Träume sind Schäume

von Thomas Honegger, Professor der anglistischen Mediävistik an der FSU


Illustration: Ema Wolfram

Es ist nichts Außergewöhnliches, dass Wörter im Laufe der Jahrhunderte einen Bedeutungswandel durchmachen. So wurde aus dem westgermanischen *knehta- ‚Knabe, Jüngling‘ im Deutschen der Knecht und im Englischen the knight, was auf den ersten (und auch noch zweiten) Blick einen großen Bedeutungssprung darstellt. Im Falle des Wortes ‚Traum‘ hat sich die moderne Semantik nicht ganz so weit von der ursprünglichen Bedeutung entfernt.

Diese ist im Kontext des Trugs und der Täuschung zu verorten. Alle Wörter, die auf das protogermanische *draugmas (‚Täuschung, Illusion‘) zurückgehen, haben diese Bedeutung, die noch im Titelzitat „Träume sind Schäume“ mitschwingt. Daneben hat sich jedoch mehr und mehr eine positive Konnotation durchgesetzt. So sprechen wir vom ‚Traumjob‘, ‚Traumurlaub‘, ‚Traummann‘, ‚Traumhaus‘ etc. und müssen eine negative Bedeutung explizit mit Hilfe eines ergänzenden Adjektivs oder Suff ixes markieren – wie in ‚das war nur ein schlechter Traum’ oder ‚Albtraum‘ (wobei das ‚Alb-‘ [< ‚Elbe‘] eine eigene Sprachkolumne verdienen würde). Die überwiegend positive Konnotation von ‚Traum‘ im modernen Sprachgebrauch ist also eine relativ neue und nicht eindeutig zu erklärende Bedeutungsverschiebung. Denn die ‚echten‘ Träume, die jeder Mensch nachts durchlebt, sind kaum mit den Wunschträumen im Wachzustand vergleichbar.

Nun waren die Menschen schon immer fasziniert von dem, was sich jede Nacht vor ihrem inneren Auge abspielte. Sowohl in der Antike als auch im Mittelalter suchten sie deshalb nach Erklärungen für ihre Träume. Grundsätzlich gab es zwei Erklärungsansätze: den physiologischen, der die Träume als Produkt körperlicher Prozesse im Rahmen der mittelalterlichen Säftelehre sah, und den theologischen, der sie mit der Sphäre des Übernatürlichen (Götter, Dämonen, Gott usw.) in Verbindung brachte. In beiden Fällen sind Träume zwar aufschlussreich, müssen jedoch genau auf ihre Herkunft überprüft werden. Wenn die Träume Ausdruck einer humoralen Disbalance sind, dann kann ein traumkundiger Arzt eine Diagnose erstellen und mithilfe einer Diät den Körper wieder ins Gleichgewicht bringen. Ist der Traum jedoch übernatürlichen Ursprungs, dann muss der genaue ‚Absender‘ festgestellt werden, damit man nicht den böswilligen Täuschungen des Teufels bzw. der Dämonen zum Opfer fällt. Zudem muss er richtig interpretiert und die göttliche Botschaft entschlüsselt werden. In diese Kategorie fallen u. a. die bekannten biblischen Träume, die für König Nebukadnezar durch den Propheten Daniel (Daniel 2) bzw. für den ägyptischen Pharao durch Joseph (Genesis 41) gedeutet wurden.

Selbst in unserer modernen Welt ist das Verhältnis zu den Träumen immer noch von diesen beiden Ansätzen geprägt, auch wenn wir zur Beschreibung ein wissenschaftlicheres Vokabular verwenden. Die ‚unbedeutenden‘ Träume sind Symptome des Verarbeitungsprozesses der während der Wachstunden erlebten Ereignisse. Die ‚bedeutenden‘ Träume hingegenwerden nun als Botschaften unseres Unbewussten gedeutet, die es – wie im Alten Testament die ‚gottgesandten Träume‘ – durch eine fachkundige Person zu entschlüsseln gilt. Nur wenden wir uns heute nicht mehr an Propheten und Traumdeuter:innen, sondern an Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen, die uns dabei helfen sollen, die substanziellen Träume von den ‚Schäumen‘ zu unterscheiden.

Träumen scheint auf jeden Fall eine zutiefst menschliche Eigenschaft zu sein. Allerdings wird sich angesichts der rasanten Entwicklung der KI die Frage, ob Androiden von elektrischen Schafen träumen, vielleicht schon sehr bald mit neuer Dringlichkeit stellen. Philip K. Dick hat sie bereits 1968 in seinem Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen (engl. Original: Do Androids Dream of Electric Sheep), der 1982 unter dem Titel Blade Runner verfilmt wurde, aufgeworfen – und in gewisser Weise affirmativ beantwortet.


Beitrag veröffentlicht

in

,

von