„Wie Sigmund Freud Träume auslegt, da können Sie auch zum Schamanen gehen.“

Tod, Schlaf, Albtraum, ausgeliefert sein. Schon immer löste der Zustand, in dem wir fast ein Drittel unseres Lebens verbringen bei uns Menschen Faszination und auch Angst aus. Doch was passiert wirklich in diesem geheimnisvollen Zustand, und warum träumen wir überhaupt? Im Interview mit der unique verrät Dr. Sven Rupprecht, warum er von Freuds Traumdeutung nichts hält, wieso der Tiefschlaf gegen Demenz helfen kann und welche Mythen über Schlaf wirklich stimmen.

von Rania Lau und Rebecca Hinrichs


Illustration: Ema Wolfram

unique: Welche Mythen oder Irrtümer über Schlaf und Träume begegnen Ihnen in Ihrer täglichen Arbeit am häufigsten?

Dr. Sven Rupprecht: Ein Mythos, der auch zur krankhaften Verarbeitung von Schlafstörungen beiträgt, ist, dass ich immer meine acht bis neun Stunden Schlaf unbedingt brauche. Das ist ganz klar die mittlere Schlafdauer bei uns, aber das ist an sich ein Mythos, der sich auch in den Köpfen festsetzt und dann teilweise Schlafstörungen begünstigen kann. Inzwischen auch ein Mythos ist der Gebrauch irgendwelcher Wearables, wie etwa Smartwatches. Die sind momentan sicherlich technisch nicht dazu geeignet, Schlaf akkurat zu messen. Die messen eigentlich nur die Pulsaktivität, also die Herzaktivität, und daraus wird dann zurückgerechnet, wie das autonome Nervensystem funktioniert. Und dann versuchen sie, davon auf eine Schlafstörung rückzuschließen. Das ist Quatsch. Also, es gibt einen gewissen Hinweis auf Aktivität, aber eine Schlafstadienanalyse geht damit nicht, sonst wären wir ja auch arbeitslos.

Beeinflussen Schlaf-Wearables unsere Wahrnehmung von Schlaf – etwa, wenn wir morgens sehen, dass wir angeblich schlecht geschlafen haben?

Es gibt sicherlich immer Nächte, in denen wir weniger schlafen. Es ist aber auch so, dass von Menschen mit Schlafstörungen, die weniger schlafen, keine akute Gesundheitsgefährdung ausgeht. Jedoch kann darüber eine Fehlwahrnehmung über den Schlaf erfolgen und damit eine Negativkonditionierung entstehen. Da kann man schon reinrutschen, aber normalerweise holt sich der Körper den Schlaf, den man braucht.

Was sind denn Faktoren, die den Schlaf negativ beeinflussen können?

Was natürlich passieren kann, ist, dass über innere oder äußere Einflüsse Störungen entstehen. Wenn ich zu wenig schlafe, weil ich etwa in der Karl-Liebknecht-Straße wohne und es zu laut ist, ist das zum Beispiel ein externer Faktor. Wenn ich zum Beispiel Atmenaussetzer durch Schnarchen oder unruhige Beine habe und der Schlaf wird dadurch gestört, dann ist das eher ein interner Faktor. Dann kann man natürlich schon in eine Schlafdeprivation rutschen.

Und wenn man mal einfach so aufwacht in der Nacht? Normal. Also wir sagen: ein- bis zweimal pro Nacht aufwachen, das soll man auch. Also alles, was unter 30 Minuten ist, ist eher nicht besorgniserregend, wenn man danach wieder normal einschläft. Aber das ist an sich auch sehr individuell.

Warum wacht man überhaupt in der Nacht auf?

