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Der diskrete Charme der „oblomowschtschina“

1 Juli 2012 No Comment
(Oleg Tabakow als Oblomow in einer Verfilmung des Romans von 1979, Regie führte Nikita Michalkow)

(Oleg Tabakow als Oblomow in einer Verfilmung des Romans von 1979, Regie führte Nikita Michalkow)

Iwan Gontscharow ist vielen westlichen Lesern weniger bekannt als Dostojewski und Tolstoi, in Russland ist er ein Klassiker. In seinem Roman Oblomow übte er eine beissende Kritik an der Trägheit des russischen Adels. Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers.

von Elizaveta (übersetzt von David)

Vor etwa 200 Jahren wurde einer der großen klassischen Schriftsteller der russischen Literatur geboren, Iwan Alexandrowitsch Gontscharow. Seine Romane sind den Lesern in Russland bekannt, während seine Werke in Europa nur selten in den Bücherregalen zu finden sind. Sein Roman Oblomow erschien im Jahre 1859. Aktuell ist er in Russland bis heute und für viele hat er regelrecht den Status eines Handbuchs.

Der Inhalt ist schnell erzählt. Ilja Iljitsch Oblomow, ein russischer Gutsherr, liegt in einem abgewetzten Morgenrock auf seinem Diwan in Petersburg. Er träumt von seinem Heimatdorf, wo gar nichts passiert: Nicht einmal die Alten sterben. Aber dann kommt sein Kindheitsfreund Andrei Stolz, ein Russe deutscher Herkunft, der ihn aus seinem Bett in den Sonnenschein hinausschleift. Während eines Besuchs bei Freunden hört Oblomow, wie die junge Olga Iljinskaja „Casta Diva“ singt und erwacht für einige Zeit aus seiner Trägheit. Aber das Erwachen ist nicht von langer Dauer. Oblomow ist ein Mensch, der jeglicher Tätigkeit unfähig ist. Obwohl er sich in Olga verliebt, ist er zu träge, um sich um ihre Gunst zu bemühen. Er beendet sein Leben unter dem Pantoffel seiner Hauswirtin und erreicht das gelobte Land wo „Ströme von Honig und Milch fließen“ in seinen Träumen.

In diesem Roman beschreibt Gontscharow die Welt, in der er seine Kindheit verbracht hatte. In seinen Memoiren schrieb er: „In der Heimatstadt ist das Äußerliche gleich geblieben und zeigt nichts anderes als Schlaf und Stillstand.“ Diese Lebensweise bezeichnete Gontscharow als „oblomowschtschina“. Er bekämpfte sie sein ganzes Leben lang.

Was ist diese „oblomowschtschina“?

Die Genauigkeit, mit der Gontscharow Oblomow als sozialen Typus beschrieb, erschütterte die russische Gesellschaft und die „oblomowschtschina“ wurde zum Modewort noch vor der Publikation des Romans. Durch die Figur des Oblomow rechnete Gontscharow mit allen traditionellen Ordnungen des russischen Lebens ab. Nikolai Alexandrowitsch Dobroljubow, ein bekannter Literaturkritiker des 19. Jahrhunderts, äußerte sich in seinem Essay Was ist diese „oblomowschtschina“? begeistert darüber, wie genau Gontscharow den russischen Gutsherren gezeichnet hat: voller erhabener Ideen, aber zu konkreten Handlungen völlig unfähig. Gontscharow äußerte sich wie folgt: „In jedem von uns schlummert ein bedeutender Oblomow-Anteil und es ist zu früh, um uns selbst eine Grabesrede zu schreiben.“ Und tatsächlich besteht die Kraft der Oblomow-Figur darin, dass der Leser unwillkürlich Charakterzüge Oblomows in sich selbst findet, als würde man ihm einen Spiegel vorhalten. Er möchte sofort und unmittelbar anfangen, irgendetwas zu tun. Als ich zum ersten Mal Oblomow gelesen hatte, begann ich sofort, meine Wohnung gründlich aufzuräumen.

Unerwartet erscheint nach den ersten zweihundert Seiten des Romans Stolz: „Und jetzt verloren seine [Anm. d. Red.: Oblomows] Augen ihre Schläfrigkeit, er hörte breite Schritte, eine lebhafte Stimme… Wie viele Stolze müsste es unter russischem Namen geben!“ Stolz ist ein deutschstämmiger Russe. Er ist die Verkörperung der Pünktlichkeit. Er ist ein gebildeter Mensch, er ist fähig, seine Zeit ordentlich einzuteilen, er lebt auf gesunde Art und Weise, ihm gelingen alle praktischen Geschäfte, er ist voller frischer Ideen und voller Optimismus – erinnert dies den Leser nicht an etwas? Wie es scheint, haben wir es mit einem typisch deutschen Charakter zu tun.

Der Oblomow in uns

Wie alle russischen Adeligen seit Peter dem Großen musste Oblomow Staatsdienst leisten. In seiner Zivillaufbahn als Beamter kam er jedoch nicht weiter: Ihm schien, dass seine Kollegen vor den Vorgesetzten ihre Stimme verstellen, und er kündigte. Als Gutsherr ist er ungeachtet seines trägen Charakters ein finanziell unabhängiger Mensch. Doch in seinem Wesen zeigen sich andere Züge. Stolz spricht über ihn: „Ich habe viele Menschen mit hohen Qualitäten gekannt, aber nie habe ich jemanden mit einem solch reinen, frohmütigen und einfachen Herzen getroffen; ich mag viele, aber niemanden fester und inniger als Oblomow. Wenn man ihn einmal kennt, kann man ihn nur lieben.“ Niedertracht und Spießbürgerlichkeit sind Oblomow fremd. Am Ende des Romans heiratet Olga Stolz, aber sie ist gepeinigt: Sie fühlt, dass ihrem Glück etwas fehlt.

Obwohl Gontscharow sich Stolz als vorbildhaften und positiven Helden ausdachte, liebten die Leser Oblomow mit seinem gutmütigen und aufrichtigen Wesen. Der Umgang mit diesem Freund hat das Leben von Stolz und Olga mit Sinn erfüllt: hätte Gontscharow einen Roman über Stolz geschrieben, wäre dieser nicht matt und leblos erschienen, wenn Oblomow nicht dabei gewesen wäre? Stolz ist ein ausgeglichener Mensch, dessen Puritanismus und Zielstrebigkeit sich bisweilen zum Fanatismus steigern. Er fürchtet sich vor Träumereien. Bei Rätseln erwartet er, dass es für sie eine Auflösung geben muss. Wenn er sich mit Oblomow trifft, kehrt Stolz in die geheimnisvolle und bezaubernde Welt der Kindheit zurück. Wenn man Stolz und Oblomow als psychologische Typen einschätzt, kann es dann sein, dass ein bisschen „oblomowschtschina“ niemandem schadet?

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