– Krise aus halber Distanz
von Josefine Dietrich

Der Sandmann begegnet Kindern als liebenswerte, alte, männliche Puppe in einer Serie und lädt sie zum Einschlafen ein. Für diejenigen, die an seine Realität glauben, ist er eine reale Person und ein Hirngespinst für alle anderen. Der Sandmann ist, gleich der Figur des Sensenmanns, eine Grenzfigur. Während der Sensenmann das absolut Andere, den Tod, ankündigt, begrüßt uns der Sandmann periodisch immer wieder aufs Neue und führt uns in den Traum.
So unschuldig und rein wie im Kinderprogramm der Unterhaltungsmedien war der Sandmann nicht immer. Der Sandmann ist auch eine schaurige Fabel aus der Epoche der schwarzen Romantik von E.T.A. Hoffmann. Sie ist 1816 in den Nachtstücken erschienen. Heute wird „Der Sandmann“ in Schulen gelesen, in Theatern aufgeführt und verfilmt. Die zahlreichen Deutungsversuche und Assoziationsspiele reichen von einer Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft über psychologische Ausdeutungen von Trauma und Wahnsinn und darüber hinaus, was beispielsweise bei Lienhard Wawrzyn gelesen werden kann. Auch mehr als 200 Jahre später scheint der Sandmann seine Aktualität nicht verloren zu haben. Was ist es, was uns am Sandmann so beschäftigt?
Der Student Nathanael ist von tiefem Grauen bewegt durch die Begegnung mit dem Wetterglashändler Coppola, der ihn an seine Kindheitsfigur Coppelius erinnert. Nathanaels Mutter schickte ihn und seine Geschwister damals immer ins Bett, wenn es im Haus rumpelte – und „der Sandmann kommt“. Von der Erzählung einer alten Frau erfährt Nathanael, dass der Sandmann den Kindern Sand in die Augen streue, sodass sie heraussprängen, wenn sie unartig seien und nicht ins Bett gingen. Die Augen nehme der Sandmann dann mit zum Halbmond und verfüttere sie an seine Kinder. Eines Abends, auf der Suche nach dem Sandmann, wurde Nathanael in seiner kindlichen Neugier von seinem Vater und Coppelius entdeckt, die gerade chemische Experimente durchführten. Coppelius wollte Nathanael die Augen ausreißen, was der Vater gerade noch verhindern konnte. Endlich hatte Nathanael den Sandmann enttarnt: Es war Coppelius, ein Freund der Familie. Auch als nach einiger Zeit Nathanaels Vater starb, machte er Coppelius für seinen Tod verantwortlich. So musste Nathanael die Erfahrung machen, dass das Schreckliche sich ihm von außen aufdrängt. Seine Welt ist gefährlich, denn eine dunkle Macht entscheidet über sein Schicksal.
„Solange du an ihn glaubst, ist er auch und wirkt, nur dein Glauben ist seine Macht“. Das sind die Worte von Clara, Nathanaels Freundin, als sie von seinen Gedanken und Gefühlen erfährt. In ihrer besorgten Antwort an ihn teilt sie ihr tiefes Mitgefühl mit und versucht ihm zu erklären, dass der Sandmann eine Figur seiner Einbildung sei. Dadurch scheint er sich doch auch mithilfe von eigenen rationalen Überlegungen mehr und mehr beschwichtigen zu lassen und bestätigt Claras nüchterne Sicht auf seine Hirngespinste. Dabei erinnert Claras Überzeugung an den plakativen Spruch „Es ist, was du daraus machst“, der uns umfassende Kontrolle über unser Leben suggeriert, wenn wir es nur selbst in die Hand nehmen. Aber ist es wirklich so einfach? Wie leicht können wir aus uns selbst heraus unsere Sicht auf die Dinge ändern? Ist der Sandmann ein bloßes Phantasiegebilde? Zumindest setzt Nathanael, scheinbar von der dunklen Macht befreit, seinen normalen Alltag fort.
Als der Wetterglashändler Coppola, der Nathanael an Coppelius erinnert, wieder an Nathanaels Tür klingelt, verhält er sich ihm gegenüber, wie er es bei allen anderen Menschen auch tun würde: ganz normal. Er kauft von ihm ein schönes Perspektiv, durch das er die angebliche Tochter, aber eigentlich mechanische Puppe des Professors Spalanzani, Olimpia, beobachtet. Seine Freunde weisen ihn auf die groteske Kälte und Starrheit von Olimpia hin, doch Nathanael verliert sich in der idealisierten Liebesglut. Aus anthropologischer Perspektive sind die Augen das Organ der Distanz. Im Gegensatz zu Geräuschen, die unseren Körper durchfluten, bleiben die sichtbaren Dinge auf Abstand, der sie für uns auch greif-, handhab und veränderbar macht. Die Tasse kann ich greifen, den Ton nicht. Das Perspektiv von Nathanael verändert oder verzaubert gar seine Sicht auf die Welt, denn das Tote erscheint ihm hier lebendig. Die Veränderung seiner Sicht kommt jedoch nicht von Nathanael selbst, sondern ist das Resultat seines Gebrauchs des Perspektivs von Coppola. Trotz seiner anfänglich rationalen Überlegungen und Claras Zureden kommt das Irrationale wieder in Nathanaels Leben zurück.
