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Im Schatten von Mythen und Kommunismus

4 März 2014 No Comment

Ilija Trojanow und Christian Muhrbeck reisten jahrelang durch Bulgarien, um die Facetten des dortigen Lebens zu erkunden. Der Leser erfährt es nicht, „wo Orpheus begraben liegt“, aber kommt der bulgarischen Seele näher.

von Szaffi

Wo Orpheus begraben liegt ist – gewollt oder ungewollt – in einem entscheidenden Moment, kurz vor dem Beitritt der zwei jüngsten EU-Staaten zum Schengen-Raum erschienen. Viele haben Angst vor Armutsmigration aus Bulgarien und Rumänien, aber nur ganz wenige kennen diese Länder. Dieses Buch bietet eine gute Möglichkeit, sensibler gegenüber fremden Kulturen zu werden, anstatt sich zu verschließen.
Der Band bietet eine gelungene Fusion von Reisebericht und Fotografie. Der bulgarisch-stämmige Schriftsteller Ilija Trojanow schreibt auf Deutsch und hat schon viele Länder bereist. Jetzt kehrt er mit dem Berliner Photographen Christian Muhrbeck zu seinen Wurzeln zurück und verfolgt die Spuren des mythischen Helden Orpheus, auf denen er Elend, menschliche Verhängnisse, eine postkommunistische Gesellschaft, beharrliche Traditionen und familiären Zusammenhalt findet. Der Schriftsteller und der Photograph reisten jahrelang quer durch Bulgarien. Die entstandenen Bilder und Texte setzen sich wie Mosaikstücke zu einem ungewöhnlichen Bild zusammen, voller Gegensätze über einen vergessenen Teil Europas. Es ist mehr als ein Reisebericht: Die Texte der einzelnen Kapitel wurden aus verschiedenen Erzählperspektiven und in verschiedenen Gattungen in einem feinfühligen Stil geschrieben.
Der Titel verspricht etwas Dichterisches, Mythologisches: Orpheus, der Held aus der griechischen Mythologie, wurde im Gebiet des Flusses Mariza in Südostbulgarien geboren und fand dort auch seinen Tod. Er war der Erfinder der Musik- und Tanzkunst. Auf einer Lyra, die er von Apollon geschenkt bekommen hatte, spielte er so schön, dass er von Dionysos-Anhängern getötet wurde. Laut der Sage wurde er in Stücke gerissen und sein Kopf in die Mariza geworfen. Aber dieser hörte nicht auf zu singen und singend erreichte er die Ägäis. Trojanow beschreibt mit suggestiven, lyrischen Worten die Geschichte von Orpheus, jedoch mit zynischen Bemerkungen ergänzt. Das Lyrische und das Zynische sind in den Texten eng miteinander verflochten; nach jedem schön und einfühlsam geschriebenen Hauptsatz folgt ein zynischer Nebensatz, der die Gültigkeit des vorher Gesagten aufhebt. Man kann nämlich in diesem Land nur mit gewissem Zynismus einerseits und mit Zusammenhalt anderseits die schwierigen Zeiten überleben. Die schwarz-weißen Bilder unterstreichen das Geschriebene, bringen die im Text geschilderten menschlichen Schicksale näher, fast zu nah. Denn auf den Fotos sind immer Menschen zu sehen, meistens in Nahaufnahmen. Text und Bild wirken auch separat, jedoch nebeneinander gestellt noch stärker und machen eine fremde Welt sichtbar: Nicht nur die kyrillischen Schriften auf den Fotos verunsichern den Leser über die mögliche Deutung, im Text sind auch türkische, rumänische und Romani Wörter verankert, die eine Art geheime Sprachebene bilden. Wer all diese Sprachen nicht kennt, dem bleibt die innerste Gedankenwelt der dort lebenden Menschen verschlossen. Aber vielleicht ist es gut so: „Ich bin davon überzeugt, dass ein Geheimnis manchmal mehr ausdrückt als eine Erklärung“, sagt Trojanow selbst.
Die Bilder und Texte sind in neun Kapitel gegliedert. Sie handeln von einfachen Menschen: Fischer, Bergwerker, Zigeuner, Gläubige und Trauernde, die alle nach einem besseren Leben strebten und vom Schicksal oder vom Staat – je nachdem, wie man es interpretiert – im Stich gelassen wurden. Aber trotzdem stehen diese Menschen jeden Tag auf, und versuchen ihr Leben trotz Unglück weiterzuführen. Sie beklagen sich nicht, aber sie merken alles. Im letzten Kapitel fährt eine junge Journalistin aus Sofia in eine verlassene Kleinstadt im Südosten Bulgariens, um über eine Beerdigung zu berichten. Der mit 100 Jahren Verstorbene und seine Familie haben durch die stürmischen Veränderungen der Machtverhältnisse alles verloren. „Wer vergibt der Welt?“, fragt die Witwe am Schluss des Buches. Diese Frage lauert hinter jeder erzählten Geschichte, in jedem Auge auf den Fotos und bleibt im Hinterkopf des Lesers stecken. Wo Orpheus begraben liegt ist eine Reise nach Bulgarien, in die Fremde, in die Vergangenheit, in uns selbst, bis zu unseren Göttern und Dämonen. Unberührt kommt niemand davon.

Ilija Trojanow, Christian Muhrbeck (Fotografien):
Wo Orpheus begraben liegt
Hanser Verlag 2013
224 Seiten
24,90 €

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