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Venezuela verändern

7 November 2015 No Comment

(Foto: Carlos Díaz)

Nach über zehn Jahren Chávez und zwei Jahren Maduro-Regime befindet sich Venezuela am Rande des politischen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Eine ganze Generation protestiert gegen Korruption und politische Willkür. unique sprach mit Demonstranten.

von Lena

Dreizehn Jahre Gefängnis lautet das Urteil vom 11. September 2015 für Leopoldo López, den Chef der venezolanischen Oppositionspartei Voluntad Popular. Gewalt, Verschwörung und Aufruhr werden ihm von der Regierung vorgeworfen und mit einer langen Haftstrafe geahndet. Von jungen Venezolanern erntet López Respekt und Anerkennung. Der 24-jährige Umweltingenieur Javier aus Caracas huldigt den Widersacher der Sozialisten: „Man muss ihn bewundern für das, was er tut.“
Leopoldo López rief 2014 zu Demonstrationen gegen die Regierung des Staatschefs Nicolas Maduro auf. Tausende folgten seiner Aufforderung. Insbesondere die Studenten gingen auf die Straßen, um ihrer Hoffnung auf Veränderung Ausdruck zu verleihen. López ist für sie ein Silberstreifen in der dunklen Zukunft Venezuelas. „Erstmals hat jemand dem unfairen Regime wirklich die Stirn geboten“, beschreibt Javier rückblickend die Situation in Venezuela Anfang 2014 und ballt dabei seine Faust. Gabriela, eine 24-jährige Studentin aus dem Bundesstaat Táchira, spricht von einem Schlüsselmoment, auf den die jungen Venezolaner gewartet hätten. Bis zu 20.000 Demonstranten pro Tag äußerten damals ihre Missgunst über die Politik Maduros. Der Nachfolger des berüchtigten Hugo Chávez manövrierte sein Land in eine prekäre wirtschaftliche Lage. Die 23-jährige arbeitslose Ingenieurin Estefania fasst kopfschüttelnd zusammen: „Kriminalität, Versorgungsengpässe, Korruption und Inflation – das hat uns Maduros Politik eingebracht!“

Teure Lebensmittel, rollende Köpfe
Die Studenten bildeten zusammen mit anderen Oppositionellen aus dem parteiübergreifenden Bündnis Mesa de la Unidad Democrática eine entschlossene Front. Straßenblockaden im ganzen Land sollten Maduros strengem Sozialismus Steine in den Weg legen. „Die Politik der Regierung ist intolerant und diskriminierend“, beklagt sich Gabriela, „gehört man nicht der sozialistischen Partei an, hat man keine Chance auf einen Kredit, ein Auto oder gute Arbeit.“ Resigniert zuckt Estefania mit den Schultern und fügt hinzu: „Die Oppositionellen können sich kaum gegen die Regierung durchsetzen. Die Sozialisten um Maduro verbieten jede Art von Widerstand oder Meinungsäußerung gegen die sozialistische Partei. Die meisten Führungskräfte der Opposition wurden einfach verhaftet.“
Auch die Medien und die Journalisten dürfen nur noch mit Scheuklappen berichten. „Wir informieren uns über Facebook, Twitter und Instagram. Der Regierung ist es trotz zahlreicher Versuche nicht gelungen, die sozialen Netzwerke zu schließen“, lächelt Gabriela mit Genugtuung. „Trotzdem brauchen wir die Journalisten, um die Wahrheit Venezuelas in die Welt zu tragen“, alarmiert Javier, „die Regierung hält nur Reden voller Lügen. Niemand soll von der Gewalt und der Unzufriedenheit der Bevölkerung erfahren.“
Genau dieser Unzufriedenheit wollte auch Leopoldo López Raum geben. Die Enttäuschung der Bevölkerung über die Veränderungen in Venezuela betreffen beinahe alle Lebensbereiche. „Mittlerweile kann man alltägliche Produkte wie Mehl, Öl, Milch, Fleisch, Butter, Seife, Waschmittel, Shampoo und Zahnpasta nur noch einmal die Woche kaufen und bezahlt das Zehnfache des ursprünglichen Preises“, erklärt Estefania. „Für diese regulierten Lebensmittel steht man in endlosen Schlangen vor den Supermärkten an.“ Solche Situationen befeuerten den Widerstand der Massenproteste.
In Táchira enthauptete man ein Denkmal Hugo Chávez‘ – man wollte den Kopf des venezolanischen Sozialismus rollen sehen. Obwohl es schon genug rollende Köpfe in dem Land mit hoher Kriminalitätsrate gibt: „Jeden Tag sind die Zeitungen voll mit Morden. Einem guten Freund meiner Familie haben sie in die Brust geschossen, um sein Auto zu klauen. Zeugen sagten aus, er habe sich gegen den Raub nicht einmal gewehrt“, empört sich Gabriela. Auch die Gewaltbereitschaft der Polizei schockiert die jungen Venezolaner. Javier gestikuliert mit erhobener Hand: „Weder Polizisten noch Militärs haben Respekt vor den Menschen. Sie verletzen sämtliche Menschenrechte. Die Angriffe gegen die Proteste sind sehr brutal, sie benutzen Feuerwaffen gegen Menschen, die nur Flaggen und Trillerpfeifen bei sich tragen.“ Die Konsequenz waren 43 Tote und 800 Verletzte bei den Demonstrationen 2014.

„Es ist gut, dass sie uns fürchten.“
Doch den Wunsch nach Veränderungen konnte die Regierung nicht stoppen. Zum Jahrestag der Massenproteste schmuggelte López eine Botschaft aus dem Gefängnis und wieder protestierten Tausende. „Mein Leben hat sich in den letzten Jahren sehr drastisch verändert. Alles, absolut alles dreht sich in Venezuela um die politische Situation des Landes“, versucht Javier die Dynamik hinter den Protesten zu erklären. „Die politische Richtung einer Person gibt vor, ob sie dein Freund oder dein Feind ist. In ausnahmslos allen Gesprächen wird die Politik thematisiert. Musik, Kunst, Literatur – alles wird von der Politik überschattet.“
Gabriela blickt hoffnungsvoll in die Zukunft: „Der einzige Ausweg ist, einen Präsidenten wie Leopoldo López zu wählen, jemanden, der schon viel für unser Land gekämpft hat. Es wäre ein langer und harter Weg, aber wir würden es schaffen.“ Die Inhaftierung und Verurteilung López‘ haben die drei jungen Venezolaner stark erschüttert. Dennoch sieht Estefania darin keinen Rückschritt; es zeige vielmehr, dass die Regierung Angst hat vor dem Widerstand: „Es ist gut, dass sie uns fürchten. Wir alle stehen hinter López‘ und den anderen inhaftierten Demonstranten.“ Javier hat im vergangenen Jahr selbst über sechs Wochen mit anderen Studenten an seiner Universität protestiert: „Sechs meiner Kommilitonen wurden getötet“, berichtet er wütend. „Niemand war älter als 25 Jahre. Trotzdem würde ich es wieder tun.“ Estefania spricht für ihre Generation: „Der Sozialismus hat Venezuela ausbluten lassen. Aber wir werden viel Zeit und Arbeit aufwenden, um es wiederherzustellen.“ So wie Hugo Chávez den Traum vom „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ lebte, träumen nun die jungen Venezolaner von einem Venezuela jenseits der sozialistischen Stagnation.

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