Nathanael verfällt erneut dem Wahnsinn, als er seinen Professor Spalanzani und Coppola um die Puppe streiten sieht, Coppola mit ihr davon kommt und der Professor ihm Olimpias Augen an seine Brust wirft und von Nathanael verlangt, sie zurückzuholen. Gerade noch können Menschen in der Nähe verhindern, dass Nathanael Spalanzani umbringt, woraufhin Nathanael ins Tollhaus gebracht wird. Nach seiner Entlassung scheint Nathanael endgültig geheilt. Doch als er auf einem Turm, während eines Spaziergangs mit Clara, sein Perspektiv erneut herausholt und benutzt, will er plötzlich Clara umbringen und stürzt sich letztendlich selbst in den Tod mit den Worten: „Ha! Sköne Oke — Sköne Oke“ („Schöne Augen — Schöne Augen“). Das Buch endet mit der ironisch klingenden Beschreibung, dass Clara noch ihr kleinbürgerliches Glück finden konnte.
Nathanael ist überwältigt. Das Schreckliche hat gewonnen, oder? Entgegen seinen Bemühungen, dem Schrecklichen zu entgehen, findet er die letztendliche Lösung seiner Zerrissenheit im Tod. Der Sandmann ist das Böse, vor dem es kein Entrinnen gibt, weder durch die Flucht in sich selbst zurück noch durch rationale Erklärungsversuche. Das Irrationale kann nicht durch Rationales vollständig erklärt werden, weil es in einer anderen Logik funktioniert, eben gerade nicht verstandesmäßig. Wenn wir versuchen, aus Schrecklichem, was uns passiert, das Beste zu machen, dann erinnert das fast an den amerikanischen Traum eines Menschen, der sich aus armen Verhältnissen durch eigene Anstrengung zu einem reichen, erfolgreichen Menschen arbeiten kann. Wie jedoch die Geschichte von Nathanael zeigt, sind wir keine Götter.
Krisenzustände begegnen uns also ganz persönlich im engeren Lebensumfeld. Stets die Kontrolle darüber zu haben, ist eine Illusion, die nicht immer aufrechterhalten werden kann. Die Fabel zeigt, dass in der Irrealität eine Verbindung zwischen Objekt und Subjektivem vorliegt. Die Objekte sind hier die Ereignisse Nathanaels Kindheit und das Subjektive zeigt sich als seine inneren Gefühle der Angst und des Grauens. Diese Verbindung könnte die Allegorie des Sandmanns in der Erzählung von E.T.A. Hoffmann ausdrücken. Im Umgang mit ihr erweist sich die Vermittlung von dem Gegenstand des Schreckens und dem subjektivem Gefühl als sinnvoll. Das könnte mit dem Begriff, wie eine Freundin von mir so schön sagte, „halbe Distanz“ bezeichnet werden. Hätte Nathanael sich vielleicht nicht umgebracht, hätte man seine Wahrnehmung von dem Sandmann ernst genommen? Eine persönliche Krise kann immer auch auf strukturelle Probleme verweisen. Der Sandmann kann demnach als Gesellschaftskritik gelesen werden. Die Kritik würde sich nach Wawrzyn auf die Verkümmerung von Sensibilität und Intimität als Kosten des Fortschritts der bürgerlichen Gesellschaft und auf eine Pädagogik des Genussverbots beziehen, was reale Konsequenzen in Nathanaels Wahnsinn hat. Wer trägt für solche doch überpersönlichen Krisen, wie ökologische und soziale, die Verantwortung? Heutzutage existiert beispielsweise im Umgang mit der Klimakrise der persönliche ökologische Fußabdruck als Mittel der Individualisie rung der Krise. Implizit kann hier gelesen werden: Schau, wie viel du verbrauchst und passe dein Verhalten an, um die Welt zu retten. Ähnliches lässt sich bei der Frage nach der Zurechnung von Verantwortung für soziale Ungleichheit beobachten. Der Einzelne müsste seinen Lebensstil ändern, das bedeutet: Weiterbildungen machen, seine Arbeit wechseln oder seine psychische und physische Gesundheit mit Bewegung und gesunder Ernährung in den Griff bekommen, dann würde er Erfolg im Leben haben. Wie viel Verantwortung trage ich aber für ein Problem, was uns alle etwas angeht? Auch in den Extremen zwischen der Abgabe jeglicher Verantwortung für Krisen an eine äußere Macht als „Entindividualisierung“ und der völligen Individualisierung liegt die Möglichkeit der halben Distanz. Diese halbe Distanz liegt in der Mitte zwischen „Es hat nichts mit mir zu tun“ und „Ich bin absolut allein dafür verantwortlich“.
Mit weiterhin offenen Fragen können wir dennoch abschließend festhalten: Krise ist viel, doch vor allem eine Grenzfrage, die das Verhältnis von Ordnung (Normalität) und Chaos (Abweichung) behandelt.