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„Wenn ich irgendwann aufhören könnte zu zeichnen, würde ich das sofort tun“

31 März 2013 No Comment

Mit seinen „Nichtlustig“-Cartoons hat er erst im Web und dann auf dem Buch-Markt eine riesige Fan-Gemeine erobert: Wir sprachen mit Joscha Sauer über seine künstlerische Ungeduld, seinen ersten Trickfilm und den Tod – und dessen Kochbuch!

unique: Joscha, auf Buchmessen warst du vor einigen Jahren noch nicht als „Promi“ unterwegs, sondern als jemand, der unter den Verlagen einen Abnehmer für seine Werke gesucht hat. Würdest du angehenden Autoren oder Zeichnern einen ähnlichen Weg empfehlen?

Joschau Sauer: Ich glaube nicht, dass man da den einen Weg beschreiten muss, der zum Erfolg führt. Es kann sein, dass Leute es genauso hinbekommen, wie ich das getan habe: mit einem Web-Comic eine Fan-Gemeinschaft aufzubauen und mit der Popularität dann den Sprung in den Buchbereich zu machen. Es gibt aber auch Zeichner, die machen es komplett anders. Was ich aber immer wieder mitbekomme ist: Die Leute, die wirklich irgendwann Erfolg haben, machen diese Arbeit nicht, weil sie erfolgreich damit sein wollen, sondern weil sie es tun müssen, weil sie sonst platzen. (lacht) Ganz einfach weil es in ihnen steckt und sie es gerne tun. Wenn dazu noch irgendwann der Erfolg kommt, ist das ein riesiges Geschenk. Aber das ist eben nicht der Fokus, das war es auch bei mir nicht. Es hat mir einfach die Möglichkeit gegeben, durchzuhalten und drei Jahre fast jeden Tag einen Comic zu machen.

„Shithappens“-Zeichner Ralph Ruthe hatte auf der Buchmesse gemeinsame Signierstunden mit dir. Kennen sich die wichtigsten Cartoonisten in Deutschland untereinander?

Die Szene ist sehr übersichtlich. Die Leute, die wirklich regelmäßig im Cartoonbereich unterwegs sind und da schon Veröffentlichungen haben, kennen sich wirklich untereinander. Die Atmosphäre ist da sehr kollegial und unterstützend. Ich habe dabei auch nie in irgendeiner Weise Konkurrenz gespürt, sondern es war eher so ein Gefühl: „Super, dass man noch andere Spinner trifft, die den selben Quatsch machen wie du“.

Mit Ruthe hast du ja sogar eine Figur gemeinsam: Der Tod spielt bei euch beiden eine Rolle in den Cartoons. Setzt man sich als Cartoonist anders mit solch einem ernsten Thema auseinander als etwa in der Literatur?

Natürlich bringt das Medium an sich immer eine andere Herangehensweise mit sich, denn es gibt nichts so Unmittelbares wie einen Cartoon, der in einem Bild funktioniert. Letztlich sind Figuren wie der Sensenmann nicht einem Medium vorbehalten, sondern das ist ein Archetyp, der für etwas Bestimmtes steht. Und wenn man mit nur einem Bild arbeitet, versucht man Figuren zu nutzen, die beim Leser eine bestimmte Erwartungshaltung hervorrufen. Darum verwendet man auch oft Tiere, weil die Leser denen bestimmte Eigenschaften zuordnen. So muss man nicht zu viel erklären. Wenn ich den Sensenmann einsetze, dann weiß jeder sofort, wofür der steht. Und wenn man das dann bricht, entsteht dadurch Humor. Deswegen arbeitet man gern mit solchen Figuren, die der Leser schon kennt – darum kommt es manchmal auch dazu, dass sich mehrere Cartoonisten aus dem gleichen Pool an Charakteren bedienen.

Es war also Zufall, dass ihr beide den Tod „ für euch entdeckt“ habt.

Genau. Aber Ralph geht mit seinem Tod ja auch etwas anders um als ich. Meiner hat den Status eines festen Charakters, mit seinem kleinen rosa Pudel. Bei Ralphs „Shithappens“-Cartoons steht er mehr als das Symbol: Er hat immer direkt etwas damit zu tun, dass er jemanden um die Ecke bringt. Ralphs Sensenmann muss also eigentlich immer arbeiten, anders als meiner, der lieber mit seinem Pudel in der WG rumhängt.

Du hast schon die Herausforderung erwähnt, im Cartoon eine Geschichte mit nur einem einzigen Bild zu erzählen. Kann der Cartoon damit etwas, was ein Comic nicht kann?

Es ist schwierig, das zu vergleichen. Man benutzt die gleichen Stilmittel, Sprechblasen und so weiter, aber es ist ein bisschen so, als würde man einen Stand-Up-Comedian mit einem Roman-Autoren vergleichen: Ein Roman kann auch witzig sein, aber es ist in der Regel nicht der Fokus. Stand-Up-Comedy ist dagegen schon vom Namen darauf ausgerichtet, die Menschen zum Lachen zu bringen. Natürlich geht es in beiden Fällen um geschriebenes Material, auch beim Comedian, aber es hat einen anderen Fokus. Ähnlich ist es bei Cartoons und Comics: Der Fokus eines Comics liegt nicht immer darauf, witzig zu sein.

Dein Kollege Flix hat sich ja mit „Faust“ und „Don Quijote“ sogar Weltliteratur als Vorlage für Comics genommen. Könntest du dir so etwas für dich auch vorstellen?