Das sind alte phylogenetische, evolutionär geprägte Maßnahmen. Wenn wir einfach immer nur durchschlafen würden und keine Arousal-, also Weckreaktionen, hätten, dann wüssten wir ja nicht, was um uns herum passiert. Wenn wir so schlafen, dass wir nicht aufwachen, dann wären wir auch gefährdet. Dementsprechend bietet Aufwachen auch Schutz vor potenziellen Gefahren, wie etwa früher nicht vom Bären in der Höhle gefressen zu werden. Dementsprechend stellt der Schlaf einen sehr vulnerablen Zustand dar.

Die Brüder der Nacht

Für uns Menschen hatte Schlaf ja auch schon immer etwas Mythisches, Unerklärliches, vielleicht auch Beängstigendes. Warum denken Sie, ist das so?

Was sich vor allem durch die griechische Kultur schon immer durchzieht, ist die Verbindung zwischen Schlaf und Tod, also dieses klassische Prinzip von Hypnos und Thanatos. Das sind in der Mythologie zwei Zwillingsbrüder: Thanatos ist der sanfte Tod und Hypnos der Gottesschlaf. Und dieses dualistische Herangehen an Schlaf und Tod, das hat sich relativ weit immer fortgeführt. Zum Beispiel hat man quasi bis ins 19. Jahrhundert oft nicht im Liegen, sondern im Sitzen oder Halbsitzen geschlafen.

Wieso hat man das gemacht?

Unter anderem war das Flachliegen den Toten vorbehalten. Man verließ das Bett flachliegend, quasi nur auf dem Leichentuch. Also da hatte die Verbindung mit dem Tod auch auf das Schlafverhalten einen Einfluss. Ich denke, diese Verbindung zwischen Schlaf und Tod kommt daher, weil man ganz einfach vor dem Schlafen Angst hat, da das so ein todähnlicher, unkontrollierter Zustand ist, und man sich immer fragt: „Wache ich denn am nächsten Morgen wieder auf?“ Man fühlt sich ein bisschen ausgeliefert. Man ist ausgeliefert. Und das hat den Menschen wahrscheinlich immer Angst gemacht.

Gibt es denn medizinisch gesehen einen Zusammenhang zwischen Tod und Schlaf?

Das ist so eins meiner Lieblingsschmunzelvortragsthemen: Es gibt medizinisch, wenn wir das jetzt gesamt betrachten, keine Assoziation zwischen dem Schlafen und Sterben. Das Sterben ist viel mehr an den Tag als an die Nacht geknüpft. Es gibt zwar gewisse Risikopopulationen, wenn ich etwa herzkrank bin oder wenn ich nächtliche Atemaussetzer habe und dadurch die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, erhöht ist. Aber ansonsten ist es nicht so, dass man in der Nacht mehr stirbt als am Tag.

Viele Kunstwerke wirken auf uns ja so träumerisch und das Wort wird auch oft zum Beschreiben genutzt. Wie werden denn Schlaf und auch Träumen in der Kunst, gerade auch in verschiedenen Epochen, dargestellt?

Sie haben einmal diesen Begriff „verträumt sein“, der ja schon in der Kunst sehr ausführlich, gerade in der Romantik, verwendet wurde. Und verträumt sein ist eigentlich ja eher etwas Tagtraumartiges. Ich beschäftige mich mit mir selbst, ich bin nicht richtig da, ich bin verträumt. Das ist sicherlich ein wesentlicher Ich-Bezug auch in der Kunst. Der eigentliche Traum selbst wird aber häufi g mit einer negativen Assoziation verbunden und dargestellt. Da gibt es noch ein schönes Bild: Der Nachtmahr von Johann Heinrich Füssli. Das ist so ein dunkles, dämonisches Wesen, das auf einer Frau drauf sitzt. Es ist, als ob sie sogar stirbt und das Wesen drückt sie so richtig zusammen. Das ist ein klassisches Schlafbild.

Pingpong mit sich selbst

Was passiert beim Träumen und warum träumen wir überhaupt?

