Das Jahrzehnt der geplatzten Träume

2016 steht dieses Jahr im Fokus der Trends. Viele Medienberichte werteten den bereits Ende letzten Jahres andauernden Trend #BringBack2016 aus. Sowohl die Nostalgie nach 2016 als auch die Kritik dieser Nostalgie sind bekannt. Offenbar sind die Angebote der Gegenwart unattraktiver als jene, die man mit der Vergangenheit verbindet – ein Phänomen, das die Aufklärung des 18. Jahrhunderts eigentlich vermeiden wollte, als sie mit der Kritik priesterlicher Opferschwindel anhob.

von Dennis Pieter


Foto: ©Mika Baumeister/Unsplash

Zehn Jahre ist es nun her, dass Pokémon Go auf den Gaming Markt kam, Netflix Staffel 1 von Stranger Things veröffentlichte, die Marvel-Reihe ihre Hochzeit erlebte. Hundefilter und Südostasien-Reisen waren noch nicht geächtet. Alles in allem scheint 2016 eine deutlich optimistischere Zeit zu repräsentieren, als es 2026 der Fall ist. Aber: Angela Merkel setzte die Austeritätspolitik Schröders fort, was zum größten Niedriglohnsektor in der EU führte, der Krieg in Syrien mit dem Islamischen Staat als Hauptfeind tobte noch und die deutsche Willkommenskultur bekam langsam Risse durch die noch als politischer Rand erscheinende AfD und die mit ihr liebäugelnden Pegida-Bewegungen. Ebenso erlitt der gute Ruf des Westens Schaden mit der bevorgestanden habenden Trump- und Brexit-Wahl. Edward Snowden und Julian Assange waren bereits auf der Flucht, während man in Deutschland die Vorratsdatenspeicherung beschließen wollte – eine als Anti-Terror-Maßnahme verkaufte Frechheit der Christdemokraten. Eines der wichtigsten Ereignisse war aber die erstmalige Einführung eines Feed-Algorithmus durch Instagram. Die politischen sowie alltäglichen Konsequenzen dieser Innovation sind nach wie vor kaum abzuschätzen.

Man kann mit Recht behaupten, dass die Ereignisse von 2016 den Beginn des Endes der Nachkriegsära einläuteten. „Der Westen“ – meint: die Front liberal-demokratischer Republiken, deren politischer Anspruch auf universalistischen Prinzipien gründete – wurde zum sinkenden Schiff, das sich während der Covid-19-Krise noch verzweifelt an das neoliberale Ideal einer technokratischen (also bloß verwaltenden) Politik klammerte, obwohl die Staaten zu dieser Zeit so viele Investitionen tätigen mussten wie selten zuvor.

Zwischen 2016 und 2022 lässt sich auch die Hochphase der sogenannten political correctness ausmachen. Ein Begriff aus den 1980ern wurde zum Maßstab dessen gemacht, was „links“ sei, ohne dass man sich als Linke um die konservative Kehrseite dieses Begriffs Sorgen machte. So trieb die politische Korrektheit Stilblüten wie die Gründung eines „rassisch“ getrennten Online-Cafés an der University of Michigan-Dearborn, um safe spaces für persons of color zu schaffen. Ein moralischer Anspruch, der von außen betrachtet nahtlos an die rassistische Segregationsgeschichte der USA andocken könnte. Mittlerweile sieht man auf Social Media immer mehr „linke“ Influencer, die sich der „Wokeness“ entledigen wollen und sich einem konservativer werdenden Publikum ergeben. Verschwörungstheorien über Covid-19 und Epstein-Files grassieren mittlerweile auch in linken Bubbles, weil diese Themen sich eignen, eigene Ressentiments sozial akzeptabler darzustellen. Ebenso zeichnet sich mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht und dem aufsteigenden Linkslibertarismus (der Ole-Nymoen-Fanclub lässt grüßen) eine deutliche Tendenz zur Entpolitisierung ab.

Zynismus als Kehrseite der Aufklärung

Dieser von Zynismus geprägte Rückschritt innerhalb der Linken lässt sich gut verstehen als das Ergebnis der Aufgabe der Macht- und Massenpolitik. Die 68er-Bewegung, die die strenge ökonomische Analyse des Marxismus durch kulturtheoretische Ideologiekritik nicht einfach kompromittierte, sondern ganz und gar zu ersetzen schien, musste angesichts der milder werdenden Politik der Sowjetunion und der Tatsache, dass islamische Fundamentalisten 1979 den US-Imperialismus besiegten, herbe Desillusionierungen hinnehmen. Der komplexer werdende Welthandel hat Charity-Projekte attraktiver und moralisch verwertbarer erscheinen lassen als die Morde der RAF.

