Zuschauer der Polykrise

Das Theaterhaus Jena lädt zu ungemütlichen Träumen ein

In das Theaterhaus ist mit Spielzeitbeginn im Oktober ein neues Ensemble eingezogen. Ihre Premiere „rhapsody“ unter der Leitung von Azeret Koua entfaltet eine surrealdystopische Traumwelt, die scheinbar kein Ende nimmt. Denn in einem Zustand, in dem Traum und Wirklichkeit nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind, gibt es kein Entkommen. Keine Flucht nach vorne zu kühnen Utopien, keine Rückkehr in die guten alten Zeiten. Nur die ewige Wiederkehr des Gleichen – unheilvoll und schwer zu durchschauen. Hört es denn nie auf?

von Aliena Kempf


Foto: Joachim Dette

Zu Beginn des Stücks wird die Protagonistin, gespielt von Iman Tekle, durch blaue Tentakel-Finger aus ihrer Welt gerissen und in eine beängstigende Traumwelt hinabgezogen. Ihr Unterbewusstsein assoziiert verschiedene Szenarien – inspiriert durch aktuelle Krisenphänomene und den damit verbundenen Ängsten und Sorgen – und verwebt sie zu einem fieberartigen Traum. Ich als Zuschauerin verfolge diesen Traum, als wäre es mein eigener. Die Grenze zwischen Wachzustand und Traum, zwischen Wahn und Realität, verschwimmt vor meinen Augen. Ich habe die seltene Möglichkeit, bei vollem Bewusstsein zu träumen, mich mit der ungeschönten Realität zu konfrontieren und gezwungen zu sein, – anders als bei Tageslicht – wirklich hinzuschauen. Was ich höre und sehe, ist eigentlich nicht neu: Populismus, Extremismus, Xenophobie. Ängste, Zweifel, Sorgen. Krieg und wieder Krieg. Auf die eine Krise folgt die nächste, immer schneller – während wir noch über Political Correctness streiten –, sie überlagern sich, verkeilen sich zu einem einzigen Konglomerat. Polykrise, Multikrise. Dann kommt die blaue AfD-Welle über Thüringen und spült alles davon – wer hätte es geahnt. Die Ruhe nach dem Sturm ist vor dem Sturm und macht letztlich keinen Unterschied.

Dieser Traum ist wie eine Rhapsody auf Endlosschleife: Flüchtig folgt ein Gedanke dem nächsten, ohne Zusammenhang, ohne ein verbindendes Muster oder zugrundeliegendes Prinzip. Kein Prozess, kein Flow. Ein Leben in der Surrealität. Und trotzdem: „Lächeln. Immer weiter Lächeln. Das Lächeln ist mir ins Gesicht geritzt!“, wie es eine namenlose Figur des Stücks beschwört. Aus Lachen wird höhnisches Schreien. In dieser “surrealistischen Tragikomödie” zerklirrt jede hoffnungsvolle Zukunftsmusik, in Popsongs eingeschriebene Nostalgien werden entstellt, jeder versuchte Witz endet in Verzweiflung.

Zynisch würde sie das Stück aber nicht nennen, erklärt Autorin und Regisseurin Azeret Koua im MDR Thüringen Interview zum Auftakt der Premiere am 25.10.24. Das Stück sei dark, weil sie die Welt gerade leider sehr dark wahrnehme. Die Welt sei düster, besonders wenn man nicht der Mehrheitsgesellschaft angehöre.