Also beim Träumen spielt das Gehirn quasi Ping-Pong mit sich selbst. Da sind verschiedene Komponenten. Also erstmal ist Träumen ein aktiver Zustand, sprich, das Gehirn und der ganze Körper sind da hochaktiv. Der ganze Körper ist hochaktiv. Auch das autonome Nervensystem ist teilweise viel aktiver als am Tag. Die Funktion von REM-Schlaf, auch Traumschlaf genannt, ist sicherlich Erinnerungskonsolidierung. Im Endeffekt müssen ja auch gewisse Sachen durchgespielt werden, um sie zu festigen. Auch emotionale Faktoren spielen dabei eine Rolle. Wenn man sich etwa Trauminhalte bei einer posttraumatischen Belastungsstörung anguckt, merkt man, dass hier das Erlebte im Traum immer wieder durchgespielt wird. Es spielen also vor allem Erinnerungs-Engramme eine Rolle, die wahrscheinlich sehr tief eingeprägt sind. Was natürlich auch teilweise extrem belastend sein kann. Es gibt auch albtraumartige Erkrankungen wie die REM-Schlaf-Verhaltensstörung, bei denen sich die Träume sehr ins Negative ändern. Aber warum wir ansonsten Traumbilder erleben, ist nicht ganz klar. Denn teilweise ergeben diese ja auch nicht immer Sinn.

Und sagen Träume etwas über uns aus oder ist das auch ein Mythos?

Hier sind wir sicherlich wieder beim Mythos! Die freudsche Herangehensweise der Traumdeutung, also der Rückschluss von Träumen auf innere seelische Konflikte, stimmt sicherlich nicht. Wie Freud Träume auslegt, da können sie auch zum Schamanen gehen und sich die Knochen nach dem Motto beurteilen lassen. Ich glaube, da sind bei ihm viel von seinen eigenen Obsessionen mit reingeflossen. Er hat ja gute Sachen gemacht, keine Frage, aber die Traumdeutung, die ist Quatsch. Obwohl der Sigmund als Bild da hinten steht bei mir an der Wand, bin ich kein Freund von dieser Traumdeutung.

Aber spiegeln Träume dennoch etwas wider, was in uns vorgeht?

Im Endeffekt werden Engramme – also die physischen Gedächtnisspurmuster im Gehirn, beziehungsweise die konkreten neuronalen Veränderungen, in denen eine Erinnerung gespeichert ist – durchgespielt. Dabei gibt es meiner Meinung nach aber schon einen Bezug zu Sachen, die uns bewegen, dass die im Traum irgendwie mehr vorkommen. Ich erinnere mich zum Beispiel an Träume, als man gelernt hat für die Examen und entsprechende Aufgaben im Traum durchgegangen ist und versucht hat, diese zu lösen. Oder wenn man den Verlust eines Menschen erleidet, zu dem man eine sehr intensive und wichtige Beziehung hatte, kann man von diesen Ereignissen auch mehr träumen. Das Gehirn holt da also schon Sachen hoch, die einen aktuellen Bezug haben oder uns gerade belasten. Das kann man unterschreiben. Was ich nicht glaube, und da ist die Traumforschung auch von weggekommen, sind diese Rückschlüsse auf psychodynamische Prozesse.

Warum erinnert man sich an manche Träume und an andere nicht?

Zum einen erinnern wir uns nur an die Träume, die direkt passieren, bevor wir aufwachen. Zum anderen ist sicherlich die Intensität von dem, was wir träumen, und welche Bedeutung das für uns hat, relevant. Also, wenn das jetzt ein schlimmer Traum war, ein Albtraum oder irgendwas Schönes, etwa, wenn ich vielleicht einen verstorbenen Menschen in dem Traum wiedergesehen habe, dann prägt uns das logischerweise mehr, als wenn ich davon geträumt habe, wie es auf Arbeit gestern war. All die anderen Sachen, die wir in der Nacht träumen, die rekapitulieren wir morgens nicht.

Träumt jeder Mensch jede Nacht?

