Home » Leitartikel, WortArt

Kolumne: Rosen und der Duft des Anthropozäns

22 April 2018 No Comment

Über die Verbindung von Rosen, romantischer Liebe und Anthropozän schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena.

von Thomas Honegger

Was uns Rose heißt, wie es auch hieße, würde lieblich duften.‘ (Romeo & Juliet II.2). Julias sprachphilosophische Überlegungen im zweiten Akt von Shakespeares Stück haben durchaus ihre Richtigkeit – allerdings nur für Wörter, die sich auf einen konkret existierenden Gegenstand oder ein Lebewesen beziehen und die ein von der Sprache unabhängiges Dasein haben. Einer Rose kann es tatsächlich egal sein, mit welchem Wort sie bezeichnet wird. Dies verhält sich bei abstrakteren und komplexeren Entitäten, wie zum Beispiel Nationalstaaten, anders. Für sie ist die ‚Namensgebung‘ oftmals seins- bzw. wesenskonstituierend, denn politische Grenzen sind in den allermeisten Fällen nicht ohne weiteres sichtbar. So hat ein kulturell-geographisch vielfältiges Land wie die Schweiz eine geringere realweltliche Grundlage für seine Existenz, als das in vieler Hinsicht klarer definierte Island. Die Schweiz existiert, aber sie existiert vor allem dank der Tatsache, dass der Begriff ‚Schweiz‘ von einer Bevölkerung getragen und mit Leben gefüllt wird. Vollends ungreifbar werden Konzepte wie ‚Zeit‘ oder ‚romantische Liebe‘. Wir glauben zwar alle zu wissen, um was es sich bei diesen Phänomenen handelt, aber gerade die ‚romantische Liebe‘ ist etwas, das sich nicht objektiv erfassen lässt. Bereits im 17. Jahrhundert hat Larochefoucauld treffend festgestellt: ‚Es gibt Menschen, die sich nie verlieben würden, wenn sie nicht Gespräche über die Liebe gehört hätten.‘ In der Tat ist es einer kulturellen Prägung zu verdanken, dass wir das Konglomerat aus Gefühlen, Trieben und hormonell ausgelösten Reaktionen mit der seit der Romantik dominanten Idee der ‚romantischen Liebe‘ verbinden. Die einzelnen Elemente sind subjektiv und oftmals auch objektiv, mittels Messung der Hirnarealaktivitäten und des Hormonspiegels, feststellbar, aber die Interpretation dieser Mischung ist kulturell bedingt – und die Verknüpfung mit der Institution Ehe sowieso. Ähnlich verhält es sich mit dem Anthropozän.
Der Begriff wurde geprägt, um die neue geochronologische Epoche zu bezeichnen, in der sich der Mensch zum bestimmenden Faktor für die Veränderungen in der Atmosphäre, Biosphäre und immer mehr auch in der Geosphäre entwickelte. Wie bei der ‚romantischen Liebe‘ handelt es sich um ein Gemenge von Einzelphänomenen – im Fall des Anthropozäns u.a. dem Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre, dem Abschmelzen der Gletscher und des Polareises, aber auch dem Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten. Die politische und gesellschaftliche Wirkungskraft eines solchen Begriffs ist nicht zu unterschätzen, denn er bündelt und verknüpft die unterschiedlichsten, auf den ersten Blick oftmals unzusammenhängenden globalen Veränderungen, setzt sie in ein Kausalitätsverhältnis und macht den Menschen direkt für die Vorgänge verantwortlich. Hat sich das Konzept einmal im politisch-kulturellen Diskurs etabliert, dann bietet es eine Plattform, von der aus verschiedene Gruppen ihre Interessen vertreten können, ohne dass jedes Mal die Zusammenhänge von Neuem bewiesen oder erklärt werden müssen. Der Streit um den Begriff und dessen Füllung ist deshalb nicht nur der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung geschuldet, sondern auch Ausdruck von handfesten politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Interessen. Für Sprachwissenschaftler ist interessant, dass wir beim Anthropozän die Genese, Entwicklung und Etablierung eines gesellschaftlich wichtigen Konzepts mitverfolgen können, ohne dass wir wie bei der ‚romantischen Liebe‘ bereits durch die kulturelle Prägung beeinflusst sind. Und wie auch immer die Diskussion um den Begriff weitergehen wird, bereits heute gilt Larochefoucaulds Aphorismus in leicht abgewandelter Form: ‚Es gibt Menschen, die sich nie für ihre Umwelt interessieren würden, wenn sie nicht über das Anthropozän gelesen hätten.‘

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Kolumne: Sprachinseln Über linguistische Abschottung schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena. „Niemand ist eine Insel“ – dieses Zitat aus den Devotions upon Emergent Occasions des englischen Dichters John Donne (1572-1631) gilt nicht nur für Menschen, sondern...
  2. Kolumne: „Winter wakeneth all my care …“ – Jahreszeitliche Betrachtungen Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena, wirft diesmal einen Blick auf die sprachliche Vielfalt des britischen Wetters. Wenn man auf den britischen Inseln wohnt, ist es von Vorteil, Wetter unabhängig von irgendwelchen jahreszeitlichenVorlieben allgemein zu mögen...
  3. Kolumne: Nomen (non) est omen Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena, über die Vornamenwahl dies- und jenseits des Ärmelkanals. Die Zeiten, in denen ein Kind automatisch den Namen seines (Groß-)Vaters oder seiner (Groß-)Mutter trug und in denen die Auswahl an...
  4. Kolumne: ‚Könnten Sie mir das bitte buchstabieren?’ Über die Abwege englischer Sprachreformen schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena. ‚Könnten Sie mir das bitte buchstabieren?’ Diese Aufforderung kennen die meisten von Auslandreisen – vor allem wenn es um den eigenen Namen geht, den...
  5. Kolumne: Sprachgenerationen Über altenglische Großmütter und isländische Zwillingsschwestern schreibt Thomas Honegger, Professor für Anglistische Mediävistik an der FSU Jena. von Thomas Honegger Hey, der Kompostie mit den Blechpickeln hat aber üble Maulpesto.“ So oder ähnlich soll sich laut PONS-Wörterbuch der Jugendsprache...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>