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Von Weltbilderbüchern

4 August 2015 No Comment

„The world seen from Beijing“, 2012 (© P. Rekacewicz, Le Monde Diplomatique) - klick für größere Ansicht

Spannender als jeder Schul-Atlas, aber mindestens genauso lehrreich: zwei Bücher mit Bildern vom und über den Erdball.

von Frank

Karten machen unsere Welt. Seit Jahrhunderten haben Darstellungen des Erdballs entscheidenden Einfluss darauf, wie wir die Welt sehen – oder Teile von ihr nennen. Eines der bekanntesten Beispiele dafür bildet die Entscheidung des Kartografen Martin Waldseemüller, auf seiner Weltkarte von 1507 den neu entdeckten Kontinent mit ‚America’ zu benennen, abgeleitet vom Namen des Seefahrers und Entdeckers Amerigo Vespucci. „Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war der Name dann auf Karten wie auch in geografischen Texten allgemein gebräuchlich geworden“, weiß Jerry Brotton. Der Professor für Renaissancestudien an der Queen Mary University of London und Experte für die Geschichte der Kartografie widmet der Waldseemüller-Weltkarte, die als „Geburtsurkunde Amerikas“ gelte, ein eigenes Kapitel in seinem Buch Die Geschichte der Welt in zwölf Karten.
Auf über 700 Seiten macht sich Brotton daran, beginnend mit der Geographie des Ptolemäus etwa 150 n. Chr., die Weltgeschichte in einem Dutzend Karten zu erklären. Nun, nicht ganz, denn auch wenn in den Hauptkapiteln jeweils eine von zwölf Weltkarten im Zentrum steht, werden viele weitere in Abbildungen und zu Vergleichen benutzt. Bereits in der Einleitung widmet er sich einer Karte, der ersten bekannten kartografischen Darstellung der Weltgeschichte: eine Tafel aus dem Babylon im 6. Jahrhundert v. Chr., die erstmals die Welt in „Draufsicht“ zeigt – mit Babylon im Zentrum. Hier zeigt sich bereits die Leitfrage Brottons: die Wechselbeziehung vom Bild der Welt (als physischem Objekt, als grafische Darstellung von Planet, Territorium usw.) und dem Weltbild (sprich: den Überzeugungen einer Person oder Gemeinschaft). Eine Weltkarte, die grafische Angaben macht über Dinge wie Zentrum und Peripherie, über Grenzen – und damit Außen und Innen – kann niemals „objektiv“ sein. Denn das In-Beziehung-Setzen zur äußeren, physischen Welt erfolgt nie aus einer neutralen Position: „Eine Weltanschauung lässt eine Weltkarte entstehen, doch prägt diese Weltkarte wiederum die Weltanschauung der Kultur, die sie hervorgebracht hat.“

„Eine Sache, dafür aber eine andere nicht“
Schon weil eine Weltkarte eben per Definition niemals identisch sein kann mit der Realität, mit dem Territorium, das abzubilden sie geschaffen wird, manipuliert sie – durch Analogiesetzungen, durch Zeichen, aber auch durch das, was (aufgrund von Abstrahierung) weggelassen wird. Zudem wird durch die eingenommene Perspektive des Karten-Urhebers gleichsam eine „Sicht auf die Welt“ gewählt, die – wie nicht nur das erwähnte Babylon-Beispiel zeigt – meist „egozentrisch“ ist, also die hervorbringende Kultur im Zentrum verortet. Ähnlich verhalte es sich, so erklärt Brotton, mit der Ausrichtung an einer der Himmelsrichtungen: Den Norden als Orientierungspunkt zu wählen, war und ist keineswegs zwangsläufig.
Der physischen Gestalt der Erde geschuldet, ergeben sich bei ihrer grafischen Projektion auf eine ebene Fläche immer Verzerrungen, etwa von Winkeln oder Flächenverhältnissen. Dass solche Proportionsfragen auch die Vorstellung von globaler Gleichberechtigung berühren, zeigt Kartografie-Experte Brotton am Beispiel der so genannten „Peters-Projektion“ aus den 1970er Jahren. Der Historiker Arno Peters wollte zur Überwindung des nach seiner Ansicht eurozentrischen Weltbildes alle Staaten und Völker gleichberechtigt, also ohne Größenverzerrungen darstellen. Auf seiner Karte erscheint darum Europa um einiges kleiner, Afrika und Südamerika größer als üblich. Die unter Experten sehr umstrittene Weltkarte – eine zugehörige Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kartographie war „Ideologie statt Kartographie“ überschrieben – wurde zumindest zeitweise von mehreren Hilfsorganisationen für ihre Öffentlichkeitsarbeit übernommen.

