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Aus Liebe zum Schnee

22 Juni 2015 No Comment

Vor über zehn Jahren brach der Künstler Konrad Henker das erste Mal zu einer Arbeitsreise in die Alpen auf. Seitdem haben ihn die Formen des ewigen Schnees nicht mehr losgelassen.

von Anna

Es ist weder Zivilisationsflucht, noch die Suche nach Extremen oder Ruhe, die Konrad Henker Jahr um Jahr in die Berge treibt. Es ist die Kunst. „Das Hochgebirge als Grenzraum und Urkonstante dieser Welt beinhaltet für mich eine elementare Sehnsucht und einen metaphorischen Ort für die Suche nach Geheimnis im ‚unendlichen‘ Raum. So konnte es für mich möglich werden, Erhabenheit als inneren Wert wahrzunehmen – gänzlich allein im Gebirge auf mich selbst gestellt und dem immer präsenten Raum aus Schnee und Stein gegenüber“, schreibt Konrad. Seitdem der Künstler vor über zehn Jahren vom Bergfieber gepackt wurde, verbringt er jeden Winter bis zu drei Monate in den Tiroler Alpen, um sich hier seinen Werken zu widmen. Die Kaltnadelradierungen, die er hier schafft, sollen den von ihm gefühlten unendlichen Raum aufzeigen. Jedes Werk ist ein Unikat, genau wie sich keine zwei Gipfel gleichen. Doch der Schnee ist mehr als Motiv für den gebürtigen Weimarer. Er beeinflusst Konrads Kunst auch im Hinblick auf die angewandte Technik.
„Früher war ich als Malschwein verschrien“, erzählt der Mittdreißiger, „aber die Temperaturen und die Witterungen in den Bergen bereiten Farben und Papier Probleme.“ So entschied sich Konrad für Kaltnadelradierungen. Doch zu Beginn eines jeden Werkes stehen Zeichnungen und Skizzen. Erst nach etwa zwei Wochen in den Bergen beginnt der Künstler, auf Zinkplatten zu arbeiten. Die Motivfindung ist für ihn der wichtigste Teil der Arbeit. „Der Schnee hat zugleich ewige Form und dabei einen flüchtigen Zauber. Mein Wunsch ist es, die Spuren des Schnees einzufrieren und das Elementare sichtbar zu machen.“
Für die Kreation seiner Werke hält sich der Wahl-Dresdner oft nicht mehr als eine Stunde von Berghütten oder Skipisten entfernt auf: Er sucht Abgeschiedenheit in einem touristisch erschlossenen Gebiet – eine Balance, die er für jedes Motiv neu finden muss. Es ist ihm wichtig, allein zu sein, um sich frei zu machen von allem, was ihn jenseits der Kunst beschäftigen könnte. „Nur dann kann ich die Schwingungen der Berge erspüren, um sie einzufangen.“

Seiner kreativen Arbeit stehen hierbei sehr reale Probleme gegenüber: Etwa 200 Kilogramm Gepäck hat er bei sich, das er auf die Berge schaffen muss – mal mit dem Auto, mal mit der Bahn. Es ist nicht nur das Gewicht, sondern auch die Sperrigkeit des Gepäcks, das den Transport so schwierig macht: vorwiegend Tonnen und Fässer, dazu die großen Metallplatten, in die Konrad seine Motive ritzt.
An jedem Abend in den Bergen vergräbt er die Platten im Schnee. Das Material ist unempfindlich gegen Kälte und Nässe. „Wenn mir Menschen begegnen, wenn ich morgens nach den Platten grabe, sind sie immer sehr besorgt, ich würde nach einem Menschen suchen.“ Das Missverständnis ist schnell aufgeklärt, und ein weiterer Tag in den Alpen liegt vor Konrad. Doch der Aufenthalt vor Ort ist nur ein kleiner Teil seines Schaffensprozesses. Von seinen Reisen zurück kommt er mit einigen fast abgeschlossenen Motiven, von anderen liegen nur Skizzen vor. Jedes Werk braucht noch etwa zwei Jahre Atelierarbeit, bevor es abgeschlossen ist. „Ich nehme ein Motiv in die Hand, mache mir Gedanken, wie ich es vollenden will. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, lege ich es zur Seite, um es einige Monate später wieder zu bearbeiten.“ Tatsächlich gibt es Bilder, auf denen kein Strich mehr steht, den Konrad vor Ort gezogen hat. Diverse Chemikalien und Techniken machen es sogar möglich, bereits entstandene Linien und Schraffierungen wieder zu entfernen. Wirklichen Abstand von seiner Kunst hat der Absolvent eines Studiums der Freien Künste nie: „Ich wohne quasi in meinem Atelier.“ Doch ein anderes Leben kommt für ihn nicht in Frage. „Es gab für mich nie eine andere Option“, sagt er bestimmt.

Zur Technik der Kaltnadelradierung

Bei der Technik der Kaltnadelradierungen handelt es sich um ein so genanntes grafisches Tiefdruckverfahren. Hierbei wird eine Metallplatte unter großem Kraftaufwand ‚verletzt‘, um Zeichnungen hineinzufügen. Mithilfe verschiedener Werkzeuge, wie Nadeln oder Sägen, und gegebenenfalls dem Einsatz von Chemikalien, können diese vertieft oder wieder geglättet werden. Beim anschließenden Druckverfahren wird jedes neue Bild zum Einzelstück – je nachdem, wie viel Farbe vom Metall auf das Papier gepresst wird. Diese erscheint strukturiert erhöht auf dem Papier. Von jedem Motiv können nur wenige Drucke angefertigt werden, da die Druckplatte bei jedem Druck an Relief verliert. Anders als beispielsweise beim Holzschnitt wird nicht das Negativ gedruckt, sondern das Bild erscheint so wie auf der Metallplatte gestaltet.

(alle Abbildungen: © Konrad Henker)

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