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Zwischen Hörsaal und Flüchtlingshilfe

20 Januar 2016 No Comment

Eine Familie in der Turnhalle der Uni Erfurt (Foto: © Elias Domsch, campus:echo Erfurt)

Im Herbst 2015 wurden Flüchtlinge in der Sporthalle der Universität Erfurt untergebracht. Einige Eindrücke vom Alltag des studentischen Engagements.

von Adriana

Zweimal innerhalb kurzer Zeit musste Erfurt die Unterbringung von Flüchtlingen in provisorische Erstunterkünfte organisieren. Betreuung und Verpflegung wurden beide Male durch zahlreiche ehrenamtliche Helfer unterstützt. So nutzte die Landeshauptstadt von Anfang September bis zum 9. Oktober 2015 zwei ihrer drei Messehallen als provisorisch hergerichtete Erstunterkünfte für mehr als 1.000 Geflüchtete. Unterstützung boten dabei Helfer aus Schulen und sozialen Einrichtungen, aber auch Studenten der Universität Erfurt. Einer von vielen „unsichtbaren“ Helfern war Erik: ein Masterstudent der Staatswissenschaften an der Erfurter Universität, der zusammen mit anderen Studenten fast täglich bis zu 14 Stunden den Neuankömmlingen bei der Eingewöhnung, bei Behördengängen oder bei Arztbesuchen half.
Auch Berxwedan, Wirtschaftsstudentin an der Universität Jena, unterstützte die Flüchtlinge als Dolmetscherin für Türkisch und Kurdisch. Parallel hierzu begann Berxwedan zusammen mit Jessica, einer Masterstudentin in Ethnologie, ehrenamtlich in einem Erfurter Flüchtlingsheim wöchentliche Bastelstunden für die Kinder zu organisieren. „Durch die Arbeit mit Flüchtlingen habe ich sehr viel gelernt, auch über mich selbst. Ich habe in dieser kurzen Zeit sehr viele Erfahrungen gemacht, die mich sicherlich ein Stück weit prägen“, sagt Jessica über ihre Erlebnisse.

„Ein Ort des Miteinanders und der Toleranz“
Nach der Räumung der Messehallen wurde die Sporthalle auf dem Campus der Erfurter Universität ebenfalls als Aufnahmestelle für rund 100 Flüchtlinge unter anderem aus Somalia, Afghanistan, dem Iran und Albanien hergerichtet. Die gut funktionierenden sanitären Anlagen, beheizten Räume und die zentrale Lage der Einrichtung erleichterten den Alltag der Neuankömmlinge. Mit einem Rundschreiben am 21. Oktober 2015 informierte der Kanzler der Universität, Jan Gerken, die Uni-Angehörigen über die zu erwartende Situation. „Darüber hinaus bitten wir Sie, sich den ankommenden Flüchtlingen gegenüber solidarisch zu zeigen und damit dazu beizutragen, dass die Universität Erfurt trotz der zwischenzeitlichen Einschränkung ein weltoffener Ort, ein Ort des Miteinanders und der Toleranz bleibt“, schloss er das Schreiben an Studenten und Mitarbeiter ab.
Auch bei Informationsveranstaltungen des Studentenrates (StuRa) wurden die Studenten zur Mithilfe angeregt. Nebenbei wurde dort auch über Herkunft der Flüchtlinge und die Dauer ihrer geplanten Unterbringung auf dem Campus informiert. Mit den Erkenntnissen und Erfahrungen, die Erik in Sachen Flüchtlingsarbeit bereits hatte sammeln können, half er auch in der Turnhalle als Freiwilliger bei der Kleidersortierung, bei Behördengängen, gelegentlichen Deutschkursen und der Betreuung der Kinder mit.
Mit Projekten und Aktionen beteiligten sich unter anderem auch der Lehrstuhl für Geschichte Westasiens (WAG) und das Masterprogramm „Geschichte und Soziologie/Anthropologie des Vorderen Orients in globaler Perspektive“ (MESH) an der Flüchtlingshilfe. Organisiert durch den Lehrstuhl des MESH-Programms und der Hochschulgruppe SOS Darfur gab es einen Filmabend zu der Dokumentation Within the Eye of the Storm samt anschließender Diskussionsrunde via Skype mit der israelischen Regisseurin Shelley Hermon, bei der sich ebenfalls Geflüchtete aus der Sporthalle rege beteiligten. Außerdem hatten sie die Gelegenheit, als Gasthörer an ausgewählten Lehrveranstaltungen des Lehrstuhls teilzunehmen.

