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Hammer, Winkel und Schwert

30 Oktober 2018 No Comment

© Johanna Sommer

Sekte, Kirche, magischer Zirkel, Geheimbund oder nichts davon? Über die Freimaurerei existieren viele Gerüchte und Verschwörungstheorien. Die hastuzeit sprach mit Freimaurern über ihre Logen.

von Johanna Sommer

Jedes Jahr feiern die Freimaurer den 24. Juni als den Beginn der »modernen« Freimaurerei, denn an diesem Tag wurde in London im Jahre 1717 die erste Großloge gegründet. Auch Studierende in Halle interessierten sich für die Freimaurerei und gründeten beispielsweise 1765 die Loge »Zu den drei Degen«, die bis 1934 bestand. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde die Freimaurerei jedoch verboten, Freimaurer wurden verfolgt, da sie laut der NS-Ideologie die Weltherrschaft an sich reißen wollten, und auch während der DDR blieb die Freimaurerei verboten. In den Logenhäusern wurde viel zerstört oder im Inneren umgebaut. Ein Beispiel dafür ist das ehemalige Logenhaus »Zu den drei Degen«, wo heute die Leopoldina, die nationale Akademie der Wissenschaften, residiert.

Heute gibt es immer noch Verschwörungstheorien: Freimaurer kontrollieren angeblich die Regierung der Vereinigten Staaten, da schon die Gründungsväter Freimaurer waren. Auf dem Dollar ist das »Allsehende Auge« abgebildet, also beherrschen die Freimaurer den Dollar und somit die ganze Welt. Um den Verschwörungen zu begegnen, haben Freimaurer die Seite Freimaurer-wiki ins Leben gerufen, und für Youtube hat sich ein Freimaurer interviewen lassen und Fragen über das Logenleben, die Rituale und Geheimnisse beantwortet. Die vier Filme finden sich unter: »Zu Gast bei den Freimaurern«.

Derzeit leben in Deutschland etwa 15 000 Freimaurer. Der Dachverband »Die Vereinigten Großlogen von Deutschland« vertritt fünf Großlogen, in die sich circa 500 Johannislogen einordnen, mit Johannes dem Täufer aus der Bibel als Namenspatron, welchen auch die alten Logen in Schottland verwendeten, um ihre Arbeit zu bezeichnen. In Halle finden sich zwei aktive Johannislogen: Die Loge »Zu den fünf Türmen am Salzquell«, der Großloge »Der alten und freien angenommenen Maurer von Deutschland« zugehörig, und die Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit«, welche sich der »Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland/Freimaurerorden« untergliedert und nach Friedrich Wilhelm III. benannt ist. Beide Männerbünde nutzen das Logenhaus des Freimaurerordens in der Heinrich-und-ThomasMann-Straße. Kontaktmöglichkeiten gibt es über deren Internetseiten oder Facebook.

Der Logenmeister der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« erklärt seine Loge wie folgt: »Das Johannesevangelium und die Bergpredigt sind die beiden Grundlagen, auf denen unsere Arbeit beruht. Wir bekennen uns als christliche Loge, sind aber keine Fangbewegung. Wir versuchen uns dahingehend in der Öffentlichkeit zu bewegen, dass wir uns durch bestimmte Taten und Zeichen kenntlich machen.« In den Ordensregeln, an die sie sich halten, steht die Bibel für »die unerschütterliche Grundlage« ihrer Ordenslehre, mit Gott ist der »Dreifache Große Baumeister der ganzen Welt« gemeint, und »im Bewusstsein der Gotteskindschaft« nennen sich die Ordensmitglieder Brüder.

Die Loge »Zu den fünf Türmen am Salzquell« ist hingegen »eher humanistisch geprägt«, erläutert der Meister vom Stuhl. »Wenn man von außen auf die Freimaurerei guckt, erscheint alles ähnlich. Es gibt Nuancen im Unterschied, die einen bezeichnen sich als christlich, die anderen als humanistisch oder traditionell. Die andere Loge betrachtet ein paar Dinge anders als wir, aber im Großen und Ganzen haben wir die gleiche Richtung. Insofern besuchen wir uns, wir kennen uns, aber es macht auch jeder seins. Das ist okay.«