Ja, wenn man es nicht medikamentös unterdrückt. Also, es gibt Träume im Non-REM-Schlaf und im REM-Schlaf. Das hat man über Weckexperimente, wo man die Leute immer geweckt und gefragt hat, rausgefunden. Typische Psychologie der 60er, 70er. Und da hat man auch gesehen, dass man im Non-REM-Schlaf auch träumt.

Solche Träume sind inhaltlich eher sachlich, problemorientiert. Der REM-Schlaf hat eher eine emotionale, oft auch persönlichkeitsbezogene Komponente. Die Inhalte sind auch unterschiedlich bei Männern und Frauen. Also zum Beispiel kommen sexuell gefärbte Träume im REM-Schlaf bei Männern in der Regel deutlich häufiger vor als bei Frauen.

Wie ist das mit dem Zyklus bei Frauen? Gibt es da Unterschiede im Träumen oder auch im Schlaf?

Sicherlich haben Hormone einen klaren Einfluss auf das Schlafempfinden und auf den Schlaf selbst. Progesteron zum Beispiel ist sehr schlaffördernd. Bei Zuständen mit sehr, sehr hohem Progesteron, zum Beispiel in der Schwangerschaft, ist es so, dass die werdenden Mütter sehr, sehr gut schlafen. Auch Frauen mit Schlafstörung berichten sehr häufig, dass das in der Schwangerschaft deutlich besser war. Ob das jetzt um den Eisprung anders ist, weiß ich nicht. Aber was sicherlich eine Rolle spielt, gerade auch bei Zyklus-Problemen, sind Schlafstörungen bei einem prämenstruellen dysphorischen Syndrom, einer schweren Form der PMS. Auch häufiger vorm Einsetzen der Periode.

Wie funktioniert luzides Träumen und hat das denn therapeutisches Potenzial?

Also, luzides Träumen kann man erlernen. Und zwar schon in solchen Träumen, wo man quasi schon ins Halbwach geht und dann anfängt, diese aktiv zu lenken. Mit einer gewissen Introspektionsfähigkeit geht das. Und das hat eine ganz große therapeutische Wichtigkeit bei Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung. In dieser sogenannten Dream-Rehearsal-Therapy erlernt man bewusst, immer gleich wiederkehrende Träume von belastenden Situationen zu steuern. Wenn jemand im Traum in eine bedrohliche Situation gerät – zum Beispiel in einem Raum, in den eine Person kommt, die ihm etwas Böses will –, kann man lernen, den Traum bewusst zu verändern. Die Betroffenen trainieren, den Traum in eine andere Richtung zu lenken, etwa den Raum zu verlassen, sich zu wehren oder einen anderen Ausweg zu finden. Ziel ist, wieder ein Gefühl von Kontrolle zu bekommen und sich nicht mehr als ausgeliefertes Opfer zu erleben. Das lässt sich tatsächlich relativ schnell erlernen: Oft reichen schon drei oder vier Sitzungen. Dabei analysiert man die Traumsituation und überlegt gemeinsam, welche Handlungsmöglichkeiten es im Traum geben könnte.

Was passiert im Gehirn, wenn wir schlafen, und warum ist das für unsere Gesundheit so entscheidend?

Über den Tag werden in unserem Gehirn immer wieder Synapsen gebildet aufgrund unserer Interaktion mit der Umwelt. Wenn ich jetzt zum Beispiel hier mit Ihnen sitze und spreche, werden Synapsen gebildet, weil ich Sie ja nicht kenne, ich muss Sie also abspeichern. Und bei allem, was am Tag so auf uns reinprasselt an Informationen, werden dann aber viel zu viele Synapsen gebildet. Die müssen dann in der Nacht alle wieder sortiert beziehungsweise eliminiert werden. Im Prinzip werden 90 % der gebildeten Synapsen im Schlaf wieder abgebaut, denn die Kapazität unseres Gehirns ist nun mal begrenzt. Also bleiben nur die wichtigen Synapsen.

Passiert das denn in allen der Schlafstadien?

