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„Wir hatten uns rauszuhalten.“

3 November 2010 No Comment

hienlehuy

Als Verbündeter der DDR schickte das kriegsgebeutelte Vietnam im Rahmen eines Abkommens Tausende von Vertragsarbeitern in das vermeintlich sozialistische Musterland. Hien Le Huy war einer von diesen Vertragsarbeitern und erlebte 1989 als stiller Beobachter den Zusammenbruch der DDR mit.

UNIQUE: Was hat Sie damals dazu bewegt ein Leben in der DDR zu beginnen?
Hien Le Huy: Ich bin schon 1975 zum Studium in die DDR gegangen und dann für viele Jahre nach Vietnam zurückgekehrt. Es wurde vom Staat beschlossen, dass man am besten ein Studium im sozialistischen Ausland absolvieren sollte. Dann hat man uns 1987 als Vertragsarbeiter in die DDR geschickt. Es gab aber auch wirtschaftliche Gründe, denn nach dem Krieg war es in Vietnam schwierig. Es gab eine hohe Arbeitslosigkeit und noch keine Wirtschafts­reformen. Letzen Endes sind wir aber geschickt worden. Ich bin nicht mit der Idee den Sozialismus aufzubauen in die DDR gekommen.

Wie war Ihr Bild von der DDR, bevor Sie dort ankamen?
Für uns war es ein Land, in dem es keine Hungersnot gab. Alle hatten Wohnungen, für alles war gesorgt. Die DDR war materiell und kulturell etwas anderes als Vietnam. Die Idee der DDR war für uns wunderbar.

War es immer noch wunderbar, als Sie dann ankamen?

Später haben wir immer mehr gemerkt, dass die Wirklichkeit unseren Vorstellungen und Wünschen nicht entspricht. Wir wollten uns mit dem Geld, was wir verdienen würden, etwas Kleines aufbauen. Wir haben aber kaum etwas bekommen. Mit dem geringen Lohn konnten wir nur Kleinigkeiten, nicht aber das DDR-Geld nach Hause schicken. Wir wurden in einem Wohnheim untergebracht – nur die Vietnamesen. Die meisten bekamen zwei bis drei Monate lang einen Deutschkurs und wurden dann gleich in der Produktion eingesetzt. Umso länger wir in dieser Gesellschaft arbeiteten und lebten, desto mehr sahen wir, dass es nicht immer so war, wie wir uns das vorgestellt hatten. In Wirklichkeit war es schlimmer: Polizeistaat und Stasi – es war eine überwachte Gesellschaft.

Haben Sie persönlich etwas von dieser Überwachung durch die Stasi oder den vietnamesischen Geheimdienst mitbekommen?
Persönlich habe ich es nicht eindeutig miterlebt. Ich bin mir aber hundertprozentig sicher, dass die ausländischen Facharbeiter überwacht wurden. Von der vietnamesischen  Botschaft und von den Betreuern – das war ganz normal. Uns wurde z.B. von vietnamesischer Seite gesagt, dass wir politisch nicht aktiv werden und nicht auf Ereignisse reagieren sollten, die in der DDR passierten. Wir hatten uns rauszuhalten.

Unterschied sich die Situation der vietnamesischen Frauen von der der Männer?
Sie arbeiteten vor allem in der Textilindustrie. Ich würde mal sagen, dass ein Drittel der Vietnamesen in der DDR Frauen waren. Es waren vorwiegend junge Mädchen, die die Schule verlassen hatten. Ihr Bewegungskreis war noch begrenzter als der der Männer. Zumal sie schwanger werden konnten und solche „Ereignisse“ in diesem System unerwünscht waren. Am Anfang wurden deshalb viele nach Hause zurückgeschickt.

Wo waren Sie im Wendeherbst 1989?
In Leuna. Wir haben jeden Tag diesen Konflikt gespürt. Unsere deutschen Kollegen im Betrieb haben immer gesagt, dass etwas passieren müsse. Aus dem Fernsehen haben wir die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China und die Bewegung in Ungarn mitbekommen. Spätestens da haben wir gespürt, dass in dieser Gesellschaft etwas nicht mehr stimmt. Es gab eine Art Schieflage und auch kaum noch etwas in den Regalen. Die deutschen Kollegen haben gesagt, dass wir etwas machen müssen – demonstrieren und so. Das haben wir alles mitbekommen.

Haben Sie das nur mitbekommen oder auch aktiv mitgestaltet?
Die Vietnamesen haben eigentlich nicht mitgewirkt, sondern eher nur miterlebt. So z.B. während der Schicht, wenn die deutschen Kollegen erzählt haben, dass sie gestern bei der Demo in Leipzig dabei gewesen wären. Sie sprachen von „Wir sind ein Volk!“ und „Wir haben die Power, wir haben die Macht!“ und dass eines Tages etwas passieren müsse. Ich hatte auch mal einen Freund aus der CDU, der bei den Montagsdemos immer dabei war. Er hatte auch eine kleine Druckmaschine im Keller, mit der er heimlich Flugblätter gedruckt hat. Diese Flugblätter hat er immer im Betrieb und in Leipzig verteilt.

Verspürten Sie nicht den Wunsch sich selbst zu beteiligen oder hatten Sie Angst?