Die Gemeinsamkeiten der Logen sind beispielsweise ein Jahresbeitrag, Pflichtveranstaltungen, jährlich ein Stiftungsfest am Gründungstag der Logen und dass sich alle Brüder zu bestimmten Anlässen im Anzug zeigen. Die Brüder der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« tragen zu ihrem Anzug weiße Fliege und Zylinder. Die andere Loge hat eine weiße Fliege oder Krawatte, aber keinen Zylinder. Ihre Rituale vollführen beide Logen im Tempel des Logenhauses, dazu bringen sie ein Schwert mit. Bei der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« liegt das Schwert auf dem aufgeschlagenen Johannesevangelium, die andere Loge legt aber den Zirkel und den rechten Winkel darauf. »Das Schwert liegt über unseren Satzungen, weil nur das Gesetz uns Freiheit geben kann«, so der Meister vom Stuhl. Neben den Ritualen, die es im Tempel gibt, arbeiten die Freimaurer nach drei Graden: Lehrling, Geselle und Meister. Außerdem sind die Grundsätze Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität sehr wichtig für die Freimaurer, und sie unterziehen sich einem lebenslangen Lernprozess.

Klopfen und kugeln

Wer Freimaurer werden will, braucht Zeit, wie der Logenmeister der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« ausführt: »Sie können sich bei uns vorstellen. Wir haben die Regel, dass Sie mit uns mindestens ein Jahr lang regelmäßig Kontakt haben müssen. In der Gesamtloge wird darüber abgestimmt, ob jemand aufgenommen wird. Zuvor muss derjenige sich den Fragen der Brüder stellen. Wenn das zu unserem Standpunkt passt, dann kann er einen Antrag bekommen und um Aufnahme bitten.«

Bei der anderen Loge dauert die Aufnahme zwischen einem und zwei Jahren. »Es gibt irgendwann einen Moment, wo wir sagen, man kann vom interessierenden Herren zum Suchenden werden«, erläutert der Meister vom Stuhl. Dafür nimmt sich der Interessierte vier Freimaurer und klopft einmal an eine bestimmte Tür an. Im nächsten Schritt wird die Ehefrau gefragt, was sie von alldem hält. Dann klopft derjenige zweimal an den »Heißen Stuhl« an. »Er wird durch die Mangel gezogen, also vor der ganzen Bruderschaft befragt.« Wenn er dann Mitglied werden will, klopft er drei Mal an. Nun wird gekugelt. Alle Brüder nehmen eine weiße und eine schwarze Kugel in die Hand. Bei einer verdeckten Abstimmung wird dann entschieden: Finden sich mehrheitlich weiße Kugeln, ist der Suchende aufgenommen.

Ein Freimaurer braucht auch für einen Aufstieg vom Lehrling zum Gesellen Geduld. Der Meister vom Stuhl berichtet von Vorträgen, die gehalten werden müssen, und einem Prüfungsgespräch. »Wir wollen sehen, wie er sich mit der Logengeschichte auskennt. Hat er das verstanden, was hier abgeht? Dazu braucht es eine gewisse Zeit: Wir schätzen, dass das ein bis drei Jahre geht, als Geselle und Meister ist es genauso.« Bei der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« dauert es dagegen zwischen neun Monaten und einem Jahr, erfährt man vom Logenmeister. Weiterhin besteht auch die Möglichkeit, in höhere Grade aufzusteigen. Die große Landesloge der Freimaurer von Deutschland untergliedert sich in die Johannisloge mit den Graden eins bis drei, in der Andreasloge gibt es die Grade vier bis sechs und im Ordenskapitel die Grade sieben bis zehn.

Der Meister vom Stuhl der Loge »Zu den fünf Türmen am Salzquell« bestätigt auch, dass es höhere Grade gibt, aber: »Man muss der Hatz ›Immer weiter, immer weiter‹ nicht folgen. Als Lehrling beschäftige ich mich sehr intensiv mit mir und als Geselle mit den Menschen um mich herum. Das sind Lebensaufgaben. Der Meister beschäftigt sich mit dem, was über ihm liegt: mit der Transzendenz, mit Glauben, mit philosophischen Themen und mit verschiedenen anderen Sachen. Es gibt so viel zu tun.«

