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Rezension: Rassismus im Mikrokosmos

14 Januar 2016 No Comment

Eine franzöische Graphic Novel führt uns in die Kolonialzeit zurück – und stellt dabei erschreckend aktuelle Fragen.

von Frank

Auf dem französischen Schiff, das 1842 Neukaledonien im südlichen Pazifik verlässt, sind unter anderem der Naturforscher Pierre Delaunay und sein „Forschungsobjekt“ – ein junger Eingeborener, den Delaunay „Éloi“ (französisch: „der Auserwählte“) getauft hat. Nach wenigen Seiten der gleichnamigen Graphic Novel wird klar: Dem „Wilden“ schlägt von Seiten der Schiffsbesatzung nicht nur die übliche maritime Raubeinigkeit entgegen, sondern rassistisches Überlegenheitsgefühl – und Hass. Die Spannungen an Bord münden letztlich auch in Gewalt… Die zweifarbigen Zeichnungen von Florent Grouazel geben dabei der oft auch räumlich beklemmenden Atmosphäre des Schiffs eine interessante Tiefe; durch Reihen wortloser Panels wird zudem der eintönige Schiffsalltag auf der langen Reise zurück nach Frankreich verbildlicht.

Etwas Besonderes – und ungemein Wertvolles – wird aber dieses Graphic-Novel-Debüt der zwei bretonischen Autoren Florent Grouazel und Younn Locard durch die erschreckend aktuellen Fragen, die sie mit ihrem Szenario von Éloi aufwerfen. Etwa die Konfrontation einer etablierten Gemeinschaft mit dem (auch äußerlich) Fremden; einer Gemeinschaft mit verschiedenen Schichten zudem: einfache Matrosen, Offiziere, ein Geistlicher, ein Wissenschaftler, sie alle auf Dauer versammelt auf diesem schwankenden Mikrokosmos, der sie wochenlang isoliert über den Ozean trägt. Die Unteren riechen überall eine vermeintliche Sonderbehandlung des „Negers“, der (und das trägt umso mehr zu ihrer Ablehnung bei) auch noch von Vertretern der gebildeten Schicht gegen ihre Anfeindungen verteidigt wird. Aber da ist auch eine alte Elite, die vom „Geschwafel gewisser Fortschrittsdenkender“ nichts wissen will – in der Kapitänskabine geht es daher auch zu wie an einem sprichwörtlichen bayrischen Stammtisch.

Mindestens genauso spannend, aber subtiler gestellt ist dabei die Frage: Kann, soll der junge Éloi sich in die Gemeinschaft integrieren, seine eigene Kultur aufgeben? Letztlich steht der Leser vor dem Problem, was rassistischer ist: den jungen Mann als „Wilden“ zu behandeln, möglichst unverfälscht in seinem Verhalten, und zeitgleich seinen Schädel zu vermessen? Oder ihm seine bisherige Lebensweise austreiben und ihn zu einem „gottesfürchtigen Matrosen“ zu machen? Das scheinbar simple Freund-Feind-Schema bricht zum Ende hin immer mehr auf; besonders die Charakterentwicklung des Naturforschers Delaunay ist interessant zu verfolgen, der zunehmend besessen davon ist, sein „Forschungsobjekt“ bloß heil nach Paris zu bringen. Bemerkenswert ist dabei schließlich, dass der junge Éloi selbst durch über 200 Seiten hinweg fast wortlos bleibt – der Fremde also bei all dem, im wahrsten Sinne, keine Stimme hat. Was für ein großes und erschreckend tagesaktuelles Stück Comic-Kunst!

Younn Locard & Florent Grouazel:
Éloi
Aus dem Französischen übersetzt von Annika Wisniewski
avant Verlag 2015
224 Seiten
29,95 €

 

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