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Rezension: Mehr als nur stumpfe, geile Scheiße

4 September 2017 No Comment

„Psychogramm eines emotional gestörten Gewalttäters“: Filmplakat zu „The Exterminator“

Dumm, reaktionär, niveaulos, pfui – so lautet gemeinhin das Urteil über den US-Actionfilm der 1980er Jahre. Die Filmblogger Nöding und Ewert rehabilitieren das Genre.

von David

Chuck Norris liest keine Bücher: Er starrt sie so lange an, bis sie ihm aus Angst sagen, was er wissen will… Vielleicht sollte er einen langen Blick auf Sauft Benzin, Ihr Himmelhunde! werfen, denn dieser Band hat, nicht nur über ihn, viel zu sagen. Die darin festgehaltenen Gespräche zwischen den beiden Filmbloggern Oliver Nöding und Marcos Ewert begannen 2006 – ein Jahr, nachdem die „Chuck Norris Facts“ anfingen, das mythologisierte Bild der Actionfigur Norris mit postmodern-ironischer Nerd-Attitüde zu veralbern. In ihren Texten machten Nöding und Ewert allerdings etwas vollkommen anderes: Sie erklärten nicht nur indirekt, wie die Mythologisierung des Darstellers zustande kam, sondern erkundeten ausführlich Körper und Seele des US-amerikanischen Actionkinos der 1980er Jahre. Sie taten dies völlig ironiefrei, ohne „Obwohls“ und „Trotzdems“, dafür aber mit einer bedingungslosen Liebe für ihr Subjekt und hohem analytischen Scharfsinn.
Es gehe um die Analyse von Filmen, „denen wir zu ihrem Recht verhelfen wollten“, so Nöding über das Anliegen der „Himmelhunde“-Dialoge – Filme, die oft mit kaum mehr als einer abfälligen Bemerkung abgekanzelt werden, weil die meisten Filmkritiker, -wissenschaftler und -zuschauer sie nicht einer Besprechung für würdig halten. In einem Blog verfassten Nöding und Ewert in Dialogform zu 37 Filmen detaillierte Texte, die nun in Buchform versammelt sind: Es handelt sich dabei um Analysen, die eher Gedankenanregungen und offene Interpretationsangebote als starre Thesen oder ein eindeutiges Meisternarrativ bieten. Sie sind chronologisch nach Entstehungszeit geordnet, und mit zunehmender Erfahrung wächst auch der Reichtum der Besprechungen.

Sozialpsychologie der Tür
Filme wie Missing in Action, Death Wish 3 oder die Rambo-Reihe kommen hier „zu ihrem Recht“: Mit Genre-Einordnungen und filmhistorischen Querverweisen, einer Kontextualisierung in Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte und dichten psychologischen Figurenbeschreibungen erforschen Nöding und Ewert die Filme in aller Ausführlichkeit. Kenntnisreiche Erklärungen zur Ästhetik der Inszenierung und zur Erzählstruktur decken zudem auch formelle Facetten auf.
Der Ansatz der „Himmelhunde“-Autoren ist so ambitioniert wie subversiv. „Es benötigt einiges Selbstvertrauen, solch ausgeschlossenen Filmen eine eigene, völlig andere Lesart zuzugestehen“, so der Herausgeber des Bandes im Nachwort. Dass es 20 Seiten lange Interpretationen zu Der Pate gibt, wird niemanden verwundern. Die Autoren von Sauft Benzin, ihr Himmelhunde! diskutieren hingegen 20 Seiten lang Silent Rage, in dem Chuck Norris einen Serienkiller jagt – und scheuen dabei nicht vor Exkursen zur Sozialpsychologie der Institution Tür zurück. Die Autoren stellen damit gängige Filmkanons in Frage, wonach Filme wie Apocalypse Now und Taxi Driver selbstverständlich kulturell hochwertiger und intelligenter seien als etwa Missing in Action oder The Exterminator.
Die beiden eben genannten Actioner decken zwei Subgenres ab – den revanchistischen Vietnam-Actionfilm und den urbanen Selbstjustiz-Thriller – die hierzulande als besonders minderwertig, verachtenswert und schmutzig gelten. Dem haben Ewert und Nöding vieles entgegen zu halten. Missing in Action und später Rambo 2 griffen Anfang der 1980er Jahre Gerüchte auf, wonach in Vietnam nach Kriegsende noch amerikanische Soldaten gefangen seien und die US-Regierung nichts täte, um diese in die Heimat zu holen. Das, was man heute als Verschwörungstheorie bezeichnen würde, war in Teilen der amerikanischen Öffentlichkeit ein stark emotionales Thema. In Missing in Action und Rambo 2 brachen nun Chuck Norris bzw. Sylvester Stallone als Ein-Mann-Armee auf, um die US-Gefangenen zu befreien.
Missing in Action sei dabei mitnichten als Hurra-Spektakel gefilmt, argumentieren die Autoren: Die bedrückte Atmosphäre eines Kriegsreports mit Horrorfilm-Einschlag dominiere den Film. Protagonist Colonel Braddock wirke, so Nöding und Ewert, weniger wie der Erfüllungsgehilfe einer nationalen Mission als eher seiner eigenen paranoiden Aggressionen: „weil er so sehr daran glaubt, dass es noch Kriegsgefangene gibt, gibt es sie dann auch tatsächlich. Braddock schafft seine Realitäten selbst.“
Rambo 2 gestaltet sich noch komplexer: Die Hauptfigur gewinnt im Alleingang den Vietnamkrieg und in einem Aufwasch gleich den Kalten Krieg – und doch erweist sich der vermeintlich patriotische Grundton als Schimäre. Was der erste Rambo-Film schon implizit sagte, spricht der zweite, so Nöding, ganz eindeutig aus: „Vietnam ist die wahrhaftige Heimat seines Protagonisten, ein Ort, mit dem er tatsächlich ‚eins’ ist.“ Der explosive Showdown ist ein Akt persönlicher Rache, getrieben nicht von US-Patriotismus, sondern von Wut. Wie im ersten Teil sitzt der Hauptfeind in den eigenen Reihen – stellt sich in ersterem ein bornierter Provinzpolizist dem Vietnamveteran in den Weg, ist es im zweiten Film ein karrieristischer Armeebeamter. Mehr als auf patriotische Parolen konzentriert sich Rambo 2 auf die paradoxe Mensch- und Mythoswerdung der Hauptfigur: Rambo, der mit seinen aufgepumpten Muskeln wie eine Maschine aussieht und seine technologisch überlegenen Gegner in Symbiose mit dem Urwald mit primitiven Waffen (Pfeil, Bogen, Messer) erlegt.