„This is the end, my only friend“

In der ersten Traumsequenz wird die Protagonistin von einer Herrscherin an einen Tisch mit drei Königen mit verschleierten Gesichtern geladen, um gemeinsam zu speisen. Wer aus der Reihe tanzt, wird von ihr harsch an seinen Platz verwiesen. Wer ihr widerspricht, wird von ihr gezwungen, „Ja“, „Jawohl“ und „Ganz recht“ zu antworten. Die Herrscherin leiht ihrem Gast, der Protagonistin, ihren Mantel und scheint ihr damit Macht über das Geschehen zu geben. Sie sieht das Chaos, verlangt den Mantel zurück, diktiert, gibt ihn wieder ab, Chaos, und so weiter. Am Ende verliert die Herrscherin und die drei Könige fallen hungrig über sie her. Die Szene entzieht sich der Verstehbarkeit. Sie fordert mich heraus, den Wunsch nach Verstehen und Einordnen-Können unbeantwortet zu lassen. Gerade diese Unbestimmtheit lässt viele verschiedene Assoziationen zu – ein Moment, in dem sich das Stück mit eigenen Stimmungen und Gedanken verbindet.

Foto: Joachim Dette

Später erzählt die Protagonistin von einer Reise mit einem Freund. In einem Viehwaggon fuhren sie durch das eisige Alaska. Die einzige Möglichkeit, sein Geschäft zu verrichten, waren kurze Pausen, in denen der Zug umgeladen wurde. Der Freund entfernte sich besonders weit, versteckte sich hinter einer Hecke, um beim Kacken nicht gesehen zu werden. Der Zug rollte schon an, der Freund rannte hinterher, den Hosenbund in den Händen, griff nach der Hand seiner Gefährtin, um noch hinaufgezogen zu werden, hatte sie gerade, dann rutschte ihm die Hose runter. Griff er nach der Hose, verlor er die Hand seiner Freundin. Hatte er die Hand, verlor er seine Hose. Die Protagonistin erzählt das zehnmal, immer schneller. Am Anfang wirkt es noch komisch, mit der Zeit immer absurder. Die Worte verlieren an Bedeutung, schallen nur noch durch den Raum. Dann endet der Traum abrupt: Der Freund ist erfroren.

„Life is but a dream…“

„Ihr hattet gerade einen kollektiven Traum“, erklärt der Dramaturg Josef Bäcker in der Nachbesprechung des Stückes – ein experimentelles Format, das Jenas Bürger und Theater, „Vision und Realität“ verbinden soll. Von diesem Traum – bestehend aus neun zusammenhangslosen Episoden, gespickt mit bekannten Songs von Ave Maria bis The Piña Colada Song und Angels – sollten sich die Zuschauer gegenseitig erzählen und ihn von ihren Sitznachbarn deuten lassen.

Schon zu biblischen Zeiten wurde den Träumen eine hohe Bedeutung zugesprochen, da sie uns warnend die Zukunft voraussagen: Wenn ihr so weiter macht wie bisher, steht euch dieses unheilvolle Szenario bevor. Ihr befindet euch in einer kritischen Zeit: in einer Krise. Noch könnt ihr euer Schicksal zum Guten wenden oder es dem Bösen überlassen. In der Zeitdiagnose, die „rhapsody“ stellt, hat sich der Spalt zwischen Gegenwart und Zukunft bereits geschlossen: It‘s already here. Auch wenn wir das rational längst wissen, ist es uns im Alltag gleichsam nicht bewusst – um nicht zu sagen: egal.

Doch wir unterschätzen die Macht unserer Träume. Wenn wir in Alpträumen von verdrängten Tatsachen eingeholt werden, sind diese mahnenden Einsichten zwar schnell vergessen – wir können unserem Unterbewusstsein jedoch auch im Wachzustand mehr Raum geben. Das ist, als würden wir bewusst in Distanz zu unseren alltäglichen Erklärungen treten. Wir würden extra unscharf sehen und dennoch die Dinge allzu klar erkennen, gerade weil wir in sie hineingezogen werden, wie beim Hinabgleiten in einen Traum – oder ein Theaterstück. In diesem Bewusstseinszustand sind wir geneigt, unser tagtägliches Unbehagen in der Kultur wieder zu spüren, dessen Anwesenheit sich uns im Alltag in dieser Intensität meist nicht aufdrängt: Wir fühlen uns nicht wohl in unserer eigenen Haut und wissen nicht so recht, warum. Uns beschleicht ein Gefühl von Heimatlosigkeit in den eigenen vier Wänden, verstehen die Welt nicht mehr. Wir fremdeln mit unserem sozialen Wir, sind allein, gottverlassen. Schaltet sich unser Bewusstsein wieder stärker ein, erträumen wir uns Auswege aus dieser Entfremdung. Wir fragen: Was muss geschehen, damit wir uns wieder behaglich in der Welt fühlen? Die Lösung gibt es nicht, die Frage bleibt.

