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klassiquer: Cunt and love are four-letter words

5 September 2015 No Comment

Lady Chatterley samt Liebhaber in der Verfilmung von 2006: "...ich lieb dich, wenn du so daliegst..."

Mit ihren Romanen Lady Chatterley und Wendekreis des Krebses revolutionierten D. H. Lawrence und Henry Miller die Darstellung von Sex in der Literatur – und forderten zeitgenössische Sittenwächter und Zensoren heraus.

von Babs

„Ich mag dich, ich lieb dich, wenn du so daliegst. Eine Frau ist was Schönes, wenn man sie tief ficken kann….“ – hier handelt es sich nicht etwa um ein Zitat aus dem berühmt-berüchtigten BDSM-Roman Fifty Shades of Grey, der in den vergangenen Jahren sowohl auf den Bestsellerlisten als auch an den Kinokassen für Furore sorgte, sondern um eine Zeile aus dem englischen Klassiker Lady Chatterley.
Mehr als 75 Jahre vor E. L. James hatte ihr Landsmann, der Engländer D. H. Lawrence, mit der Liebesgeschichte zwischen der Adligen Connie und dem Wildhüter Mellor gesellschaftliche Konventionen in Frage gestellt. Connies Mann ist verwundet und impotent aus dem Ersten Weltkrieg auf sein Landgut zurückgekehrt. Zu diesen Einschränkungen kommt die emotionale Kälte, die von ihm ausgeht. Anstelle seiner Frau treibt er lieber pseudointellektuelle Debatten zum Höhepunkt. So findet Connie ihre Erfüllung nicht im ehelichen Bett, sondern in den Armen Mellors. Die zunächst rein sexuelle Beziehung zwischen dem Wildhüter und der Landbesitzerin wandelt sich im Verlauf des Buches: Zärtlichkeit und gegenseitige Liebesschwüre kulminieren in dem Wunsch Connies, ein Kind von Mellor zu bekommen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und mit dem Wildhüter ein einfaches Leben zu führen. Diese Aspekte muten autobiographisch an, war Lawrence doch selbst mit einer Adligen verheiratet, die ihren ersten Mann, einen Professor, für den tuberkulösen Arbeitersohn verlassen hatte.
Lawrence’ Werk sorgte für Aufruhr. Die Ständegesellschaft Englands wird seziert, vorgeführt werden die vergeistigten Mitglieder, denen die Beziehung zum Körperlichen fehlt. „Ihre Welt ist hoffnungslos und industrialisiert, und unsere ist genauso“, sagt Connie in einem Moment der Ruhe zu ihrem leidenschaftslosen Gatten. Doch noch viel mehr als an der Gesellschaftsanalyse stießen sich Lawrence‘ Kritiker an den expliziten Inhalten und vor allem der expliziten Sprache des Romans: Worte wie „fuck“ oder „cunt“ hatten zuvor keinen Platz in literarischen Werken gefunden.

Aufschrei der Empörung
Diese Vorwürfe waren kein Neuland für den englischen Autor: Bereits sein 1915 erschienenes Buch Der Regenbogen zog einen Prozess wegen Obszönität nach sich. Um Lady Chatterley nicht demselben Schicksal auszusetzen, übte Lawrence bereits vor dem Erscheinen Selbstzensur: Insgesamt schrieb er drei Versionen, von denen nur die dritte so explizit ist, wie sie heute vorliegt. Die erste Version hingegen konzentrierte sich auf die gesellschaftlichen Probleme, sie wurde bereits 1944 posthum in den USA veröffentlicht. Die zweite hielt der Autor selbst zurück; sie wurde 1972 erstmals publiziert.
Die detaillierten Beschreibungen von Koitus, vorzeitigem Samenerguss oder weiblichem Orgasmus dienten jedoch nicht dem Selbstzweck; Lawrence beschwor eine Utopie, die seinen eigenen Vorstellungen entsprach: Der Schriftsteller träumte von einer Welt, in der das Miteinander wieder durch Sinnlichkeit und Körperlichkeit entstehen sollte. Kein Zufall war es, dass er zunächst überlegte, den Roman The Tenderness zu nennen. Auch wenn die derbe Sprache einen anderen Eindruck erwecken mag: Worte wie „cock“ fallen nur in den Dialogen Mellors und Connies, in jenen Momenten, in denen sie sich am nächsten sind.
Dies war beabsichtigt. Lawrence wollte den Begriffen der Sexualität das Tabu nehmen. Die Obszönität der Sprache entstehe nur, wenn der Geist den Körper verachtet und fürchtet. So ist das aufgrund seiner „Pornographie“ bis 1960 nicht in ungekürzter Fassung erschienene Werk eigentlich ein Manifest der Liebe und der Leidenschaft, fernab von gesellschaftlichen Konventionen.
Obwohl Lawrence sich durch den Roman dem Vorwurf ausgesetzt sah, Ehebruch zu verherrlichen, blieb er privat zeitlebens monogam; die Bezeichnung als Pornograph traf ihn tief. Ganz anders im Falle von Henry Miller: Sein Roman Wendekreis des Krebses mutet nicht nur autobiographisch an – er ist es auch. Der Privatmann Henry Miller ist von seinem Protagonisten kaum zu trennen. Das Buch sei „entweder ein Roman in der ersten Person oder eine Autobiographie in Form eines Romans“, urteilte George Orwell.
Wendekreis des Krebses handelt von den Erfahrungen eines jungen Amerikaners im Paris der 1930er Jahre. Inspiriert von der Freiheit in der „Alten Welt“ kostet er sein Leben in vollen Zügen aus. Als ambitionierter Schriftsteller versucht er Fuß zu fassen. Eine klassische Handlung sucht man vergeblich: Der Roman lebt von dem Protagonisten und den Menschen, denen er begegnet. Jene Begegnungen, die mal flüchtig und mal von Dauer sind, machen die Erzählung aus. Das Paris, das Miller beschreibt, ist nicht das Paris der 1920er, nicht die Zeit, in der vor allem Amerikaner die Stadt überschwemmten, jeder von ihnen in der Überzeugung, ein Künstler zu sein. Der Autor beschreibt das Paris der Übriggebliebenen, jener, die nach dem Boom die Stadt nicht verlassen hatten – entweder, weil sie wirkliche Künstler waren, oder weil sie zu jenen gehörten, die für immer davon träumen würden, ihren ersten Roman zu veröffentlichen. Er beschreibt das wahre Leben – in einer Sprache, wie sie von der intellektuellen, aber verarmten Oberschicht Amerikas in Paris gesprochen wurde: „Du kannst einer jungen Fotze alles verzeihen. Eine junge Fotze braucht kein Gehirn. Sie sind besser ohne Gehirn.“