Psychogramme der Killer
Auch die Selbstjustiz-Reißer der 1980er Jahre besprechen Nöding und Ewert detailverliebt und erteilen der Abkanzelung als „gewaltverherrlichenden Müll“ eine Absage. In seiner inhaltlichen und ästhetischen Widersprüchlichkeit sei Death Wish 3 nicht weniger als ein Meisterwerk. Charles Bronson, aka der ehemalige Architekt Paul Kersey, macht hier in einem gefährlichen New Yorker Viertel Jagd auf Kleinkriminelle und Gang-Mitglieder. Für Nöding und Ewert entlarvt sich der scheinbare Held selbst: als „ein amoklaufender Spießer“, der einen „Riesenspaß“ am Töten habe. Keine Verherrlichung von Selbstjustiz, sondern eine unbequeme Extremsatire auf kleinbürgerliche Gewaltfantasien.
The Exterminator, in dem der Vietnam-Veteran John Eastland in New York Jagd auf Kriminelle macht, schlägt eine Brücke zwischen Urwaldkämpfern und urbanen Vigilanten – und ist dabei sehr außergewöhnlich inszeniert. Der stark episodische Film unterwandere gängige Erzählmuster und Dramaturgie: „Die Taten John Eastlands sind so affektgesteuert wie die gesamte Inszenierung unzusammenhängend erscheint. Das ist einer der vielen interessanten Punkte, mit denen wir in die Psyche der Hauptfigur geführt werden, ohne dass der Film jemals psychologisiert.“ Wie Taxi Driver vier Jahre zuvor ist The Exterminator das schonungslose Psychogramm eines emotional gestörten Gewalttäters, der in der Großstadt Frust und Trauer entlädt. Weil der Film allerdings The Exterminator heißt, das Plakat einen behelmten Mann zeigt, der mit einem Flammenwerfer in Richtung des Betrachters zielt, und Robert Ginty statt De Niro die Hauptrolle spielte, hat dies kaum jemand gesehen, und noch weniger haben es sehen wollen.
Genau(er) hinzusehen, ohne sich am verpönten Erscheinungsbild aufzuhalten: Das ist die Kernbotschaft der „Himmelhunde“ und ihrer Texte. Mit dieser scheinbar einfachen Forderung stehen sie im Bereich der Filmrezeption besonders in Deutschland fast allein auf weiter Flur. Kanons zu hinterfragen ist nie einfach: Das merkten auch einige französische Filmkritiker in den 1950er Jahren, als sie begannen, die Thriller Alfred Hitchcocks zu würdigen – und dafür zunächst Spott ernteten. „Heute ist jedem klar, dass ein Hitchcock-Film nicht bloß ein spannender Zeittotschläger ist – vielleicht gilt das eines Tages auch für so manchen hier besprochenen Actionfilm“, wünscht sich der Herausgeber von Sauft Benzin, Ihr Himmelhunde!. So bleibt auch zu hoffen, dass Oliver Nöding und Marcos Ewert einen ewigen Ehrenplatz auf Chuck Norris’ Nicht-Töten-Liste erhalten.

Oliver Nöding, Marcos Ewert:
Sauft Benzin, ihr Himmelhunde! Gespräche über männliche Allmachtsphantasien, Maschinengewehre, Zerstörungswut und ungehemmte Mordlust
Éditions Moustache 2016
561 Seiten
24,99 €

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