Fußball, Kaffee und Kuchen
Das studentische „Café Hilgenfeld“ organisierte zusammen mit dem Erfurter Integrationsverein „Spirit of Football“ ein gemeinsames Fest mit Musik, arabischen Spezialitäten und sportlichen Aktivitäten für die Flüchtlinge. Das ermöglichte den Austausch von Erlebnissen und Erfahrungen zwischen Studenten und Flüchtlingen. Während eines Fußballspiels hatten sie die Möglichkeit, die Sorgen und Strapazen der letzten Wochen und Monate für eine kurze Zeit zu vergessen. Dank einer Spendenbox des „Café Hilgenfeld“ konnten sich außerdem die Flüchtlinge ab und an einen Kaffee oder ein Stück Kuchen gratis bestellen.
Auch zahlreiche Dolmetscher waren vor Ort, die die Flüchtlinge in der Unterkunft einwiesen und sie zu Apotheken- oder Arztbesuchen begleiteten. Unter ihnen war auch die Studentin Medina, die mit ihren Türkisch- und Kurdisch-Kenntnissen die Flüchtlinge und Helfer unterstützte. Bereits seit mehr als zehn Jahren engagiert sich Medina in unterschiedlichen Bereichen der Flüchtlingsarbeit, zuletzt in Gemeinschaftsunterkünften und Erstaufnahmestellen wie der Messehalle Erfurt, in Suhl und in Eisenberg. Besonders gefragte Sprachen waren Arabisch, Kurdisch, sowie Persisch (Dari) und Tigrinya, weniger Albanisch oder Serbisch. Nichtsdestotrotz gab es einen Mangel an Dolmetschern, was viele Anliegen ungelöst ließ: „Bezahlte Dolmetscher gab es überhaupt nicht, weil nicht genügend Ressourcen dafür zur Verfügung gestellt wurden“, beschreibt Medina das Problem. „Das hätte uns ehrenamtliche Dolmetscher auch ein wenig entlasten können.“
Ende November wurde die Sporthalle der Universität Erfurt schließlich geräumt. Die zahlreichen Flüchtlinge wurden thüringenweit in Wohngemeinschaften oder Einzelunterkünfte verteilt. Studenten und Flüchtlinge begegnen sich aber auch zukünftig, denn der Integrationsverein „Spirit of Football“ veranstaltet weiterhin gemeinsame sportliche Aktivitäten. Auch engagieren sich viele Studenten voller Einsatz weiterhin bei Amtsbesuchen oder Deutschkursen für ein gelingendes Zusammenleben. Und Jessica gibt weiterhin Bastelstunden für Flüchtlingskinder.