Das ist so eine vorrangige Funktion des Traumschlafes. Wenn man sich etwa die Schlafstadienverteilung von Kindern oder vor allem Babys anguckt, merkt man, dass die viel mehr REM-Schlaf haben. Denn hier ist im Endeffekt der REM-Schlaf ganz besonders wichtig, um viele synaptische Verschaltungen zu machen. Deshalb haben die so viel REM-Schlaf, das nimmt dann mit dem Alter immer mehr ab, weil unsere Verdrahtungen dann auch fest werden. Also REM-Schlaf nimmt deutlich ab, Tiefschlaf aber auch.

Und was passiert im Tiefschlaf?

Im Tiefschlaf erholt sich der Körper. Das sieht man auch am Schlaf selbst. Da ist die Herzfrequenz sehr niedrig und die Atmung ganz regelmäßig. Wenn Sie sich das Gehirn angucken, haben Sie ganz langsame Wellen, die gleich schwingen.

Was sind neben dem Sortieren von neuen synaptischen Inhalten noch andere Funktionen des Schlafs?

In den letzten Jahren hat man rausgefunden, dass vorrangig im Tiefschlaf das Gehirn auch gereinigt wird. Alle anderen Körperteile haben eine Reinigungsfunktion über das Lymphsystem. Darüber werden auch Abfallstoffe ausgeschüttet und die Immunabwehr ausgeführt. Das Gehirn hat zwar seine arterielle und venöse Blutversorgung, hat aber keine klassische lymphatische Versorgung. Aber da das Gehirn ja mit die höchsten Stoffwechsel- und Proteinraten hat, muss das ganze Zeug ja irgendwo hin.

Und da hat man in den letzten 10 Jahren gesehen, wie das Gehirn damit umgeht. Das funktioniert über das sogenannte glymphatische System. Da werden die ganzen Proteine und Abfallprodukte unseres Gehirns gereinigt. Dieser Prozess wird auch purging of the brain genannt und findet vor allem im Tiefschlaf statt, was diesen so wichtig macht. Dieser kann vielleicht auch bei der Prävention von neurodegenerativen Erkrankungen eine Rolle spielen.

Wo liegt da der Zusammenhang?

Als wichtige Beobachtung in der Forschung gilt, dass auch die Akkumulation von Proteinen, die für neurodegenerative Erkrankungen eine Rolle spielen – Stichwort Alzheimer – möglicherweise durch diesen Prozess ausgespült wird. Das heißt jetzt nicht automatisch, dass Menschen mit chronischen Schlafstörungen akut gefährdet sind.

„Provokativ gesagt: Wenn man den Tiefschlaf vermehrt, dann wird man weniger dement.“

Aber wenn ich viele Jahre schlecht schlafe, kann ich ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen haben, etwa für die Alzheimer-Erkrankung. Das ist jetzt nicht wahnsinnig hoch, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich zu wenig Tiefschlaf habe und dann im Endeffekt diese Reinigungsfunktion über dieses glymphatische System nicht ausreichend funktioniert.

Bedeutet das, Tiefschlaf ist mit das Wichtigste, wenn es darum geht, dass man keine Störung entwickelt?

Das ist eine offene Frage und ein Hot Topic bei uns in der Forschung. Dazu forschen wir auch. Wir sehen aber, dass kognitive Leistung wie etwa Gedächtnis oder Lernen stärker an den REM-Schlaf gekoppelt ist als unbedingt an den Tiefschlaf. Das gilt auch für Menschen mit Schlafstörungen. Aber provokativ gesagt: Wenn man den Tiefschlaf vermehrt, dann wird man weniger dement. Das ist der Lifestyle-Faktor, den wir in der Hand haben, sodass ein gesunder Schlaf sicherlich dazu beiträgt, unsere Gesundheit bis ins hohe Alter zu erhalten.

Was sind die häufigsten Schlafprobleme bei jungen Erwachsenen, gerade in Stressphasen?