»Es wird unter der Rose gesprochen«

Neben den Lebensaufgaben haben manche Brüder auch bestimmte Anliegen. Der Meister vom Stuhl erzählt, dass manche »die Faxen dicke haben, mit ihren Kumpels nur über oberflächliche Themen zu reden, und ihnen die Möglichkeit fehle, sich vernünftig zu unterhalten.« Ein Gespräch in der Loge wirkt wie eine Diskussionsrunde, bei der sich jeder melden und aktiv zuhören muss. Es gibt feste Abläufe, die der Meister vom Stuhl am Anfang erklärt. Es wird beispielsweise ein freimaurerisches Symbol auf den Tisch gestellt, über den jemand, der sich vorbereitet hat, einen Impulsvortrag hält. »Zur Einleitung sage ich: Alles, was jetzt hier besprochen wird, bleibt hier. Es wird unter der Rose gesprochen – sub rosa. So kann man Gedanken entwickeln, die man sonst nicht entwickeln kann, in Bezug zu diesem Symbol, und wenn es vorbei ist, sagen viele: Das war mal was anderes, das kenne ich nicht.« Ein Student, der dieser Loge angehört, schätzt auch den Umgang und die Gesprächskultur. »Diese Brüderlichkeit ist sehr außergewöhnlich. Man fühlt sich dieser Bruderschaft dadurch auch so verbunden. Ich war lange Zeit in verschiedenen Vereinigungen, wo ich die Menschen sehr gut kannte, wo man sich auch austauschen konnte, aber es ist eine andere Qualität, ohne das jetzt werten zu wollen, es ist einfach anders.«

Abgesehen davon, dass Gesprächsinhalte für sich behalten werden, zeigen sich Freimaurer selten in der Öffentlichkeit mit bestimmten Symbolen. Der Logenmeister der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« trägt beispielsweise ein Abzeichen am Revers: »Freimaurer machen das entweder selber, dass sie sich kundtun und nach außen auch darstellen, oder sie machen es nicht. Das ist jedem selbst überlassen.«

Spielt eigentlich freiwilliges Engagement für die Logen eine Rolle? Für die Freimaurer der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit« bedeutet Freimaurerei unter anderem »Hilfe für die Schwachen«. Schaut man hingegen auf die Internetseite der Loge »Zu den fünf Türmen am Salzquell«, findet sich dies: »Die ›Arbeit am rauen Stein‹ […] ist für uns, neben der Arbeit an uns selbst, immer auch die Arbeit für und in der Gesellschaft.« Aber was versteht man nun unter der Hilfe oder der Arbeit der Logen? Der Meister vom Stuhl von der Loge »Zu den fünf Türmen am Salzquell« stellt klar: »Die Loge soll nicht karitativ, politisch oder gesellschaftlich aktiv werden, aber die Brüder, die aus der Loge heraus handeln – also so verstehe ich Freimaurer auch, dass man gesellschaftlich etwas initiiert, etwas tut, um tatsächlich zu helfen – Gutes tun, aber nicht großartig darüber sprechen.« Abgesehen vom freiwilligen Engagement des Einzelnen spenden beide Logen: »Eine Spende für hier und da, wo wir verdeckt im Hintergrund arbeiten«, erzählt der Logenmeister der Loge »Friedrich zur Standhaftigkeit«.

Ein Student, der auch dieser Loge angehört, würde sich selbst nicht als Freimaurer bezeichnen: »Ich würde für mich eher sagen, dass ich mich mit der Freimaurerei beschäftige. Mal mehr, mal weniger intensiv, auf ganz unterschiedliche Art und Weise, und ich glaube, das ist auch das, worum es bei der Freimaurerei geht.« Wenn ihn jemand nach der Freimaurerei befragt, dann ist ausschlaggebend, was er für eine Beziehung zu den betreffenden Personen hat. Dann geht er mehr oder weniger darauf ein, »weil es für viele Leute uninteressant oder ein unbekanntes Thema ist, wie wenn jetzt jemand eine Briefmarkensammlung hätte und davon erzählen würde.« Wenn er im Anzug nach einer Veranstaltung im Logenhaus durch die Stadt radelt und zufällig einem Kumpel begegnet, frage dieser nur: »Kommst du dann später wenigstens noch skaten?«

 

 

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