Stress als Lebensgefühl

Können wir uns neu verzaubern?

Stress ist ein Lebensgefühl geworden. Wir flüchten in Beschäftigung, um der Angst vor einem sinnentleerten Dasein zu entkommen. Doch ist Stress nicht vielmehr ein inneres Engegefühl, als der volle Terminkalender? Und können wir die verlorene innere Zeit zurückgewinnen?

von Aliena Kempf


Unistress, Prüfungsstress, Hausarbeiten-Stress. Stress begleitet unseren Uni-Alltag. Im Schulleben war, im Erwerbsleben wird es nicht besser. Und schließlich gibt es auch noch den sogenannten Freizeitstress. Die Aufforderungen zu mehr Gelassenheit gehen damit Hand in Hand: „Alles ganz entspannt, mach dir keinen Stress!“ Dahinter der leise Verdacht, dass wir manchmal ganz gerne gestresst sind – das Label „Stress“ ist irgendwie gut.
Ich habe mich gefragt, was wir eigentlich meinen, wenn wir uns als “gestresst” bezeichnen und woher dieser Zustand kommt, der uns wie ein Hintergrundrauschen begleitet.

Der Verlust der inneren Zeit

Zunächst scheint Stress mit Zeit zusammenzuhängen. Ich habe Zeitdruck, genauer gesagt, knapp bemessene Zeit, um alles zu schaffen. Bei einer Abgabe oder einem Prüfungstermin ist das nur allzu verständlich. Gerne nennen wir das auch „produktiven Stress“. Den brauchen wir, um richtig in Schwung zu kommen – für mehr Fokus, mehr Effizienz. Dann gibt es aber auch noch einen anderen Stress. Er ist mehr gefühlt, was ihn nicht weniger real macht. Es ist das Gefühl, immer zu wenig Zeit zu haben für all das, was man sich vorgenommen hat. Der innere Stapel an Plänen und Ideen wächst. Das macht verständlich, warum man anscheinend auch in der Freizeit oder im Urlaub Stress haben kann. Den Stress, den ich hier meine, ist räumlich: Es ist ein verengter innerer Raum, der kaum Platz lässt, sich zu entfalten und richtig frei zu fühlen. Also Unfreiheit bei lauter Freiräumen? – ein Paradox. Wir sind unruhig, fühlen uns gehetzt von Aufgaben und Plänen, Wünschen und Zielen, denen wir hinterherlaufen. Wir sagen gerne „ich muss“, aber bei genauer Hinsicht ist dieses „Muss“ flexibler als wir es gerne hätten. Wir können im Grunde ständig die Grenzen dessen, was wir uns vorgenommen haben, verschieben. Wer sagt denn, dass wir studieren müssen und dafür bestenfalls acht Stunden am Tag ackern? Wer sagt, dass wir jedes Jahr drei Urlaube machen sollten und mindestens zweimal in der Woche Sport? Wenn ich mich über meinen Job beschwere, kann man zurecht zurückfragen, warum ich ihn dann gewählt habe. Ich kann mein Leben anders leben. Oder schlicht: Mach dein Ding! Zumindest heißt es, wir hätten unser Leben – alias unser Glück – in der Hand. Also schrauben wir ständig an unserem Zeit- und Lebensplan herum in der Hoffnung, ihn zu optimieren und dabei, wenn schon nicht Glück, zumindest eine gewisse Befriedigung zu finden.
Mein Eindruck ist, dass unter dem Schleier von „zu wenig Zeit“ eigentlich eine Angst vor „zu viel Zeit“ liegt, eine Angst vor Leere und Sinnlosigkeit, die mit Dauerbeschäftigung überschrieben wird. Statt Leere fühlen wir anscheinend lieber Zeitknappheit, den inneren Käfig – oder das Hamsterrad.
Es ist klar, dass sich unsere Sehnsucht nicht auf optimierte Zeitpläne oder eine bessere Work-Life-Balance richtet, auch nicht auf mehr künstlerischen Ausdruck oder intensivere Naturerlebnissen. Wir wollten nie wirklich mehr Zeit gewinnen, indem wir die gegebene Zeit gezielter nutzen. Wenn unsere Sehnsucht vielmehr der Rückgewinnung einer inneren Zeit gewidmet ist, dem Vertrauen, dass alles seine Zeit und seinen Raum finden wird – dann stellt sich die Frage, warum wir trotzdem in den Viel-Schaffen-Modus gehen. Warum läuft uns ein „Was-muss-das-muss“ leichter über die Lippen als ein „Was-kommen-wird-wird-kommen“?

