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Rezension: Auf der Suche nach dem Vater-Land

30 Juni 2015 No Comment

Die kanadisch-jugoslawische Künstlerin Nina Bunjevac erzählt in ihrer neuen Graphic Novel Vaterland eine sehr persönliche Geschichte: über ihren Vater und dessen Beziehung zu seinem ehemaligen Heimatland Jugoslawien.

von Szaffi

Die Erzählung beginnt mit den Sätzen: „Das Nahrungsangebot ist knapp, aber die Nachfrage groß, da einfach zu viele Mäuler zu füttern sind.“ Man sieht auf den ersten Bildern nur einen leeren Flur und eine Tür; die Sätze kommen aus einer Wohnung. Wie sich herausstellt, zeichnet die Erzählerin auf der Couch sitzend gerade Blässhuhnküken und führt einen Monolog über deren Leben wie in der Biologiestunde. Die mehrdeutige Aussage ist der Auftakt für die Suche nach dem verstorbenen Vater Peter Bunjevac.
Diese Suche beginnt in Toronto, wo das Kükenidyll durch ein Klopfen an der Tür zerstört wird: Nina bekommt Besuch von ihrer Mutter. Die Autorin versucht, ihre Mutter an die Vergangenheit zu erinnern. Die ersten Bilder aus dieser Erinnerung sind irritierend: In der kanadischen Kleinstadt Welland, im Jahr 1975, verbarrikadiert Ninas Mutter jeden Abend vor dem Schlafengehen das Fenster der Wohnung mit dem schweren Kleiderschrank. Der Grund für die panische Angst: Der Vater ist ein Dissident aus Jugoslawien, der sich einer terroristischen Gruppe angeschlossen hat und mit seinen Komplizen von Zeit zu Zeit Bombenanschläge auf jugoslawische Vertretungen und Tito-Sympathisanten in Kanada verübt. Nach mehreren Versuchen gelingt es der Mutter, ihn zu verlassen und mit ihren beiden Kindern Nina und Sarah nach Jugoslawien zurückzukehren, um ein neues Leben anzufangen.
Dort wohnen sie zeitweise bei der Großmutter, die im Zweiten Weltkrieg als kommunistische Partisanin gegen die Deutschen und die Tschetniks – antikommunistische serbische Milizen – kämpfte und damit einem ganz anderen politischen Lager angehörte als Ninas Vater. Peter Bunjevacs Name war deswegen bei der Familie tabu. Zwei Jahre später – Nina ist gerade mal vier Jahre alt – trifft ein Telegramm über Peters Tod ein: Er kam bei der Vorbereitung des nächsten Anschlags durch eine vorzeitig ausgelöste Explosion ums Leben.

Mit hartnäckiger Recherche versucht sie nun, den Lebensweg ihres Vaters wie ein Puzzle zusammenzufügen: „Während meiner Kindheit wurde der Name meines Vaters in unserem Haus selten erwähnt. Es brauchte viele Jahre und große Anstrengung, um das halbfertige Bild, das ich jetzt von ihm habe, zusammenzusetzen.“ Das Bild des Vaters bleibt tatsächlich montageartig, was sich in der komplexen Konstruktion der Graphic Novel mit ihren zahlreichen Zeit-, Raum-, Handlungs- und Perspektivsprüngen widerspiegelt. Trotz dessen und der vielen Informationen über die jugoslawische Geschichte liest sich das Buch leicht. Nina Bunjevac zeichnet es mit feinen Linien und Einfühlungsvermögen, jedoch mit der Objektivität einer Außenstehenden. Dabei kommentiert sie die Ereignisse, versucht, das Warum und Wieso zu beantworten und wandelt die Geschichte der Familie ungewollt zu einer Geschichte des Landes, das sich einst Jugoslawien nannte. Dabei spielt der Ausdruck Jugoslawe für sie eine wichtige Rolle: „Heute, wenn man sagt, man sei Serbe oder Kroate, schwingt immer der gesamte grausame Konflikt mit, der zur Zersplitterung des Landes führte“, kommentiert die Autorin in einem Interview. Sie möchte selbst als Jugoslawin bezeichnet werden. Diese Vorstellung der Gleichheit aller Südslawen steht dem Klima des Hasses, der Gewalt und des Krieges gegenüber, in dem ihr Vater, Peter Bunjevac, aufwuchs. Er war als Kind Augenzeuge vieler Gräueltaten während des Zweiten Weltkriegs. Aber selbst in seiner Familie war die Gewalt ein alltäglicher Gast. Sein Vater, Ninas Großvater, war Alkoholiker und schlug Peters Mutter; als sie mit dem zweiten Kind schwanger war, warf er sie in einem Wutanfall den Heuboden hinunter. Sie erlitt eine Fehlgeburt und konnte nie mehr Kinder bekommen. Als der Krieg ausbrach, leistete Peters Vater gerade Wehrdienst bei der jugoslawischen Armee. Er wurde unter ungeklärten Umständen von der faschistischen Ustascha-Bewegung gefangen genommen und deportiert – er kam nie zurück. Kaum war der Krieg vorbei, als Peters Mutter der Tuberkulose erlag und der Vollwaise zur Militärschule geschickt wurde. Doch durch sein provokantes Verhalten Titos Jugoslawien gegenüber nahm seine militärische Karriere ein jähes Ende; er musste Jugoslawien verlassen. Wahrscheinlich griff Nina Bunjevac wegen der Brutalität seine Geschichte auf: Die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte ist nicht immer angenehm, aber nützlich – so wie die Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit.
Dass man durch die Geschichte des eigenen Landes seine eigene Familiengeschichte besser verstehen kann, ist offensichtlich. Dass es auch umgekehrt möglich ist, hat Nina Bunjevac mit ihrer neuen Graphic Novel gezeigt. Mindestens eine Frage bleibt jedoch offen: Was hält sie selbst von ihrem Vater?

Nina Bunjevac:
Vaterland. Eine Familiengeschichte zwischen Jugoslawien und Kanada
avant-Verlag 2015
156 Seiten
24,95 €

(Abbildungen: © avant-Verlag)

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