„Gehen oder Bleiben?“, fragen sich zwei liebende Freunde, gespielt von Florian Thongsap Welsch und Jonathan Perleth, und ringen um eine Antwort. Was ist, wenn du nicht mehr zurück kannst, aber hier, wo du bist, niemals ankommst? „Ich will das nicht hören“, scheint die Antwort zu sein. Doch die Frage bleibt, bohrt sich tief unter die Haut, weil es keinen Ausweg gibt. Foto: Joachim Dette

Vielleicht steht es ganz im Zeichen der Zeit, dass die gesellschaftsverändernde Kraft der Vernunft als ausgeschöpft gilt: Auf rein rationaler Ebene kommen wir nicht weiter. Das Interesse an den Sehnsüchten, Träumen und Gefühlen der Menschen wächst – zumindest die Organisationsentwicklung hat sich das “Träumen” als Methode längst zu eigen gemacht und auch populistische Strömungen wissen menschliche Sehnsüchte für sich zu nutzen. Doch wir sollten die Zukunft weder von Populisten entwerfen lassen, die Sehnsüchte in Angst und Hass verkehren, noch von Unternehmen, deren als Traum missverstandener Innovationsoptimismus die allgemeine Gleichgültigkeit und das gesellschaftlich kultivierte Desinteresse verschleiert. Gerade in diesem Punkt aber kommt dem Träumen – nun aber verstanden als eine kulturelle Praxis – eine neuartige Bedeutung und Bedeutsamkeit zu: Nur wenn wir in unseren Tagträumen die Tür zu unserem Unbewussten offenhalten, wenn unsere (Alp-)Träume also Eingang in unseren Alltag finden, können wir mit unserem Unbehagen in eine produktive Beziehung treten. Und das heißt: Ungemütliche bis schmerzlich brennende Fragen in unser Leben hineinlassen, die Frage leben – sie nicht nur aushalten, sondern auch kultivieren.

„I sit and wait. Does an angel contemplate my fate?“

Ein gewisses Unbehagen war stets eine Begleiterscheinung krisengezeichneter Zeiten – und als solche nicht nur geduldet, sondern aufgrund ihres beflügelnd-schöpferischen Potentials ein gebetener Gast. Denn das Unbehagen möchte überwunden werden. Es sehnt sich nach Veränderung, nach besseren Zuständen, nach Solidarität und Heimat. Das Unbehagen ermuntert zur Tat. Es lässt uns richtungsweisende Träume einer gerechten Welt entwerfen oder heilsame Erinnerungen an glückliche Kindertage wachrufen. Nicht selten verlieren wir uns in diesen Träumen, werden weltvergessen. Wir haben das Unbehagen beschwichtigt und müssen nichts tun.

Nicht nur das: Als tote Coping-Strategie zwar anerkannt, wird heute belächelt, wer noch ernsthaft zu träumen wagt. Tot und unfruchtbar, weil Träume und Fantasien über die Wiederherstellung privater Psychohygiene hinaus ja doch nichts bewirken. Des Träumens müde, haben wir uns scheinbar mit einem Zustand abgefunden, den wir Polykrise nennen. Wie Zuschauer im Theater schauen wir zu und warten. Das Einzige, was uns am Ende bleibt, ist, sagen zu können: Wir wussten, wie es sich anfühlt, diese Art der Sinnlosigkeit, des ewigen Wartens, Lachens und Weinens für nichts.

