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Caminata Nocturna

23 August 2017 No Comment

Panel aus dem Comic "Caminata Nocturna" (© Gerardo Alba & Allyson Shwed)

Während US-Präsident Donald Trump eine Mauer zu bauen beabsichtigt, wird im mexikanischen Dorf Alberto der illegale Grenzübertritt für Touristen simuliert. Zwei Künstler haben ihre Teilnahme an dem Event zeichnerisch verarbeitet.

von Ladyna

Baden, klettern, Kajak fahren oder doch lieber Ziplining? Ohne Frage, alles anerkannte Freizeitbeschäftigungen und keine Seltenheit im Repertoire eines Erlebnisparks. Doch der Parque Eco Alberto in Mexiko bietet mehr: Wenn Pool und grüne Wiese zu öde werden, wie wäre es dann mit einer Simulation des illegalen Grenzübertritts in die USA? Für umgerechnet etwa 12,50 Euro kann man sich seit 2004 in die Lage eines Migranten versetzen – inklusive maskierter Schlepper, fiktiver Grenzbeamter und dem Kraxeln im Dunkeln im schwierigen Gelände. Ein in den Vereinigten Staaten lebendes Pärchen – Gerardo Alba ist Mexikaner, Allyson Shwed US-Amerikanerin – hat diese originelle wie groteske „Caminata Nocturna“ (Nachtwanderung) mitgemacht und das Erlebte in einem sehr persönlichen Comic verarbeitet.
Neben einem Wasserpark und lärmenden Familien brachen 40 Besucher zur Nachtwanderung auf, aber nur ein Bruchteil wird auch das Ziel erreichen. „Ein paar Leute hatten sich angemeldet, ohne zu wissen, was sie eigentlich erwartet“, erinnern sich die beiden Künstler. Die meisten Teilnehmer dieser „Attraktion“ sind Mexikaner aus der Mittelschicht. Und nicht alle nehmen die Aktion sonderlich ernst – zumindest zu Beginn der Erfahrung: „Etwa 40 Menschen begannen den ‚Spaziergang’, aber die Zahlen schwanden, je weiter wir kamen – sei es aufgrund von Leuten, die nicht wussten, was auf sie zukommen würde oder der Menschen, die während der Tour ‚gefangen’ wurden. Manche trugen Flip-Flops und waren nicht in der Lage, durchs Unterholz zu rennen“. Und gleichzeitig gibt es jene, die diese Situation so stark an sich heran lassen, „dass sie zitterten und durchdringend weinten“. Auch Allyson und Gerardo brachen im Bewusstsein auf, dass es sich lediglich um eine Simulation handelt und sie selbst nie eine Situation wie diese meistern müssen. „In gewisser Weise ist es gerade für Leute, die die Grenze niemals überschreiten würden, umso wichtiger, solchen Erfahrungen nachzufühlen – um einen Einblick zu bekommen, wie es ist. Schlussendlich war es viel realistischer, als wir beide erwartet hatten.“

Selbst Migrant werden
Das Dörfchen Alberto war vor dem Erfolg des Parks eine vergessene Gemeinschaft mit geringer Alphabetisierungsquote; mehr als 70 Prozent der Einwohner sind in die Vereinigten Staaten emigriert, um dort eine bessere Zukunft zu erleben. Das Konzept „Caminata Nocturna“ wurde mit dem Ziel geboren, die Jugend hinsichtlich der Probleme und Gefahren auf der Suche nach einem besseren Leben im Land des amerikanischen Traums zu sensibilisieren. „Es ist kein Trainingslager für diejenigen, die einen Grenzübertritt planen – es ist für diejenigen, die niemals das eigentliche Leiden erleben werden, um einen Einblick zu bekommen“ – so sehen es die beiden Comic-Künstler. Der Betreiber, so heißt es auf dessen Website, möchte dem Besucher ein neues Bewusstsein für die Situation an der Grenze vermitteln. Neben dem offensichtlichen Eventcharakter soll der „Nachtspaziergang“ auch eine Hommage an jene sein, die all diese Strapazen bereits auf sich genommen haben. Natürlich ist auch der wirtschaftliche Aspekt nicht zu vernachlässigen, die Tatsache, dass in einer Region, die viele Einwohner durch Migration verloren hat, nun mit dieser Geld generieren kann: Ein vom „Braindrain“ betroffener Ort macht sich seine prekäre Notlage zu Nutze, indem er den authentischen Adrenalinkick anbietet und der Einwanderungsdebatte ein Gesicht verpasst – und zwar das jeweils eigene – weil er Menschen aus der Mittelschicht für wenige Stunden selbst zu Migranten macht.

