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Die Hand als Projektionskammer

27 Dezember 2014 No Comment

(Fotos: © Volker Gerling)

Volker Gerling ist Daumenkino-Künstler und präsentiert seine Schöpfungen auf der Straße. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch verfasst.

von Carolin

Ein Mann zieht sich die Mütze vom Kopf. Das lange Kopfhaar einer jungen Frau weicht einer Glatze. Ein Mädchen altert um sechs Jahre, wobei ihr selbstbewusstes Lächeln dasselbe bleibt. In wenigen Sekunden können sich diese Geschichten abspielen, zwischen den Fingern, im Rahmen einer besonderen Vorstellung. Der Künstler, Volker Gerling, ist Deutschlands erster Daumenkinograph. Seine kleinstformatigen Filme präsentiert er nicht in festen Spielstätten, sondern auf der Wanderschaft. Angeordnet auf einem Bauchladen trägt er seine Werke mit sich herum, um sie Neugierigen zu zeigen. Die erste dieser Reisen, unternommen im Jahr 2003, führte ihn in drei Monaten zu Fuß von Berlin bis nach Basel. Von ihr berichtet er in seinem 2013 erschienenen Buch Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt. Seither sind diese „Wanderausstellungen“, wie Gerling sie nennt, zu einem Grundprinzip seiner Arbeit geworden. Geld nimmt er keines mit, dafür aber seine fertigen Kurzkinos. Unterwegs trifft er Menschen, die seine Vorführungen besuchen, ihm dafür ein paar Münzen, eine Mahlzeit, einen Schlafplatz für die Nacht überlassen – und oftmals ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Denn um das Erzählen, vorrangig in Bildern und nun in Buchform, ging es Gerling stets.
In den späten 90er Jahren treibt den Berliner Filmstudenten die Idee umher, mit einer motorisierten Spiegelreflexkamera Filme zu drehen. Einzig das Gestellte, Arrangierte liegt ihm nicht. Schließlich gibt ihm die Mechanik seiner Nikon-Kamera die entscheidende Idee zur Überwindung der Pose ein: Drei Bilder schafft sie pro Sekunde; zwölf Sekunden dauert es also, bis ein Kleinbildfilm mit 36 Bildern belichtet ist. Über diese Zeitspanne schüttelt der laut ratternde Motor seiner Kamera die Porträtierten regelrecht aus ihrer Reserve. Mit der Feststellung, dass Gerling nicht nur ein Bild von ihnen macht, sondern schier nicht aufhören will, entstehen kurze Momente der Irritation. In den 36 Bildern, die ein jedes von Gerlings Daumenkinos hat, entblättern sich im wörtlichen Sinne Persönlichkeiten. So spielt er denn auch mit dem gewaltvollen Element der Kamera – die „schießt“ – und setzt es in Beziehung zu dem empathischen Grundzug seiner Bilder, in denen stets etwas Spontanes, Ehrliches zum Vorschein kommt.
Für den Besucher seiner Wanderausstellung werden diese Momente, in Daumenkinos gebunden, greifbar. „Die Hände derjenigen, die offen und neugierig genug waren, meine Daumenkinos zu betrachten, wurden zu einer Projektionskammer.“ So metaphorisch ist Gerlings Sprache in Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt nur selten. Vielmehr wählt er seine Stilmittel mit Bedacht, vermeidet Phrasen und Worthülsen. Die Dimension der Erfahrung ist für seine Kunst unabdingbar. Daher muss man sich durch seine Bilder blättern und daher muss er selbst mit ihnen durch das Land ziehen. Entscheidend ist auch, dass er dabei den Kokon der Berliner Kunstinteressierten-Welt verlässt, um den „Wert“ seiner Bilder außerhalb eingeweihter Zirkel und in der geographischen Peripherie zu erproben. Schreibend findet Gerling für diesen Lebensmodus einen Ausdruck, der auf den ersten Blick ebenso unspektakulär erscheint, wie seine Fotografien. Der Autor reißt den Leser nicht gleich mit und prahlt trotz seiner Affinität zum Schaustellertum nicht mit Sensationellem. Stattdessen hält er sich an die Schlichtheit, die auch dem Leben auf Wanderschaft zu eigen ist.
Damit überzeugt er Schritt für Schritt – den skeptischen Passanten am Wegesrand wie den Leser. Da fotografiert und schreibt jemand, der sich berauschen kann an der vermeintlichen Einfachheit des Lebens, an der Mannigfaltigkeit möglicher Lebensentwürfe. „Meine Aufgabe ist es, da zu sein, neugierig und offen zu bleiben.“ Gerling zufolge sind es die Lücken zwischen seinen Bildern, die ihnen ihre besondere Anziehungskraft verleihen. Immer sind Geschichten angedeutet, die die Bilder mittragen und die all seine Protagonisten mit sich herumtragen, wenn auch weniger offensichtlich als Gerling seinen Bauchladen.

Volker Gerling:
Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt. Zu Fuß durchs Land.
METROLIT-Verlag 2013
256 Seiten
18,99 €

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