem Namen eigentlich Felix Görmann, reichte im Rahmen seines Studiums der bildenden Künste einen autobiografischen Comic als Diplomarbeit ein. Seitdem folgten zahlreiche Werke und mehrere Auszeichnungen, darunter auch zweimal der renommierte Max-und-Moritz-Preis (2004 und 2012).

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