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Was steckt hinter Disneys Film „Vaiana – Das Paradies hat einen Haken“?

19 April 2021 No Comment

Ältere Disney-Filme sind dafür bekannt, kulturell insensitiv zu sein und Stereotype zu bedienen. Gelingt es den neuen Filmemachern, Kultur, Geschichte und Mythik der Polynesier respektvoll umzusetzen?

von Loretta

Seien es die prototypischen Indianer in Pocahontas, in der ihre tragische Geschichte der amerikanischen Indigenen zum Märchen „disneyfiziert“ wurde oder die süßen Kätzchen in Aristocats, die durch ihre Augenform, ihre Hasenzähne und ihr gelbes Fell rassifizierende asiatische Stereotype bedienen – Disney ist dafür bekannt, kulturell und historisch relevante Details in seinen Filmen zu übergehen und stereotypische Klischees zu bedienen. Vor Beginn der Dreharbeiten für dem Film „Vaiana – das Paradies hat einen Haken“ ordnete Disney allerdings ausführliche soziokulturelleRecherchen an. So reisten die Regisseure Ron Clements und John Musker mit ihrem Team mehrmals nach Polynesien, wo der Ursprung Vaianas liegt, und ließen sich dort von Anthropologen, Historikern, Ozeanologen, Kulturpraktikern, Linguisten und Choreographen sowie den Nachfahren der polynesischen Ureinwohner über deren Kultur und Historie aufklären. Auf diese Weise konnte die Geschichte des Volkes wahrheitsgemäß und authentisch verfilmt werden. So entsprachen beispielsweise die Kleidung und Nahrung der Charaktere tatsächlich dem, was in Ozeanien vor 2000 Jahren üblich war.

Die Insel Motu Nui, auf der die Protagonistin Vaiana mit ihrem Stamm lebt, existiert in der Realität zwar nicht, steht aber sinnbildlich für alle polynesischen Inseln im Südpazifik. Zu diesen gehören unter anderem Hawaii, Samoa, Tonga, Neuseeland und die Gesellschaftsinseln. Nach der Theorie des Archäologen Peter Bellwood wurden die ersten dieser Inseln etwa um 1500 v.Chr. von Seefahrern des Inseldreiecks Tonga/Fidschi/Samoa entdeckt. Auf diese Weise segelten sie von Fidschi über Tonga und Samoa bis in die Osterinselregion und besiedelten diese und viele weitere polynesische Gebiete. Bisher konnte nicht vollständig geklärt werden, warum die Polinesier von diesem Punkt an sesshaft wurden und die Tradition der Seefahrt Jahrhunderte nicht fortführten. Erst 400 n.Chr. kam es zu einer zweiten Besiedelungswelle, die Seefahrt lebte wieder auf und bestand bis 1500 n.Chr. fort. Dieses Mysterium der „verlorenen Jahre“ ist Inhalt des Films Vaiana. Die Handlung beginnt mit einem Gespräch zwischen dem titelgebenden Mädchen Vaiana und ihrer Großmutter, die von längst vergangenen Zeiten erzählt, in denen sich ihre Ahnen weit hinaus aufs Meer gewagt haben. Seitdem hat sich eine Finsternis über die umliegenden Inseln gelegt und keiner ihrer Stammesmitglieder hat sich erneut auf das Meer hinaus getraut. Die Szene endet mit Vaianas lebhaften Vorstellungen davon, wie sie selbst das Meer und die ganze Welt entdecken könnte. Bestimmte Wolkenformationen, Sternbilder, die Bewegung der Planeten sowie der Wellengang boten ihren Ahnen auf dem Meer Orientierung. Ohne Kompass oder Sextant studierten sie schon vorher an Land mithilfe sogenannter „Stabkarten“ die bereits bekannten Meeresgebiete. Die von der polynesischen Gesellschaft hoch angesehenen Bootsbauer verwendeten oftmals ausgehöhlte Baumstämme, um daraus die bekannten Auslegekanus zu bauen.