„Es ist leicht, bei der Problematik der illegalen Einwanderung nur Zahlen und Statistiken zu sehen“, meinen Gerardo und Allyson, die beiden Autoren. „Es ist eine Tatsache, dass Menschen freiwillig durch die Hölle gehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf der anderen Seite. Diese emotionale Dimension geht in der Statistik unter und eine Erfahrung wie ‚Caminata Nocturna‘ bestätigt dies.“
Dabei sind es auch die Zahlen, die oft nicht zur aggressiven Polemik gewisser US-amerikanischer Politiker passen: Die Wirtschaftskrise in den USA führte ab 2008 zu einem Rückgang der Neuzuwanderer aus Mexiko sowie zu einer verstärkten Rückwanderung bereits in den Vereinigten Staaten ansässiger mexikanischer Migranten. Das zeigt auch, dass Migrationsströme von der Wirtschaftslage in den beiden Ländern bestimmt werden. Wenn Zentralamerikaner nach Norden drängen, ist dies ein gutes Zeichen für die Wirtschaft der Vereinigten Staaten. Immer dann, wenn die Grenze verstärkt und als Politikum aufgebauscht wird, leiden vor allem die Anwohner und die lokale Wirtschaft, denn wenn der Grenzübergang immer weiter erschwert wird, kommt auch der regionale Handel und Austausch zum Erliegen. Eine Kombination freiwilliger Rückkehr, restriktiverer Migrationsgesetze, schärferer Grenzkontrollen und einer verstärkten Abschiebungspraxis haben zudem dazu geführt, dass sich immer weniger illegale Migranten aus Mexiko in den USA aufhalten. Die Zahl der mexikanischen Einwanderer, die in den USA illegal leben, hat sich laut dem Pew Research Center seit 2007 um mehr als eine Million verringert, das ist ein Rückgang von etwa acht Prozent. Zudem ist seit 2000 nicht mehr Einwanderung die primäre Quelle des hispanischen Bevölkerungswachstums, sondern die Geburtenrate.

Trump politisiert die Künstlerszene
Während Trumps Anti-Mexiko-Rhetorik ihrerseits die Antiamerikastimmung in Mexiko befeuert und populistischen Politikern eine Steilvorlage liefert, haben die Kontroversen um den neuen Präsidenten auch viele Künstler politisiert. „Als Comic-Buchkünstler habe ich nie gedacht, dass ich eine Rolle innerhalb der Einwanderungsdebatte hätte“, so Alba. „Bis Einwanderer offen während des Präsidentschaftswahlkampfs angegriffen wurden. Da wurde mir klar, dass ich eine Stimme habe und eine Möglichkeit, dieser Gehör zu verschaffen, die Migranten oft nicht haben.“ Das war der Anstoß für die beiden, ihre persönlichen Erfahrungen zu veröffentlichen. „Die Trump-Administration wird sicherlich, wenn nicht Inspiration, zumindest Motivation bieten, um wichtige Botschaften wie Einwanderung in meine Arbeit einfließen zu lassen“, fügt Shwed hinzu. Und damit sind die beiden Autoren kein Einzelfall – die Präsidentschaft Trumps politisiert die Künstlerszene und bringt viele Subkulturen, die schon immer politisch waren dazu, noch klarer Stellung zu beziehen. Trump vereinfacht den politischen Diskurs in diesen Kreisen insofern, dass er ein eindeutiges Feindbild liefert und keine Differenzierung in Nuancen erforderlich ist.
Die zunehmende Befestigung der Grenze hat zu einer Ablenkung der Migranten auf unwegiges Gebiet geführt, sodass die Gefahren zunehmen. Und das trifft nicht nur Mexikaner – die Zahl der Menschen aus anderen lateinamerikanischen Staaten, die beim illegalen Grenzübertritt festgehalten wurden, war 2014 erstmals höher als die der Mexikaner. Die Bedingungen für die Transmigranten innerhalb Mexikos sind wiederum prekär, es gibt immer wieder Fälle, in denen Migranten zwischen die Fronten des Drogenkrieges geraten. Mexiko setzt seinerseits auf eine verstärkte Kontrolle seiner Südgrenze zu Guatemala und Belize, während der Präsident Peña Nieto medienwirksam verkündet: „Mexiko glaubt nicht an Mauern.“
Der Comic endet mit der Frage, wie verzweifelt ein Mensch eigentlich sein muss, um solch hohe Risiken für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft einzugehen – auch nach geglücktem Grenzübertritt ist der amerikanische Traum noch lange nicht realisiert. Schließlich ist „Einwanderung kein Schwarz-Weiß-Thema und die Caminata Nocturna hilft, etwas Licht auf die Grautöne zu werfen“, so Shwed und Alba. Die Autoren haben auf jeden Fall die politische Aussagekraft von Comics für sich entdeckt: „Solange wir noch etwas zu sagen haben, werden wir Comics nutzen, um es zu sagen!“

Den gesamten Comic Caminata Nocturna: The Border Crossing Experience sowie Infos zu den beiden Künstlern findet ihr auf www.thenib.com/caminata-nocturna.

(Abbildungen: © Gerardo Alba & Allyson Shwed)

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