Der Siegeszug des Zynismus innerhalb der Linken ist also nicht neu. Bereits 1983 analysierte der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk dieses Phänomen in seinem Buch Kritik der zynischen Vernunft:

„Zynismus ist das aufgeklärte, falsche Bewußtsein. Es ist das modernisierte unglückliche Bewußtsein, an dem Aufklärung zugleich erfolgreich und vergeblich gearbeitet hat. Es hat seine Aufklärung gelernt, aber nicht vollzogen und wohl nicht vollziehen können. Gutsituiert und miserabel zugleich fühlt sich dieses Bewußtsein von keiner Ideologiekritik mehr betroffen, da seine Falschheit bereits reflexiv gefedert ist.“

Und es ist nicht irgendein Zynismus, den Sloterdijk unter die Lupe nimmt, sondern derjenige, der sich insbesondere durch die sich als progressiv begreifende Aufklärung intensivierte. Diese nahm ihren Anfang mit René Descartes‘ neubegründeten wissenschaftlichen Skepsis, die von Staat, Adel und Kirche die Abkehr von mythisch begründeter Autorität und Opfergabe forderte.

„Die neuzeitliche Aufklärung war es, die uns lehrte, den Prozeß der Verinnerlichung der Opfer Schritt für Schritt rückgängig zu machen, bis unser Leben in greller Vereinzelung hervortrat, ungeopfert, aber auch unverbunden mit dem unmöglichen ‚großen Ganzen‘“,

das die Religion und andere mythisch begründete Autoritäten nun mal anbieten. Wer aber heutzutage den durch Immanuel Kant berühmt gewordenen „Wahlspruch der Aufklärung“ zitiert –„Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ –, der signalisiert damit vor allem seinen Verschwörungsglauben. Das, was die Aufklärung also forderte, nämlich die Kritik des Mythos, mündet heute in die von Privatpersonen betriebene Mythenproduktion, in der alles recht ist, was offizielle Institutionen delegitimiert. Die aufklärerische Wette, dass es möglich sei, mythisch fundierte Institutionen rational umzugestalten, ist eindeutig verloren. Der einst progressive Optimismus in Bezug auf eine zukünftige „bessere und gerechtere Welt“ findet seine aktuellste Manifestation in Donald Trump, unter dem ganz offiziell jegliche Offizialität zerbröselt und durch den ein neues, evangelikales Sektierertum aus der ausgeklärten Wüste der Ideologielosigkeit, in der sich der Westen über die vergangenen Jahrzehnte wähnte, erwächst.

Das alles hat mit der Geschichte der Linken zu tun, die eng verknüpft mit der der Aufklärung ist, was man nicht zuletzt auch daran sah, dass der linke Wahlspruch während der Covid-19-Krise „Listen to the science!“ zu sein schien. „Science“ ist hier das, was Sloterdijk mit beißender Ironie das „Gespenst eines ‚Gesamtsubjekts‘, welches das ganze Vernunftpotential der Gattung in sich trüge“, nennt. Es ist dezidiert nicht mehr der „engagierte Intellektuelle“ des 20. Jahrhunderts, der den Mut und die Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft auf sich konzentriert, sondern „die Wissenschaft“, eine abstrakte Institution, der man das Denken überlässt.

So haben wir es, um zum Hauptthema dieser Polemik zurückzukommen, heute mit der Dialektik zu tun, dass die Aufgabe der Machtpolitik durch eine mehrheitsfähige Linke begleitet wird vom Sprießen naiv-militanter und nicht selten antisemitischer K-Gruppen (das „K“ steht wahlweise für „Kommunismus“ oder „Kader“), die durch ihren fehlenden Mut, ein denkendes Nicht-Handeln zu praktizieren, sich rechtsextremen und libertären Gruppen strukturell annähern. Zwischen 2016 und 2026 passierte, genauer gesagt, nicht unbedingt eine inhaltliche, wohl aber eine formale Angleichung linker Politik an rechte. Beide werden immer populistischer, immer entpolitisierter und immer apokalyptischer. Vielleicht hilft da der Gedanke, dass die Apokalypse doch schon längst passiert ist.


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