Wie in der Unisporthalle Erfurt niemandem das Dach auf den Kopf fiel

von Christoph Trost

Fußballer aus Syrien, Irak, Afghanistan und Albanien bolzen auf dem löchrigen Rasen neben der Sporthalle der Uni Erfurt. Zweikampf um den Ball, ein junger Afghane fällt über das Bein eines Albaners. Spannung – dann ein Händeschütteln und weiter geht’s.
Auf den ersten Blick ist die Unisporthalle trist umrahmt: Bauzäune, graue Fenster – der typische „Charme“ einer Sporthalle eben. Doch etwas läuft anders hier, nicht nur beim Fußball. Kurz zuvor füllen 250 Studierende und viel Enthusiasmus einen Hörsaal der Uni Erfurt. Katharina Wolbergs vom StuRa tritt ans Mikro und verkündet, was alle schon wissen: „Seit Sonntag ist unsere Sporthalle Erstaufnahmeeinrichtung für 100 Geflüchtete.“ Die Hilfsbereitschaft ist groß, der StuRa nimmt viele Hilfsangebote entgegen.
In der Bibliothek gleich neben der Sporthalle wird Espresso Macchiato geschlürft und Max Weber diskutiert – ein vermeintlich groteskes Umfeld für eine Erstaufnahmeeinrichtung. Als der erste Bus anrollt, begrüßen Sozialarbeiter und Mitarbeiter der Landesverwaltung die Geflüchteten in ihrer neuen Unterkunft. Gedrückte Stimmung beim Entladen des Gepäcks: Für viele Geflüchtete ist die Sporthalle bereits die fünfte Station in Deutschland. Wieder nur Bauzäune statt eigene vier Wände, wieder keine Privatsphäre. Währenddessen brummt der E-Mail-Posteingang des StuRas: Über einhundert Studierende wollen Kinder betreuen, mit den Bewohnern Fußball spielen oder Deutsch unterrichten. Auch der Universitätssportverein bietet Kindersport an – obwohl dessen Sportkurse in der Halle abgesagt werden mussten. Sozialarbeiter und Bewohner stellen aus den Angeboten einen Betreuungsplan zusammen.
Wenige Tage später: Zwischen Festzeltbänken und Bauzäunen steht eine Studentin im ehemaligen Judoraum und erklärt Umlaute. In losen Gruppen wird von Montag bis Freitag Deutsch unterrichtet. Im Gegensatz zu den kostenlosen Sprachschulen für Asylbewerber sitzen hier auch Väter und Mütter – ihre Kleinen lugen neugierig in die Lern-Ecke. Die Studierenden interessiert dabei keine „Bleibeperspektive“, es geht ums Helfen. Diese unvoreingenommene und flexible Art vieler Studierender hebt die Stimmung in der Halle. Ein junger Familienvater sieht zu, wie zwei Studentinnen mit einer Gruppe Kindern, darunter seinem Sohn, das Pflaster mit Kreide verzieren: „I can see that they do this from their heart“, sagt er zwischen zwei Schlucken schwarzem Tee.
Der Campus leistet mehr als ursprünglich angedacht: Fahrkarten werden gespendet, Hochschulgruppen zeigen Familien die Stadt, das „Café Hilgenfeld“ organisiert ein Fußballmatch. Was banal klingt, ändert viel: Das Klima in der Halle ist gut – und Bewohner, Sozialarbeiter, Verwaltungsleute und Sicherheitspersonal beginnen den Tag mit einem Lächeln.
Nicht nur das Umfeld macht den Unterschied. An einem Freitagmorgen ist viel Betrieb in den Büros: 50 Neuankömmlinge reisen bald an, Sozialarbeiter und Beamte besorgen Handtücher, reinigen Betten, schreiben Mails. Vor allem zwei Familienväter tun sich im Getümmel hervor: Sie verschieben die mit Bauzaun abgetrennten Wohnzonen, richten für die ankommenden Familien neue ein und weisen den Neuankömmlingen ihre Betten zu. Von Anfang an wird die Halle nicht über die Köpfe der Bewohner hinweg gemanagt, sondern von den Bewohnern selbst täglich mitorganisiert.
Nach zwei Wochen Unisporthalle steht der Erfolg im Wachbuch: Täglich gehen Bewohner in die Stadt, erkunden sie, lernen Deutsch und sogar Taekwondo und helfen den Arabischlernenden der Uni. Und nach zwei weiteren Wochen steht die Schließung der Unterkunft Unisporthalle fest. Doch der Elan der Studierenden lässt sich hoffentlich nicht von landespolitischen Entscheidungen abschalten.

Christoph Trost arbeitete in Erfurt eng mit Sozialarbeitern, Verwaltungsangestellten und Bewohnern der Unisporthalle zusammen.

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