Keimzelle der Menschlichkeit
Millers Roman wirkt im Gegensatz zu der gesellschaftspolitischen Aussage von Lady Chatterley nihilistisch. Aussagen wie „Ich habe Gott getroffen. Aber er ist unzureichend“ stützen diesen Eindruck. Das Werk erhielt nach seinem Erscheinen Lobpreisungen von T. S. Eliot und Ezra Pound. Die Besonderheit des Buches, so urteilt Orwell in seinem 1940 erschienen Aufsatz Inside the Whale, sei sein „gänzlich negativer, unkonstruktiver und amoralischer Autor, jemand, der das Böse passiv akzeptiert“. In Miller sah Orwell den Stereotypen der Autoren der 1930er Jahre; jenen, der sich der Politik und dem Zeitgeschehen außerhalb des eigenen Mikrokosmos vollständig entzogen hat. Doch Millers Werk zeigt deutliche Übernahmen von Lawrence, mit dem er sich eingehend beschäftigt hatte. Auch für den Amerikaner ist Sex und Körperlichkeit die Keimzelle der Menschlichkeit: „Wir brauchen Genie – der Genius ist tot. Wir brauchen starke Hände, Geister die willens sind, den Geist aufzugeben und Fleisch zu werden.“
Auch Wendekreis des Krebses fiel in die Hände der Tugendwächter. Erschienen auf Englisch im Pariser Obelisk Verlag im Jahre 1934, wurde sowohl die Übersetzung ins Französische als auch der Import in die USA sofort verboten. Rechtsgrundlage für dieses Verbot war ein „Gesetz gegen die Obszönität“ in Amerika. Wenn ein Werk geeignet war, den „Geist jener zu verderben und korrumpieren, die offen für jene unmoralischen Einflüsse“ waren, so konnte die im Ersten Zusatz der Verfassung durch die Meinungsfreiheit geschützte Kunstfreiheit nicht mehr einschlägig sein – Kunst und Obszönität schlossen sich gegenseitig aus.
Wie Lawrence verachtete auch Miller den Obszönitätsbegriff, der hier, ausgehend wohl von den puritanischen Moralvorstellungen des Amerikas der Zwischenkriegsjahre, entstanden war: „Jeder sagt, dass Sex obszön sei. Aber ich finde, die einzige Obszönität ist der Krieg.“
Die Wende in der Zensurgeschichte kam mit dem Prozess um Lady Chatterley Ende der 1950er Jahre. In Eigenlektüre studierten die Richter des amerikanischen Supreme Court das Werk und kamen zu einem bahnbrechenden Urteil: Trotz seiner eindeutigen Sexszenen habe der Roman soziale Relevanz und müsse als solcher unter die Kunst- und damit die Meinungsfreiheit fallen – eine Revolution im puritanischen Amerika der Nachkriegsjahre. Die bis dahin bestehende Praxis des wechselseitigen Ausschlusses von Obszönität und Kunst wurde dadurch aufgehoben. Seit dem Prozess um Lady Chatterley wurde in den USA nie wieder ein Buch aufgrund seiner Obszönität verboten. Fünf Jahre später fiel auch das Vertriebsverbot von Wendekreis des Krebses.

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