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Zwischen Astrophysik und Bierkühlung

3 November 2011 No Comment
(Foto: © SKY three)

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25 Jahre nachdem die wunderbare Knoff-Hoff-Show im ZDF auf Sendung ging, hat sich einiges verändert bei den Wissenschaftsshows im Fernsehen. unique hat sich auf dem weltweiten TV-Markt um- und ein paar dieser „Edutainment“-Magazine angesehen.

von Chrime & LuGr

Abend für Abend kurz nach 19 Uhr grüßen Aiman Abdallah und Kollegen gut gelaunt auf ProSieben. Dazu haben sie allen Grund: Ihre Sendung Galileo ist mit durchschnittlich 1,5 Millionen Zuschauern als Wissensmagazin gut aufgestellt. Die Themen setzen sich dabei aus den „Rätseln des Alltags“ zusammen, es gesellt sich dynamisch inszeniertes Spektakel hinzu. Deutschlands größtes Schnitzel und ein Bericht über BH-Tests haben eines gemein: eine spannende Episode um das jeweilige Thema. Vor allem bei einem jungen oder eher wenig gebildeten Publikum kommt das gut an. Das aus den USA stammende Konzept des storytelling ist dabei auch in deutschen Wissenschaftsmagazinen auf dem Vormarsch, um den Zuschauer an die Sendung zu binden, konstatiert Annette Leßmöllmann, Professorin für Journalistik an der Hochschule Darmstadt. Auch Formate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wie Quarks & Co. weisen diese Tendenz auf. Dort spielen aber trotzdem die Vermittlung von Fakten aus Biologie, Physik, Chemie und Psychologie mit häufigen Experten-Statements für ein höher gebildetes Publikum eine Rolle.

Russland: Galileo als Export-Weltmeister
Das Konzept von Galileo hat sich dabei als Exportschlager erwiesen und wurde unter anderem nach Litauen, Polen, Dänemark, Schweden und China transferiert. Das Format wurde mit einem kalauernden Moderator auch fürs russische Fernsehen adaptiert. Dort werden witzig und frech Aspekte des Alltags behandelt mit einem Fokus auf Verbraucherfragen wie beispielsweise dem „Innenleben“ einer Süßigkeitenfabrik. Beiträge über militärische Themen spielen neben Selbstversuchen des Moderators auch eine große Rolle. Während solche Formate dem deutschen Zuschauer bekannt vorkommen dürften, wirkt eine „Wissenschaftstalkshow“, die auf Deutsch übersetzt etwa „Geschichten aus der Zukunft“ heißt, eher ungewohnt. Abwechselnd kommen zu einem wissenschaftlichen Thema Experten im Studio zu Wort; es werden kleinere, mit Musik unterlegte Beiträge eingespielt, um den Zuschauer nicht zu überfordern. Während der Moderator ein renommierter Wissenschaftler ist, unterhält sein Bruder sehr gute Verbindungen zum Ministerpräsidenten und voraussichtlichen Präsidenten Putin.

UK: Harte Dinger und sensible Dokus
Gemäß dem britischen Humor-Selbstverständnis geht es im Galileo-Äquivalent Brainiac noch rauer und anarchischer zu. So lautet der Name einer Rubrik in der sechsten Staffel „How Hard Is Your Thing?“ (Übersetzung überflüssig). Dabei testet Sexbombe  Thaila Zucchi unter anderem eine Polycarbonatscheibe, eine Bowlingkugel oder einen Stahl-Safe auf beinahe absurd-klamaukige Weise darauf, wie „hart“ sich der jeweilige Gegenstand gegenüber einer ganzen Palette Ziegelsteine, einem Winkelschleifer und glühend heißem Thermit erweist. Die Infotainment-Sendung Brainiac trägt den treffenden Untertitel „Science Abuse“, was soviel wie „Wissenschaftsmissbrauch“ bedeutet. Dies äußert sich dann in den wissenschaftlichen Erörterungen zum optimalen Körpergewicht bei Erdbeben („Fat vs Thin“) oder dem, was Ex-Big-Brother und Moderator Jon Tickle nicht mit seinem Körper anstellen kann („Things Jon Tickle’s Body Can’t Do“). Häufig werden verschiedene Alltagsphänomene aber auch in krachenden, spektakulär inszenierten Experimenten „getestet“ – und in jeder Episode ein Wohnwagen in die Luft gejagt. Nicht umsonst hat Galileo sein „Galileo Experiment“ von den Briten entlehnt.
Aber natürlich darf man, im Land von Queen und Politeness, die lange Tradition der Wissenschaftsberichterstattung durch die BBC nicht vergessen. Als Hörfunkprogramm ging der Vorzeigesender bereits im Jahr 1922 auf Sendung und ist inzwischen auch im TV-Bereich ein weltweites Vorbild für Qualitätsberichterstattung, unter anderem im Feld der Wissenschaft. Mit dem naturwissenschaftlichen Spartenprogramm „Science & Nature“ leistet sich die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt einen eigenen Kanal, der die Zuschauer rund um die Uhr mit wissenschaftlich Fundiertem füttert. Zahlreiche beeindruckende Dokumentationen kaufte das deutsche Fernsehen von der BBC, einige, wie das sensible Ozeanporträt „Deep Blue“, schafften es hierzulande sogar in die Kinos.

