Kommentar: Ehrung zur Unzeit
von Frank
Der Friedensnobelpreis geht an US-Präsident Obama – die Entscheidung aus Oslo verblüfft nicht nur den Preisträger selbst. Die Reaktionen schwanken zwischen Gratulation, Verwunderung und Verständnislosigkeit.
Der Friedensnobelpreis ist, ganz unromantisch gesprochen, eine goldene Medaille plus Urkunde, fast wie die Ehrung nach einem Schulsportfest. Und so ähnlich wie Lieschen Müller nach ihrem schulinternen Weitsprungrekord hat sich auch der Nobelpreisträger gefälligst zu freuen und artig zu bedanken.
Ein überraschter US-Präsident Obama trat gestern Nachmittag deutscher Zeit im Rosengarten des Weißen Hauses vor die Presse und äußerte dazu sogar offen, er verdiene diese Auszeichnung nicht, fühle sich aber geehrt und nehme sie demütig an. Aber ob es sich wirklich freuen kann? Lauter als die Gratulanten aus aller Herren Länder sind die Skeptiker und offenen Kritiker dieser Preisvergabe.
Zwei Arten des Zweifels
Obama ist erst der dritte US-Präsident (nach Teddy Roosevelt und Woodrow Wilson), der diesen Preis bereits während seiner Amtszeit erhält. Jimmy Carter erhielt seinen Friedensnobelpreis erst 2002. Im Gegensatz zu Obama hatten dessen Vorgänger allerdings schon konkrete Ergebnisse vorzuweisen. Der junge US-Präsident hat große Visionen und eine ungeheure Botschaft der Hoffnung mit ins Amt gebracht, aber bisher keine handfesten Erfolge vorzuweisen, so die Kritiker der Entscheidung des Nobelpreiskomitees. Wofür also der Preis?, lautet die Frage, die immer wieder in den Schlagzeilen der Medien auftaucht.
Sicher war es als vorzeitige Anerkennung und als Ansporn für weitere Bemühungen gedacht. Von einem großen (oder zu großen) Vertrauensvorschuss wird gesprochen. Aber bei aller Betrachtung des zurückliegenden „Warum?“ kommt die Frage nach dem bevorstehenden „Und nun?“ zu kurz. Was bedeutet diese Auszeichnung für die zukünftige Politik der Obama-Adminstration? Bringt der Preis dem Präsidenten Vorteile?
Klotz am Bein
Selbstverständlich bringt der Friedensnobelpreis ein beträchtliches Prestige mit sich, das der innenpolitisch angeschlagene Obama gut gebrauchen könnte. Dieses wird allerdings – angesichts der vollmundigen Skepsis bis Kritik, die nach der Entscheidung nicht nur aus republikanischen Reihen geäußert wird – vollends aufgefressen.
Den Kritikern Obamas ist dieser Anlass ein gefundenes Fressen, um wiederholt zu unterstreichen, der Darling der Europäer habe bisher nichts Konkretes erreicht. Viele seiner Wahlversprechen sind ins Stocken geraten oder haben ich verzögert; entsprechend leicht haben es die Kritiker, Obama zu verschmähen. Der Handlungs- und Erfolgsdruck auf ihn wird mit dem Preis also noch größer als bisher werden. Dagegen hilft auch das internationale Prestige eines Nobelpreises wenig; Obama hatte auch ohne den Preis weltweit hohe Sympathiewerte. Wer ihn vorher nicht ablehnte, rümpft nun erst recht die Nase, sodass ihm die Ehrung auch international eigentlich gar keine Vorteile bringt, sondern eher als zusätzlicher Druck einen neuen Klotz am Bein des US-Präsidenten schafft.
Faustpfand für Ahmadinedschad?
Ein Klotz, der die politische Bewegungsfreiheit auf dem internationalen Parkett empfindlich einschränken kann. Bei den vielen sprichwörtlichen Hochzeiten, auf denen die USA momentan global tanzen, wäre eben solche Agilität wichtig. Aber der Preis wird vermutlich nicht nur für Obama als Person zum Maßstab genommen werden, sondern für seine Administration und die Vereinigten Staaten insgesamt. So kann man nun vortrefflich in Obamas außenpolitische Suppe spucken: die Entscheidungen zu Afghanistan und v.a. zum Atomstreit mit Iran sind für einen Friedensnobelpreisträger, der im Fokus der Weltöffentlichkeit steht, freilich nicht gerade leichtere. So kann sich die moralische Kraft des Preises im Extremfall sogar gegen Obama wenden. Wie kann er noch einen Militäreinsatz anordnen, ohne einen Eklat auszulösen?
Ein Bärendienst aus Norwegen
Obama kann nun eigentlich nichts mehr hinzugewinnen, aber noch viel mehr verlieren als zuvor. Im für ihn besten (und unwahrscheinlichsten) Fall schafft er es mit Mühe und Not, die hohen Erwartungen an ihn nicht zu enttäuschen. Es gibt jedoch viel mehr Szenarien, in denen er auf die eine oder andere Weise an den enormen Erwartungen scheitern kann. Das war bereits bei seinem Amtsantritt so. Und der Nobelpreis? Das Komitee, so scheint es, hat Obamas eingeschlagenen Weg als den richtigen ehren und ihn zu weiteren Schritten anspornen wollen. Sie haben ihn dabei aber so hoch gehoben, dass er eigentlich nur noch nach unten kann, wenn er keine Wunder vollbringt.
Bild: Ben Heine
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