Es ist „dark“ geworden. Wie im romantisch gedimmten Theaterlicht beobachten wir die Krisen der letzten Jahre: die russische Annexion der Krim 2014, die Flüchtlingskrise 2015 und die Eskalation des Ukraine-Konflikts, insbesondere seit 2022. Sie haben dazu geführt, dass der Ruf nach einer Transformation in Richtung einer postneoliberalen Nachhaltigkeitsgesellschaft zunehmend von reaktionären Sicherheits- und Stabilitätsbeschwichtigungen übertönt wird. Wir hören, wie im selben Tenor die Kraft einer geeinten EU beschworen wird, die in Krisenzeiten zusammenhält. Je länger der zweite Weltkrieg zurückliegt, desto mehr scheint die Erzählung des fragilen Friedensprojekts „Europäische Union“ durch die eines selbstbewussten Krisenbündnisses ersetzt zu werden, das in seiner Rhetorik zunehmend – wie überall auf der Welt – mit den Säbeln rasselt.

Es ist „dark“. Wir sehen uns in einer Abwärtsspirale gefangen, auf die Katastrophe zusteuernd, die wir höchstens abschwächen oder hinauszögern können – dabei sind wir schon längst mittendrin. Wir geben uns als eifrige Krisenmanager und Komplexitätsbewältiger, die nie müde werden, Krisen als Chance zu betrachten, aus Krisen zu lernen, an ihnen zu wachsen. Was dich nicht umbringt, macht dich nur resilienter. Wir begrüßen Ungewissheiten und Unsicherheiten als Möglichkeitsräume: „Es bleibt spannend“ – als könne, wenn schon nichts Gutes, wenigstens etwas Interessantes aus Krisen erwachsen. Und wer um diesen Unsinn weiß, würzt seinen Eifer mit einer Prise Ironie. Daraus erwächst das Gefühl eines „beschleunigten Stillstands“, wie ich neulich las: Trotz oder sogar wegen unseres permanenten Krisenmanagements ändern wir – nichts. Diese Realität ist auch bei Lichte betrachtet nicht weniger unlogisch-absurd als Fieberträume.

Der Verlust, den die mahnenden Träumer und Propheten spüren, besinnt sie letztlich auf das Gute im Menschen, auf seine Fähigkeit, gemeinschaftlich und im Einklang mit der Natur leben zu können. Denn wenn es jetzt bergab geht, muss es einmal gut gewesen sein. Und wenn dieses Einmal auch nur Romantik, ein Traum, eine falsche Hoffnung ist?

In der letzten Traumsequenz des Stückes entdeckt ein sozial ausgegrenztes PoC-Mädchen ihre Sehnsucht nach einem Teletubby-Dasein – im Stück die Space Babys –, die nichts tun, als unbekümmert Hügel hinunter zu kullern. Ein bescheidenes Paradies. Der Traum endet und einer Zuschauerin in der ersten Reihe wird heftig die Hand geschüttelt: Herzlichen Glückwunsch und mein Beileid – „du kannst alledem nicht entkommen.“ Oder ist es doch nur, wie im Einleitungstext auf der Homepage des Theaterhauses beschrieben, ein schwindendes Nachhallen der Worte und Bilder “am nächsten Morgen, um den Frühstückstisch“ als Zeichen, dass „das Erlebte endgültig eingewebt ist in die eigene Geschichte“? Das bedeutet ja nicht weniger, als dass sich das Düstere, Widerspenstige in dem saturierten Alltagstrott des ewigen Zuschauens verstetigt hat. Es sei denn, irgendwo drückt der Schuh, wenn wir das Haus verlassen. Ein verqueres Bild fügt sich nicht in den Gedankenfluss, so wie wir nicht in die Welt. Ein Unbehagen, „so wollen wir nicht leben und tun es immer noch“.


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