Also die häufigste Schlafstörung, sicherlich auch bei jungen Erwachsenen, sind Ein- und Durchschlafstörungen. Auch bei Studierenden, da diese vor allem in stressigen Situationen auftreten. Es ist völlig normal, dass ich auch mal schlecht schlafe, wenn ich zum Beispiel noch in der Examensvorbereitung oder in der Klausurenphase bin. Das ist dann aber situationsbezogen und muss keine allgemeine Störung bilden.

Gibt es da auch Persönlichkeitsunterschiede?

Die gibt es definitiv, gerade bei Menschen mit chronischen Ein- oder Durchschlafstörungen. Das sind a) häufiger Frauen und b) eine Persönlichkeitsstruktur, die so ein bisschen ins Anankastische tendiert. Also Menschen, die sehr genau und gewissenhaft sind und sich auch im Beruf und im Alltag sehr fordern. Das hängt oft damit zusammen, dass diese Menschen sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellen und Schwierigkeiten haben, abzuschalten oder Dinge loszulassen. Dadurch nehmen sie gedanklich häufig Arbeit oder Verpflichtungen mit nach Hause und stehen insgesamt unter einer dauerhaften inneren Anspannung und dann kommen halt noch Stressfaktoren dazu, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Und dann passiert die Konditionierung und so weiter. Und das alles kumuliert dann in der Schlafstörung.

Also vor allem, dass man sich auch selbst Druck aufbaut?

Das ist ein ganz großer Punkt, wo wir dann natürlich auch versuchen, einzuhaken, das heißt, den Druck da rauszunehmen. Entspannung ist da wichtig. Also wenn man beispielsweise in der Prüfungsphase als Student steckt, ist es auch darauf zu achten, sich aktiv Zeit zur Entspannung zu nehmen und genügend Schlaf zu bekommen. Manchmal macht es dann vielleicht mehr Sinn, etwas länger zu schlafen. Es nützt jetzt nichts, ob ich das Kapitel dann noch durcharbeite. Das wird mir für die Prüfung wahrscheinlich eh nicht helfen. Längerer Schlaf aber schon.

Wie sollte man sich also für einen guten Schlaf vorbereiten? Vor allem auch in stressigeren Klausurenphasen? Sollte man sich vielleicht eine Stunde nehmen, um sich zu entspannen, und dann schlafen gehen?

Man sollte ein bisschen was für sich tun, um runterzukommen. Das ist ganz unterschiedlich. Ob man eine Entspannungsübung macht oder ob man Fernsehen guckt. Da muss man auch gucken, dass man natürlich nicht den Horrorfilm schaut, der einen nicht schlafen lässt. Ich zum Beispiel kann mir so Actionfilme abends nicht angucken. Also insgesamt versuchen, etwas Druck rauszunehmen.

Man sollte abends auch nicht direkt vom Arbeitsprozess in den Schlaf gehen. Laptop zu und direkt schlafen klappt meist nicht. Vor allem bei Schlafstörungen empfehlen wir generell, das Zubettgehen ein bisschen zu ritualisieren. Hauptsächlich über regelmäßige Bettzeiten, aber danach ausgewichtet, wie das Schlafbedürfnis ist. Dem spricht das Studium schon von der Natur aus entgegen, das verstehe ich. Aber dass man einfach regelmäßig schläft. Und da ist jeder Schlafrhythmus okay. Also wenn ich jemand bin, der um 22 Uhr ins Bett geht und bis um 6 schläft, ist das okay, aber wenn einer um 1 Uhr ins Bett geht, aber um 7 Uhr raus muss wegen einer Vorlesung, da würde ich jetzt nicht sagen, das muss so sein.

„Das ist quasi chronischer Jetlag“

Zwar legt sich unser vorbestimmter Chronotyp, also unser Schlaftyp, erst Mitte 20 fest, aber eine vom Verhalten gesteuerte Verzögerung der Einschlafzeiten kann schon Einfluss auf unseren Schlaf haben. Aber man sollte jetzt auch nicht denken: „Okay, jetzt habe ich eine Schlafstörung, ich muss um 20 Uhr ins Bett.“ Das ist Quatsch, wenn ich erst um 24 Uhr einschlafe, das baut nur Druck auf.