Verzerrt oder gerecht? Die sog. Peters-Projektion, angewandt auf ein Satellitenbild

Anhand seiner zwölf ausgewählten Weltkarten zeigt Brotton, „wie eine ‚Kartografie ohne Fortschritt’ unterschiedliche Kulturen zu bestimmten Zeiten mit spezifischen ‚Weltbildern’ versorgt hat“. Denn mit derartigen Problemen – oder eher: Entscheidungen – bei der Gestaltung, wie Perspektive, Fokus oder Abstrahierungen, sahen sich Kartenzeichner immer konfrontiert und tun dies bis heute, auch im digitalen Zeitalter. Welche Wahl getroffen wurde, war dabei immer auch ein Resultat der jeweiligen Kultur, der Gesellschaft mit ihren Macht- und Interessenverhältnissen. Als Ergebnis, so wiederholt der Autor immer wieder, ist Kartografie eben nicht objektiv. Auch im Zeitalter von Satelliten und Google Earth, gibt der Autor zu bedenken, seien unsere virtuellen Karten heute zwar weniger „dauerhaft“, aber nicht weniger interessenbasiert, etwa wenn es um die Wirtschaftsinteressen derjenigen geht, die ein Kartenprojekt in Auftrag geben. Darum müsse, wer wissen wolle, „warum heute eine Online-Karte der Welt so aussieht, wie sie es tut, in der fernen Vergangenheit ansetzen“.
Auch wenn die grundlegende Erkenntnis, dass auch Weltkarten als historische Dokumente bzw. Darstellungen Kinder ihrer Zeit sind, trivial erscheinen mag: Jerry Brotton legt hier nicht nur ein faszinierendes Buch über Kartografie und (Kultur-)Geschichte, sondern auch über Anthropologie und Philosophie vor. Und er zeigt, wie unser „Bild von der Welt“ nicht nur von gestalterischer Kreativität und technischem Fortschritt, sondern auch der jeweils vorherrschenden „Sicht auf die Welt“ bestimmt wird.

„Ein visueller Atlas unserer Welt“
Das Miteinander von Gestalterisch-Künstlerischem und darstellerischer Genauigkeit ist auch für Informationsgrafiken typisch, wie man sie früher vor allem aus Magazinen oder Schulbüchern kannte, die heute aber in nahezu allen Medienbereichen populär sind. Auch hier werden Schemata, Abstraktion und Symbole genutzt, um relevante Informationen darzustellen, aber gleichzeitig eine Komplexitätsreduktion zu erreichen. Es ist also nicht zu weit her geholt, Karten als eine Unterkategorie der Informationsgrafiken einzustufen. Und es wundert darum auch nicht, dass es die Weltkarte Waldseemüllers aus dem Jahr 1507 – wir erinnern uns: ‚America’ – in den Mammut-Band Understanding the World. The Atlas of Infographics geschafft hat. Das beim TASCHEN-Verlag erschienene Buch, das ein „visueller Atlas unserer Welt im frühen 21. Jahrhundert“ sein möchte, versammelt in thematisch fokussierten Kapiteln Infografiken zu den Gebieten „Nature & Environment“, „Economy & Development“ und „Culture & Media“.
Die älteste der enthaltenen Darstellungen – eine Weltkarte – stammt aus dem Jahr 1265: die mittelalterliche „mappa mundi“ mit Jerusalem als Zentrum. Eröffnet wird der Band jedoch mit der „Animal Clock“, bei der Fritz Kahn 1954 die Evolution auf das Ziffernblatt einer Uhr abstrahierte, auf dem verschiedene Stadien von charakteristischen Tierarten repräsentiert werden. Kahn, dessen Darstellungen, vor allem zum Funktionieren des menschlichen Körpers, noch heute Inspiration für zahlreiche Gestalter sind, gilt als eine Art „Gründervater“ der modernen Informationsgrafiken
Auf diese zeitgenössischen Grafiken fokussiert sich Understanding the World und reicht entsprechend bis ins Jahr 2014. Die überwiegende Mehrzahl der Abbildungen ist dabei recht jung. „Seit der Einführung der digitalen Kommunikation um die Jahrtausendwende erleben Informationsgrafiken eine vollkommen neue Popularität und einen enormen Entwicklungsschub“, erklärt uns dazu Sandra Rendgen, Autorin mit Schwerpunkt Visuelle Kultur, die den Band mit zusammengestellt und kommentiert hat. Zudem sei gegenwärtig eine breite Professionalisierung im Bereich Informationsgrafik und Datenvisualisierung zu beobachten. Dabei forme sich, so Rendgen weiter, eine neue Berufsgruppe, die sich aus verschiedenen Bereichen zusammensetzt: „Einerseits Redakteure und Wissenschaftler, die sich konzeptionell und inhaltlich mit der Visualisierung beschäftigen; Designer, denen die visuelle Gestaltung obliegt, und Informatiker oder Programmierer, die die Software für komplexere Visualisierungen bereitstellen können.“
Längst haben die Infografiken auch in die Redaktionshäuser Einzug gehalten, wo oft eigene Abteilungen damit befasst sind, komplexe Daten auf ansprechende illustrative Weise aufzubereiten. Die in Understanding the World versammelten Grafiken zeugen davon, stammen sich doch häufig von National Geographic, der New York Times oder LeMonde Diplomatique.