Japan: Sieg der Zukunft in Fernost
Im asiatischen Raum spielt in Wissensmagazinen vor allem Technik eine Rolle, insbesondere in Japan. Modernste Technologie genießt einen für Außenstehende kaum nachvollziehbar hohen Stellenwert in der japanischen Bevölkerung und trägt maßgeblich zum Selbstverständnis der Nation bei. Hintergrund dieser positiven Konnotation sind historische Erfahrungen, erklärt Cosima Wagner, Japanologin an der Universität Frankfurt: „Die durch die USA erzwungene Öffnung Japans im 19. Jahrhundert und die Niederlage im Zweiten Weltkrieg führten zu einem Gefühl der technischen Unterlegenheit.” In den Jahrzehnten nach 1945 seien Innovation und Technik in Japan daher als unerlässliche Faktoren für wirtschafts- und außenpolitische nationale Stärke wahrgenommen worden, so Wagner. Infolgedessen entwickelten die Japaner immer rasanter neue Technologien, die sich heute vor allem in der Elektro- und der Automobilindustrie bei Branchenriesen wie Panasonic, Sony oder Toyota finden lassen.
Eines der populärsten Wissenschaftsmagazine ist Science Zero, das sich ganz diesem japanischen Selbstverständnis entsprechend als Magazin beschreibt, welches „State-of-the-Art-Technologie und wissenschaftliche Fortschritte vorstellt, die unsere Zukunft verändern können“. Hier tauchen Themen auf, die für einen sehr großen Teil der japanischen Bevölkerung tatsächlich eine ganz existenzielle Bedeutung haben: Was tun bei einem Erdbeben? Wie wirkt sich ein Tsunami aus, der auf das Festland zugerollt kommt?
Aber auch ein weiterer Bereich, der weltweit für großes Aufsehen gesorgt hat, wird immer stärker vorangetrieben: die Robotik. Entsprechend gespannt blickt auch die japanische Wissenschaftsberichterstattung im Land auf diesen Bereich. Roboter sollen in Zukunft zunehmend fehlendes Fachpersonal in der Alten- und Krankenpflege ersetzen. Eine der dringlichsten Fragen ist hierbei: Wie ähnlich dürfen solche Roboter ihren menschlichen Vorbildern tatsächlich sein, um von einer hilfsbedürftigen Person akzeptiert zu werden?

Journalismus oder Unterhaltung?
Als Wissenschaftsjournalismus kann man die Beiträge von Wissensmagazinen nur bedingt bezeichnen: In der Literatur oder wissenschaftlichen Zeitschriften wie P.M. oder Spektrum der Wissenschaft werden Methoden und Kritikpunkte zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen vorgebracht. Dagegen müssen Wissensmagazine im Fernsehen ihre Inhalte zunächst einmal optisch ansprechend und leicht goutierbar für eine breite Zielgruppe aufbereiten. „Wissensmagazine werden dabei nur unter der Maßgabe eines Unterhaltungsmediums präsentiert“, konstatiert Annette Leßmöllmann. So kann es schon einmal vorkommen, dass in derselben Sendung nach einem Beitrag zu unkonventionellen Möglichkeiten der optimalen Bierkühlung ein anderer über Neutrinoteilchen und neue Entdeckungen in der Astrophysik präsentiert wird.

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