Nee, weil mich das Format Comic nicht so interessiert. Ich nutze Cartoons, um zu unterhalten und nicht, weil ich mich unbedingt so gerne zeichnerisch austobe. Wenn ich irgendwann aufhören könnte zu zeichnen, würde ich das sofort tun, denn ich verbinde damit null Romantik. Für mich ist das Schreiben sehr viel interessanter. Flix hat da eine ganz andere Herangehensweise. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann stärker erzählerisch zu arbeiten, aber dann nicht im Comicbereich, sondern eher filmisch. Ich bin auch viel zu ungeduldig dafür, um so viel Krempel zu zeichnen. (lacht)

Zu ungeduldig? Wie lange dauert es denn von der Idee bis zum fertigen Cartoon bei dir?

Es gibt Ideen, die sind als Grundstruktur teilweise jahrelang in meinem Skizzenbuch… Ich merke: Irgendetwas juckt mich daran, ich weiß dass das irgendwie funktioniert, aber ich komme nicht darauf, wie man es wirklich in einem Bild umsetzen kann. Und irgendwann machts „Klick“ und dann geht es meistens ganz schnell. Die Umsetzung selbst ist das kleinste Problem. Vom ersten Strich bis zum fertigen Cartoon vergehen vielleicht zwei Stunden. Ich mag dieses Unmittelbare, dieses Schnelle, was Cartoons haben. Darum ist es so eine Tortur, wie gerade an einem Trickfilm zu arbeiten, denn die Grundidee ist da zwar auch spontan, aber die Umsetzung dauert so unfassbar lang. Das nimmt so einer Sache manchmal ein bisschen die Energie, die Fahrt raus.

Dein Zeichenstil ist dadurch charakteristisch, dass er recht einfach gehalten ist: meist glubschäugige Figuren, einfache Konturen im Gesicht. Wie sollte man denn anfangen mit dem Cartoonzeichnen?

Auch da gibt es nicht den einen Weg. Für mich hat sich dieser Stil irgendwann etabliert, weil mir diese sehr simple Optik einfach gefällt. Es geht dabei sehr viel um persönlichen Geschmack, stilistisch und inhaltlich. Ich glaube nicht an dieses ganze Zielgruppen-Gedöns, denn letztlich macht man diese Sachen für sich. Ich merke auch: Wann immer ich was gemacht habe, von dem ich selbst nicht überzeugt war, sondern weil ich dachte, das will irgendjemand, dann bin ich immer auf die Schnauze gefallen. Denn dann geht man nicht Passion ran. Ich glaube, dass man im Idealfall einen Geschmack hat, der persönlich ist, sodass man nicht austauschbar ist. Damit erreicht man die Leute, die erkennen, wie viel Herzblut in den Sachen steckt.

Zu deinem „Nichtlustig“-Universum gibt es mittlerweile jede Menge Merchandise. Das vielleicht skurrilste ist das „Kochbuch des Todes“. Wie kam es zu der Idee?

Ich habe irgendwann mit meinem Verlag darüber geredet, was man abseits der normalen Cartoon-Bände machen könnte. Ich hatte die Idee einer Reihe, in der wiederkehrende Figuren von mir eigene Bücher herausbringen, die „Nichtlustig-Ratgeber“. Da kam unter anderem schnell der Gedanke auf: Was wäre das Abwegigste, das der Tod machen könnte? Also kamen wir für den eher heimeligen Sensenmann auf das Kochbuch! Ich wusste am Anfang nicht, ob es ein reines Fun-Projekt wird… Irgendwann habe ich zufällig den Koch Malte Evers kennengelernt; wir sprachen über Essen und Kochen und irgendwann waren wir dann einig, dass wir das zusammen probieren: Rezepte zu finden, die zu meiner Figur Tod passen.

Kannst du uns noch ein bisschen über deine kommenden Projekte verraten?

Ich bin schon länger dabei, meine Cartoon-Welt in einem Trickfilm umzusetzen. Die erste Folge haben wir mit Crowdfunding finanziert, das lief ganz fantastisch. Hoffentlich finden wir weitere Investoren, um das fortzuführen.

Ja, du hast sogar Aufrufe bei Youtube und Facebook dafür gemacht, damit das Geld für die erste Folge zusammenkommt. Dazu noch eine etwas provokative Frage zum Abschluss: Gibt es nicht wichtigere Dinge, in die man sein Geld investieren sollte, als solch einen Trickfilm?

Das mag sein, aber es ist ja den Leuten selbst überlassen, wofür sie ihr Geld hergeben. Es gibt eine Menge wichtigere Dinge, als alles was wir tun. Trotzdem ist ein wichtiger Punkt in unserem Leben, dass wir uns unterhalten wollen, Spaß haben wollen. Natürlich kann ich entscheiden, mein Geld nicht an ein Trickfilm-Projekt zu geben, sondern es lieber an eine wohltätige Organisation zu spenden oder Ähnliches. Das hat aber dann als Folge, dass manche Dinge, wie z.B. der Nichtlustig-Trickfilm, einfach nicht passieren würden. Andere Möglichkeiten, um so ein Projekt auf die Beine zu stellen, gibt es für mich momentan nicht. Die Leute bekommen ja auch einen Gegenwert: den Trickfilm selbst, aber auch andere Goodies, wenn sie sich an der Finanzierung beteiligen. Das ist für mich eine Art umgekehrtes Verkaufsprinzip: Sie geben mir Geld, damit ich etwas produzieren kann. Darum habe ich auch versucht, das Wort „Spende“ zu vermeiden. Eigentlich ist es keine Spende, sondern eine Bezahlung, die vor der Fertigstellung des Projekts erfolgt. Und ob es gerechtfertigt ist, dafür etwas zu geben, das muss dann jeder selbst entscheiden.

Wir danken dir für das Gespräch, Joscha!

Das Interview führte Frank.

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