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„Familie kann einem viel abverlangen“

25 Januar 2012 One Comment

(Foto: flickr, User “NRK P3″)

(Foto: flickr, User “NRK P3″)

Ein deutscher Dokumentarfilm porträtiert die Familie Obama. Hauptfigur ist nicht der US-Präsident – sondern seine Schwester Auma.

von Frank

Die Familie, sie durfte nicht fehlen. Nicht in dieser historischen Nacht, so wie sie auch in den wichtigen Reden zuvor immer ihren Platz gefunden hatte: Barack Obama, frisch gebackener president elect der USA, dankte seinen Verwandten in Kenia für ihre Unterstützung. Immer wieder hatte er auf seinem Weg zu jener Novembernacht 2008 erklärt, es sei keineswegs selbstverständlich, dass er als Präsidentschaftsbewerber zu seinen Anhängern sprechen könne: Sein Vater war als Austauschstudent mit einem Stipendium in die USA gekommen; der Großvater war noch Hausbediensteter eines Weißen in Kenia gewesen.
Obamas väterliche Familienlinie stammt aus diesem ostafrikanischen Land, das vormals eine britische Kolonie gewesen war. Die Geschichte dieses Teils seiner Familie beleuchtet nun ein deutscher Dokumentarfilm, der am vergangenen Sonntag seine Berlin-Premiere feierte: Die Geschichte der Auma Obama rückt die ältere Halbschwester des Mr. President in den Fokus. Der Film von Regisseurin Branwen Okpako porträtiert Auma nicht als Schwester des US-Präsidenten, sondern als Vertreterin einer aufstrebenden Generation afrikanischer Frauen mit westlicher Bildung.

Obama im „Presseclub“
Branwen Okpako begleitet ihre frühere Studienfreundin Auma Obama durch die Tage vor der US-Präsidentschaftswahl 2008, die sie mit ihren Verwandten in Kogelo (Kenia) verbringt. Hier stammt die Familie her; hier hat auch Obama Sr. seine letzte Ruhestätte gefunden, nachdem er 1982 im Alter von nur 46 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Immer wieder blickt der Film mit Auma zurück, teils in nachgestellten Szenen, meist aber durch ihre Erzählungen oder die von Zeitzeugen an den Originalschauplätzen. Bis in die Kolonialzeit, die Jugend ihres Vaters. Der Film entwickelt das Bild eines starken, aber überforderten Mannes, der die Anfänge der Entkolonialisierung mit zu gestalten versucht. Und der aus den USA plötzlich eine andere Frau mit nach Kenia bringt (nicht die Mutter des späteren Präsidenten, wohlgemerkt!). Es folgt die Trennung von Aumas Mutter, die Heirat und später die Scheidung von der neuen Frau. „Familie kann einem viel abverlangen“, hört man Auma im Rückblick sagen.
Die junge Frau findet trotz der zerrütteten Familienverhältnisse ihren Weg: in der Bildung. Sie besucht ein Internat in Nairobi, später studiert sie in Heidelberg und Saarbrücken. Nach ihrem Magister arbeitet Auma in Bayreuth unter Prof. Alois Wierlacher mit am Konzept der „interkulturellen Germanistik“ und wird bei ihm promoviert. Alte TV-Bilder zeigen die junge Frau Anfang der 90er Jahre im ARD-„Presseclub“, wo sie leidenschaftlich über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit diskutiert – ein Thema, das ihr auch heute noch am Herzen liegt.

Eine globalisierte Familie
Ihren amerikanischen Halbbruder lernte Auma 1984 kennen: Barack arbeitete damals noch als Sozialarbeiter in Chicago; kurz danach stellt sie ihm bei seinem ersten Besuch in Kenia seine afrikanische Familie vor, steht mit ihm am Grab des Vaters. Solche Bilder des hemdsärmeligen, schlaksigen Sozialarbeiters Barack Obama lassen schmunzeln, verschieben aber den Fokus des Films in einer Weise, die der Regisseurin Okpako und der Protagonistin kaum recht sein können. Denn obwohl Branwen Okpako 2008 vom ZDF eigentlich eine Anfrage zu einem Film über den damaligen Senator Obama bekam, dachte sie sofort an ihre frühere Studienkollegin Auma. Beide haben an der Akademie für Film und Fernsehen in Berlin studiert – Auma ist nicht nur promovierte Germanistin, sondern auch Filmemacherin. Es sollte die Geschichte einer selbstbewussten, akademisch gebildeten afrikanischen Frau werden, ein Film über „globalisierte“ Familienverhältnisse und über die Frage, wo das „ich“ zu Hause ist.

„Mein Bruder bleibt er, sein Leben lang“
Doch das gelingt, wie angedeutet, nur teilweise. Auch wenn auf pathetische Musikuntermalung und die „bildgewaltigen“ Wahlkampfszenen fast komplett verzichtet wird: Der Name Obama schwebt über dem gesamten Film; immer mehr, je näher das Datum der US-Wahlnacht rückt. Am frühen Morgen danach – die amerikanischen Fernsehsender erklären Barack Obama zum Sieger über John McCain – tanzt die Familie in Kenia durch den Garten, reckt den wohl gehüteten Barack-Pappaufsteller in die Höhe und singt „Wir gehen ins Weiße Haus“. Im Publikumsgespräch blickt Auma, die nur widerwillig Fragen nach ihrem Bruder beantwortet, auf jenen Tag zurück: „Ich habe nie richtig gefeiert – ich war so beschäftigt damit, dafür zu sorgen, dass die Presse nicht unser Zuhause überrennt.“ „Er schuldet mir was“, sagt sie lächelnd.

Die Geschichte der Auma Obama
Deutschland 2011, 79 Minuten
Buch und Regie: Branwen Okpako
Eine Koproduktion von Filmkantine/ZDF/Branwen Okpako
unterstützt von Rombach & Partner und PICTORION das werk

Weitere Termine in Deutschland:
29.01.2012 – 11:00 Berlin, Hackesche Höfe
05.02.2012 – 11:00 Berlin, Hackesche Höfe
16.02.2012 – 19:00 Hamburg, Metropolis Kino
17.02.2012 – 17:00 Hamburg, Metropolis Kino
18.02.2012 – 19:00 München, Vortragssaal der Münchner Bibliothek Gasteig
20.02.2012 – 19:00 Hamburg, Metropolis Kino
23.02.2012 – 19:00 Berlin, Werkstatt der Kulturen

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Bisher Eine Meinung zum Thema: „Familie kann einem viel abverlangen“

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  • William Helfer meint:

    Warum gibt es keine Kontaktinformationen zu Auma Obama, z.B. E-mail Adresse oder Telefon, nicht einmal eine Hinweis zu deren gegenwärtigen Aufenthalts Ort/land gibt es !

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