Die Bürde der entzauberten Welt

Vielleicht hilft es, sich hin und wieder zu vergegenwärtigen, dass das Hadern mit der richtigen Lebensführung kein „Luxus-Problem“ ist. Es handelt sich, in Anlehnung an den Soziologen Max Weber, um Folgeerscheinungen der Entzauberung der Welt.
In der verzauberten Welt gaben uns Glauben und Religion einen absolut gültigen Maßstab, der außerhalb von uns selbst lag und an dem wir unsere Handlungen messen konnten. Die moderne Welt hat diesen Sinn gebenden Rahmen, das metaphysische Obdach, Stück für Stück verloren. Ohne einen objektiven Orientierungsrahmen hat jede Handlung grundsätzlich denselben Sinn und Wert – alle Entscheidungsoptionen sind gleich gültig. Sie sind genauso sinnvoll wie sinnlos, genauso gut wie schlecht. Ist der Bewertungsmaßstab nicht mehr objektiv gegeben, muss er subjektiv erschaffen werden. Ich bin Maßstab und zu messendes Objekt – oder: ein autonomes Individuum.
Wenn ein Freund sagt: „Kannst du mir später helfen? Aber nur, wenn du willst!“ – oder Eltern sagen: „Ach mach doch, was du willst – du machst es ja eh“, dann schwingt darin etwas von der moralischen Autonomie mit: Du musst es selbst wissen, ich dränge mich nicht auf. Es ist beinahe anmaßend, jemanden durch eine Bitte aus seiner aktuellen Tätigkeit herauszureißen, oder gar eine offene Forderung zu stellen. Auch sich in die Position zu begeben, es besser zu wissen, was gut oder schlecht für den anderen ist, ist eine heikle Angelegenheit. Obwohl für echte Fürsorge unabdinglich, intervenieren wir meist unsicher und vorsichtig – oder lassen es gleich ganz.
Indirekt sendet dieses Verhalten die Botschaft: „Du musst selbst herausfinden, was für dich am besten ist.“ Möglichst viele Erfahrungen zu sammeln und sich auszuprobieren wird zur Norm – Fehler und Scheitern, Irrungen und Wirrungen zu neuen Idealen. Gleichzeitig nehmen soziale Vergleiche zu, denn Entscheidungen selbst zu treffen und zu verantworten, ist schwer. Lieber schauen wir, wie es die anderen tun. Die Anpassung an Trends und Normalitäten gibt aber nur scheinbare Sicherheit. Vielmehr treiben wir wie ein Blatt im Wind zwischen konkurrierenden Normen hin und her – im dauernden Stress, unseren Platz nicht zu finden.
In der verzauberten Welt gab es vielleicht die Angst, den unanfechtbaren Forderungen der religiösen Autorität nicht zu genügen und für ewig verdammt zu werden. Heute bedroht uns dagegen das Fehlen verbindlicher Handlungsanweisungen für „das gute Leben“. Wir scheitern nicht an den Vorgaben, auch nicht an selbst auferlegten Pflichten – ihr fehlender Sinn bringt uns zu Fall: Wenn wir scheitern, wissen wir nicht, woran. Nicht die zu vielen Möglichkeiten sind das Problem, sondern ihre letztliche Sinnlosigkeit. Nichts ist lähmender als der sich aufdrängende Verdacht, all die Bemühungen, ein nächtelanges Durcharbeiten und das Inkaufnehmen gesundheitlicher Folgen sei letztlich sinnlos, vergebens, vertane Mühe. Man ist versucht, sich an ein fernes Ziel zu klammern, aber es gibt keine äußere Sicherheit, die uns sagt, dass dieses wirklich erstrebenswert ist – „naja, muss halt“.

Kann ich mir selbst vertrauen?

Wie Nietzsche sagte: „Gott ist tot“, aber wir hätten die Tragweite unserer Tat, Gott getötet zu haben, noch nicht begriffen – vielleicht bis heute. Sie hinterlässt ein wüstes Land, auf dem eine neue Pflanze erst langsam zu keimen beginnt. Es ist das Selbstvertrauen, das dort Halt finden muss, wo das Gottvertrauen einst tiefe Wurzeln hatte.
Eine unzureichende oder instabile innere Sicherheit bedeutet, dass das Selbstvertrauen noch nicht vollumfänglich entwickelt ist. Aber es gibt keine Alternative: Ich muss selbst entscheiden, ob die nächste Handlung wirklich sinnvoll ist, oder ob ich es einfach lassen sollte. Genauso wie das Sein-Lassen immer wieder durch den Gedanken gestört werden kann, etwas vermeintlich Sinnvolleres zutun. Zeitmanagement wird zum Management des schlechten Gewissens.
In der entzauberten Welt ist uns der Sinn nicht vorgegeben, sondern aufgegeben. Wenn ich will, kann ich in jedem Moment neu entscheiden, was mein Sinn sein soll. Aber ohne inneren moralischen Kompass fühle ich mich lost, müde und gestresst. Mir fehlt der Sinn, der mir das Vertrauen gibt, mich richtig entscheiden zu können. Dennoch erlaube ich es mir zu sagen: Für die langsame Entfaltung und aufwendige Pflege meines inneren Sinns fehlt mir
schlicht die Zeit und die Geduld. Lieber lasse ich mich vom Prüfungsstress quälen und halte mich beschäftigt, als dem Sinn-Stress Raum zu geben.


Beitrag veröffentlicht

in

von