Atommächte-Grafik: „Nukes ready to fly“ (© National Post, Canada)

Für Freunde der visuellen Informationsaufbereitung ist das Buch eine wahre Schatzkiste: Das wuchtige Coffee Table Book wartet mit großzügigem Farbeinsatz und sieben ausklappbaren Panorama-Seiten auf. Die Grafiken, viele davon formatfüllend, werden jeweils durch Angaben zur Herkunft sowie kurze erläuternde Texte an Rand ergänzt. Die Notwendigkeit dazu resultiert nur teilweise aus dem Umstand, dass fast alle Abbildungen mit englischer Sprache arbeiten einige sind schlichtweg zu vielschichtig, um sie auf den ersten Blick zu durchschauen. An manchen Stellen hätte man sich allerdings etwas mehr Text gewünscht, der über die Beschreibung dessen, was man sieht, hinausgeht.
Nicht nur die Darstellungsformen der Infografiken sind sehr unterschiedlich, auch die zu visualisierenden Informationen variieren stark: häufig trifft man auf Kartenmaterial, aber auch grafische Aufbereitungen statistischer Erhebungen oder von Mengen- und Größenverhältnissen, zeitlichen Abläufen oder Entwicklungsprozessen bringt Understanding the World zwischen den Buchdeckeln zusammen: Man lernt humorvoll „How to wear a kilt“ (2012) oder erfährt mit dem „Water Footprints of Nations“ (2007) auf einfache, aber eindrucksvolle Weise, wie viel Wasser einzelne Staaten verbrauchen – und staunt möglichweise über den immensen Wasserverbrauch der Niederlande. Die 2008 in National Geographic erschienene Grafik „Cosmic Journeys“, in dem Thema angemessenen Ausklapp-Ausmaßen, sei seit ihrer Veröffentlichung „bereits zum Klassiker geworden“: Sie fasst fünf Jahrzehnte Raumfahrtgeschichte in einer Grafik zusammen und besteht aus Planeten umrahmt durch filigrane grafische Linien (sehr ästhetisch!), die bisherige und geplante Missionen verschiedene Staaten im All darstellen.
„The World of Seven Billion“ (2011), ebenfalls erschienen in National Geographic, zeigt als Weltkarte die ungleiche Verteilung der Weltbevölkerung und bietet zusätzlich statistische Informationen zu Kategorien wie Kindersterblichkeit, Zugang zu Internet oder CO2-Ausstoß. Damit steht diese Grafik in gewisser Weise exemplarisch dafür, wie die in den letzten Jahrzehnten zunehmend komplexen Staatsaufgaben – teils auch übernommen durch globale Organisationen – und die damit verbundene Bedeutung von Statistiken und Datenerhebung, etwa zu wirtschaftlichen Trends oder Einstellungen der Bevölkerung, das Gebiet der Informationsgrafiken beflügeln. Hinzu komme ein sich ausbreitendes Verständnis von Transparenz und „Open Data“, erklärt uns Sandra Rendgen: „Staatliche Einrichtungen demokratischer Länder sehen sich aufgefordert, Statistiken, die ihre Bürger betreffen, öffentlich zugänglich zu machen.“
Hinzu komme, dass es zurzeit in vielen asiatischen Ländern ein großes Interesse an Infografiken und Datenvisualisierung gebe. „Allerdings ist uns aus diesen Ländern keine ausgeprägte Tradition von Infografiken bekannt, bis auf einzelne historische Beispiele. Etwas anders sieht es in Lateinamerika aus; dort gibt es mit dem Hintergrund der christlichen Missionierung schon eine ältere Kultur von Schaubildern.“
Vielleicht wird also eine spätere Neuausgabe eines Atlas of Infographics noch ganz neue Impulse von Grafikern und Autoren aus anderen Kulturkreisen enthalten, denn wie bei Jerry Brottons historischen Weltkarten sind auch hier kulturspezifische Einflüsse nicht zu unterschätzen. Doch auch in der jetzigen Form liefert der enorm hochwertig verarbeitete Band Understanding the World bereits ein thematisch vielschichtiges Panorama der zeitgenössischen Datenvisualisierung – schön anzusehen und lehrreich obendrein.

Jerry Brotton:
Die Geschichte der Welt in zwölf Karten
C. Bertelsmann 2014
720 Seiten
39,99 €

Sandra Rendgen / Julius Wiedemann:
Understanding the World. The Atlas of Infographics
TASCHEN 2014
456 Seiten
49,99 €

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