Die Protagonistin Vaiana ist selbst kein Teil der polynesischen Mythologie, die zweite Hauptfigur Maui hingegen schon – wobei die künstlerische Freiheit der Filmemacher hier definitiv ausgeschöpft wurde. Das beginnt schon bei seiner optischen Erscheinung: In den Mythen wird der Halbgott Māui eigentlich als ein schlanker junger Mann mit einem Haarknoten auf dem Kopf beschrieben. Im Film ist er allerdings groß, kräftig, voller Tattoos und trägt seine Haare offen. Die Einzelheiten rund um die Bedeutung der Haare Māuis wurden den Machern des Films ausführlich erklärt. Er erhielte aus genau diesen seine Kräfte, weshalb er auf keinen Fall eine Glatze haben dürfte. Die ursprüngliche Idee, Maui in den Fokus des Films zu stellen, wurde schnell verworfen, als die Macher einer wunderschönen polynesischen Frau begegneten, die sie zu Vaianas Figur inspirierten. Zudem ist Māui nicht nur in der polynesischen, sondern auch in vielen anderen Kulturen sehr beliebt. Doch stimmen die in dem Film thematisierten sagenhaften Heldentaten mit dem überein, was er nach der Mythologie geleistet haben soll?Ein zentrales Element in der Legende um den Halbgott ist ein Kieferknochen seines Ahnen, von dem er bei seinen Heldentaten häufig Gebrauch macht. Im Film besitzt Maui einen magischen Haken, mit dessen Hilfe er sich in verschiedene Tiere verwandeln kann – so wie es auch die Legende besagt. Mythologischen Überlieferungen zufolge fing Māui auf einem Angelausflug mit seinen Brüdern einen riesigen Fisch, den seine Brüder beaufsichtigen sollten. Sie schnitten ihn jedoch in Māuis Abwesenheit und ohne seine Zustimmung auf – der „Fisch“ wurde so in Berge, Klippen und Täler gespalten. Hätten die Brüder auf Māui gehört und seine Rückkehr abgewartet, so die Legende, wären die Inseln Polynesiens heute flach und eben.
Für die Menschheit soll der Halbgott eine Reihe von Heldentaten erbracht haben. So soll er beispielsweise die Sonne gezähmt haben: Mit dem Haar seiner Schwester, was zu einem Lasso gebunden war, hielt er die Sonne fest und weigerte sich, diese loszulassen, bis sie ihm versprach, den Polynesiern im Sommer lange und im Winter kurze Tage zu bescheren. Er machte sich auch auf die Suche nach der Feuergöttin Mahuika, um den Menschen das Feuer zu schenken. Das gelang ihm, indem er sie mit seinen Tricks an ihr Feuer zu gelangen so lange ärgerte, bis sie in ihrer Wut sowohl Land als auch Meer in Brand setzte.

Der Kulturverein Te Pu Atiti’a dden half Disney dabei, den ganzen Film korrekt ins tahitianische zu übersetzen. So sollte verhindert werden, dass die uralte polynesische Sprache in Vergessenheit gerät oder gar ganz ausstirbt – auf der Insel Tahiti wird heute schon fast ausschließlich Französisch gesprochen. Vaiana ist damit der erste Film überhaupt, der in diese Sprache übersetzt wurde. Vor Ort wurde er in über 60 Schulen gezeigt, um den Kindern die tahitianische Sprache und die damit verbundene Kultur näherzubringen. Disney castete zudem mehrere hawaiianische Sprecher und ermutigte sie, einige Dialoge so anzupassen, dass sie eher der hawaiianischen Umgangssprache entsprechen. Das Filmteam traf sich mit einigen Stammeshäuptlingen, um sie zu ihrer uralten Seefahrtskunst zu befragen und ließ sich viel über zeremonielle Tätowierungen, Kulturstätten und Südsee-Tänze beibringen, um in dem Film viele polynesische Traditionen zeigen zu können. Es wurde besonders großen Wert daraufgelegt, dass die Gemeinschaft der Polynesier ein zentraler und wichtiger Punkt der Geschichte ist – so wie in der Realität auch.

Wie denkt nun eigentlich die polynesische Bevölkerung über den Film? Haben die Versuche, nicht in alte Muster zu verfallen und den Film so realistisch wie möglich zu gestalten, gefruchtet? Wie bei vielen Filmen zuvor, hagelte es Kritik an der Darstellung Mauis. Denn statt als heranwachsender, schlanker Mann wurde er von Disney ganz anders in Szene gesetzt: als schwer ernst zu nehmender „Hanswurst“. Die Kritik beinhaltete, dass er durch sein Aussehen dümmlich wirke, andere fühlten sich durch seinen Körperbau und hohes Gewicht angegriffen. Denn so würde das Vorurteil der übergewichtigen Polynesier aufrechterhalten werden. Außerdem löste ein Merch-Artikel, ein dunkelbrauner, tätowierter Ganzkörperanzug, eine heftige Kontroverse in Bezug auf brown/black-facing aus.

Ein weiterer Fall von „verstecktem“ Rassismus zeigt sich dadurch, dass das auf den Salomonen lebende Volk der Kamora zu ihrem Nachteil als „böse Kokosnüsse“ dargestellt wurde. Problematisch war daran nicht bloß, dass Kokosnüsse negativ behaftet seien, sondern auch, dass die Kamora historisch betrachtet eine eher kleine und rundliche Körperstatur hätten – wie eine Kokosnuss. Kritik erntete Disney außerdem dafür, dass Vaiana am Ende des Films zum Häuptling ihres Stammes wurde, denn in der Realität ist das für eine Frau im Volk der Tonga niemals möglich.

Dennoch gab es auch positive Resonanz seitens der Polynesier. Als erste Reaktion machte sich bei den Menschen Freude breit, endlich einen Film zu sehen, in dem ihr eigenes Volk repräsentiert wird. Darüber hinaus gab es viele Details, die sie an Vaiana schätzten, zum Beispiel die Rolle der Großmutter, die Farbgestaltung der Inseln, die Filmmusik und die dargestellte Gemeinschaft des Volkes.

Dass überhaupt ein Film über die Polynesier kreiert wurde, ehrte das Volk sehr. Und Disney stelle definitiv unter Beweis, dass, auch wenn einige Feinheiten vergessen oder gar falsch dargestellt wurden, der Film wesentlich authentischer war, als es die Zuschauer gewohnt waren. Es sollte eben nicht vergessen werden, dass Vaiana keine Dokumentation über die Historie Ozeaniens ist – sondern einfach ein Kinderfilm.

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