Der legt sich noch fest?

Ja, dieser Schlaftyp legt sich etwa Mitte des 25. bis 30. Lebensjahres fest. Davor schlafen junge Menschen in der Regel morgens deutlich länger. Der jugendliche Mensch ist daher eher ein Eulentyp. Und der ältere Mensch wird immer mehr zum Lerchentyp, sprich, schläft früher ein und steht früher auf.

Kann man den Chronotyp auch aktiv beeinflussen?

Naja, das würde ich nicht sagen. Unser Chronotyp ist eigentlich determiniert. Meine Frau ist zum Beispiel eher ein Lerchetyp und wird früher müde. Ich bin genau andersrum und werde vor 1 Uhr eigentlich gar nicht müde. Logischerweise bin ich aber auch um 6 Uhr nicht fit. Also eigentlich müsste unsere Gesellschaft in diesem Bereich umdenken, dass man auf den Chronotyp Rücksicht nimmt. Gerade bei Schülern.

Also würde man manche Chronotypen nicht als Störung wahrnehmen, wenn unsere Gesellschaft anders funktionieren würde?

Die gibt es natürlich auch im Extrem. Es gibt Menschen, da sind die Schlafphasen massiv verschoben, sodass sie gesellschaftlich nicht zurechtkommen. Wenn mein Schlafrhythmus so ist, dass ich erst früh um 4 Uhr einschlafe und dann halt bis Mittag, dann bin ich für die normale Arbeitswelt bei uns nicht kompatibel. Aber diese Art von Rhythmusstörung ist selten. Das ist quasi chronischer Jetlag. Allerdings betrifft das auch vor allem junge Menschen, die dann in ihrem sozialen Aufstieg massiv gehandicapt sind, weil sie in der Gesellschaft nicht funktionieren. Ich hatte mal einen Patienten mit solchen nach hinten verschobenen Schlafphasen. Und der hat nicht mal einen Hauptschulabschluss geschafft, weil der halt früh einfach nicht wach war. Wir haben ihn daraufhin mit Melatonin behandelt, dann hat der ganz normal funktioniert. Da ist man nicht nur eine Eule, sondern eine kranke Eule.

Gibt es noch weitere Punkte, die man für einen guten Schlaf beachten kann, wenn man unter Schlafstörungen leidet?

Alkohol und Nikotin logischerweise meiden. Bei jemandem, der Schlafstörungen hat, sagen wir auch kein Kaffee nach dem Nachmittag mehr. Für normales Schlafen ist diese Regel auch nicht in Stein gemeißelt. Was ein wichtiger Fehler ist, den viele mit Schlafstörungen machen, ist, dass sie sich jetzt noch mal richtig beim Sport verausgaben. Das ist falsch. Danach ist man zwar ausgepowert, aber das autonome Nervensystem ist so richtig schön angeschoben. Und dann ist man zwar fertig, aber müde wird man nicht. Daher sollte man anstrengenden Sport abends eher meiden.

Wenn Sie den Lesenden eine zentrale Erkenntnis über Schlaf mitgeben könnten, welche wäre das?

Den Schlaf bewusst genießen lernen! Das ist mir wichtig. Es gibt Menschen, die führen zum Beispiel Traumtagebücher. Ich selbst mache das zwar nicht, finde es aber auch immer ganz spannend. Eine ganz spannende Phase ist, wenn man in den Schlaf reinrutscht, sich also quasi in diesem Transition-State befindet. Wo man auch mitkriegt, wie Realität beziehungsweise dieses Ich-Bewusstsein langsam wegschwimmt. Das ist eine faszinierende Erfahrung. Da muss man einfach mal ein bisschen Achtsamkeit draufhaben.


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