Wir hatten vor allem Angst, da wir von beiden Seiten so stark kontrolliert wurden. Auch vor unseren Betreuern, die bei der Stasi waren und dies nicht versteckten. Sie haben uns klipp und klar gesagt: „Ich bin bei der Stasi.“ Ganz offiziell. Auch die vietnamesische Botschaft hatte Betreuer da; und immer, wenn wir etwas falsch gemacht haben, wurden wir sofort bestraft.

Haben Sie die Wende herbeigesehnt?

Für uns war es damals ein Schock, dass in einem Arbeiter- und Bauernstaat die Arbeiter und Bauern mal sagen würden, dass sich etwas ändern müsse – das war unvorstellbar. Aber dann haben auch wir begriffen, dass die Reden der Politiker nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmten. Wir mussten feststellen, dass unsere Kollegen – also die einfachen Arbeiter – recht hatten. Wir haben einfach geschaut, was passiert und auf etwas Neues gehofft. Aber wir haben uns auf jeden Fall gefreut, dass sich etwas geändert hat.

Der 9. November bedeutete für mich …

Für mich … ich weiß es nicht so genau. Die Wende war wunderbar für alle Menschen, denke ich mal. Nicht nur für Deutschland und Europa, sondern für alle. Es war wie Frühling.

Was geschah mit Ihnen, als die DDR zusammenbrach?

Das war für uns alle schlimm. Wir waren wie verloren. In der DDR haben wir im Wohnheim gewohnt, hatten unser Gehalt – und auf einmal waren wir arbeitslos. Die meisten von uns wurden abgeholt und nach Hause geschickt. Nur einige Tausend sind hier geblieben und ich bin einer von ihnen. Wir wussten zwar nicht, was auf uns zukam, aber wir haben uns einfach entschieden zu bleiben. Wir bekamen kein Flugticket und keine Entschädigung. Jeder, der nach Hause fuhr, bekam von dem staatlichen Vertrag ein bisschen Geld. Aber was sollten wir damit? Deswegen haben wir uns entschlossen: „Wir bleiben hier! Wir werden uns etwas Neues suchen.“ Das war ganz schön aufregend, aber auch ziemlich schwierig.

Haben Sie in der Zeit jemals daran gedacht doch wieder nach Vietnam zurückzugehen?
Ich weiß nicht. Vielleicht kehren wir irgendwann später zurück, aber bis jetzt hatte ich noch nicht die Absicht. Ich bin nicht reich, auch nicht arm, aber ich habe etwas erlebt und es geht mir jetzt besser als vorher. Außerdem sind unsere Kinder auch schon groß. Eine Tochter ist noch auf der Schule und die andere verlässt bald die Uni in Ilmenau. Ich denke, dass es für sie wichtig ist hier zu sein.

Die mehrtägigen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 waren der brutale Höhepunkt einer aufgestauten, sich entladenden Ausländerfeindlichkeit. Haben Sie davon auch etwas gespürt?
Ja, natürlich! Kurz nach der Wende war es für uns sehr gefährlich z.B. allein im Zug oder auf der Straße unterwegs zu sein. Das war eine große Bedrohung. Wir hatten wirklich viel Angst. Vor allem von 1990 bis 1995 war es eine grausame Zeit für Ausländer. Jeden Tag, wenn ich unterwegs war, begegnete ich diesen feindlichen Haltungen, Gesten oder Beschimpfungen. Die Neonazis nutzten damals den Nährboden, dass viele DDR-Jugendliche arbeitslos waren und keine Perspektive sahen. Die Ausländer waren der Sündenbock für alles.

Glauben Sie, dass den Ostdeutschen die Bewältigung der DDR-Vergangenheit gelingt?
Vor allem für die alten Menschen ist es schwer, denn sie fühlen sich einfach im Stich gelassen. Damals mussten sie nicht viel denken, bekamen einen Arbeitsplatz, billige Wohnungen. Aber heutzutage müssen sie im Kapitalismus kämpfen – und die Älteren haben dafür keine Kraft mehr. Für uns hingegen ist es etwas leichter als für die Deutschen. Für uns war es eher ein Teil der Geschichte Europas als etwas Politisches. Das war so und das muss man so akzeptieren.

Haben sich die Menschen nach der Wende verändert?
Ich denke, dass sie zufrieden sind. Natürlich gibt es auch die Leute, die immer an die alten Zeiten denken, aber die meisten denken realistisch und positiv. Ich habe einen deutschen Freund und wir diskutieren viel und sind uns einig, dass das Leben vorwärts geht und dass man positiv denken muss. Allgemein finde ich in meinem Freundeskreis ein Vorwärtsdenken. Wenn man den ganzen Prozess allgemein betrachtet, muss man sagen, dass es positiv verlaufen ist.

Herr Le Huy, wir danken für das Gespräch.

Das Interview führte paqui.

Als Verbündeter der DDR schickte das kriegsgebeutelte Vietnam im Rahmen eines Abkommens Tausende von Vertragsarbeitern in das vermeintlich sozialistische Musterland. Hien Le Huy war einer von diesen Vertragsarbeitern und erlebte 1989 als stiller Beobachter den Zusammenbruch der DDR mit.

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