Im Februar kam die neueste Verfilmung von Wuthering Heights in die deutschen Kinos und entfachte mit der Besetzung des Heathcliff erneut den Diskurs um White-washing und race-blind Casting. Ist der 1847 erschienene Roman fortschrittlicher als die Adaption von 2026?
von Tina Nickel

Warum ist Catherine blond und wirkt Heathcliff wie der fünfte Beatle? Emerald Fennells Neuadaption von Sturmhöhe ist wahrlich eine Reihe bizarrer Entscheidungen – von quietschigen Kostümen, über eine groteske Hängszene, bis hin zur BDSM-ifizierung häuslicher Gewalt – und trotzdem schafft es das Casting, schwerer zu enttäuschen. Nicht, weil Literaturfans pedantisch sind, sondern weil es das Herz der gesamten Erzählung zerstört. Es gibt schon zahlreiche Verfilmungen, die Emily Brontës Roman als Liebesgeschichte oder als gothic romance (als Liebestragödie gehüllt in eine Spukgeschichte) konzipieren. Aber auch das ist zu kurz gedacht. Vielmehr ist es ein Familiendrama: die Rachegeschichte eines Außenseiters, der zwei Häuser und deren Nachkommen tyrannisiert, der alles an sich reißt, was ihm vorenthalten wurde, und dabei das einzige verliert, was ihm etwas bedeutet hat. Rassismus und sozialer Stand durchdringen jeden Aspekt der Geschichte; man kann sie nicht verstehen ohne zu wissen, wer Heathcliff ist.
Heathcliffs Ethnie wird im Buch intentional vage dargestellt. Von den Figuren wird er wahlweise als „dunkelhäutiger Zigeuner“ mit schwarzen Augen und schwarzen Haaren, als Laskar ((süd)asiatischer Seemann), als indischer oder chinesischer Prinz, spanischer oder amerikanischer Schiffbrüchiger beschrieben. Seine genaue Herkunft ist unbekannt, da Mr. Earnshaw ihn als Straßenkind aus der Hafenstadt Liverpool mitnimmt – klar ist nur: Er wird nicht als weiß angesehen. Jacob Elordi ist ein australischer Schauspieler mit zwar teils spanischen Wurzeln, fügt sich aber in eine lange Reihe weißer Heathcliffs, die maximal eine schwarze Perücke tragen oder etwas dunkler geschminkt werden. Viele fühlen sich echter Repräsentation beraubt und sehen Roma erneut aus Film und Literatur herausgeschrieben. Überhaupt sind klassische Rollen für PoC rar. Obwohl Repräsentation im Film stetig diverser wird, besteht weiterhin ein signifikantes Ungleichgewicht, was Hauptrollen betrifft. Warum also Elordi? Nun, Emerald Fennell sagt in Interviews, dass ihr Film auf Ideen basiert, die sie als Vierzehnjährige beim Lesen des Romans hatte, und Elordi sah der Cover-Illustration ähnlich. Das erklärt vielleicht auch eine blonde Catherine – oder ist es, weil Margot Robbie als Co-Produzentin die Rolle für sich wollte?
Es ist nicht nur Heathcliff
Alle Figuren sind falsch besetzt! Zum Einen das Alter: Die Protagonisten sind vernachlässigte, geschlagene Kinder, die zu durch Trauma, Zorn und Verlustängste aneinander geketteten und emotional dysregulierten Teenagern werden. Insbesondere Margot Robbie (35) wirkt zu alt, um diese Theatralik nachvollziehbar herüberzubringen. Und warum ist sie blondiert? Es gibt zwei einfach unterscheidbare Familien in Sturmhöhe: die dunklen Earnshaws (Cathy, ihr gewalttätiger Bruder, Heathcliff (per Adoption) und deren Kinder) und die hellen Lintons. Denn die Physiognomie der Figuren spiegelt deren Charakter und sozialen Stand: Die Lintons mit ihren blauen Augen und goldenem Haar sind kultiviert, wohlhabend, aber auch naiv und schwach. Catherines dunkles Haar und braune Augen zeigen ein wildes Temperament, Dominanz und Willensstärke. Auch Heathcliff ist dunkel, stark und schön, nur zeitweise verwahrlost. Doch seine „Schwärze“, sprich Andersartigkeit, wird als Indiz für Boshaftigkeit ausgelegt. Durch eine Kindheit voller Entbehrung und Misshandlung wirkt er brutal, stoisch, schmerzresistent.
Sturmhöhe ist eines der wenigen literarischen Werke, wo die getreue äußerliche Darstellung der zentralen Charaktere tatsächlich von Wichtigkeit ist. Das heißt nicht, dass man Repräsentation nicht für einen anderen Kulturkreis oder Zeitgeist anpassen darf, aber die Änderungen müssen zumindest konsistent und logisch für die Handlung sein. Ein Edgar Linton, dessen Familie Heathcliff rassistisch anfeindet (ja, zum Wohle Englands hängen sehen will, bevor er seine „wahre Natur“ zeigt), kann nicht dunkelhäutiger als dieser selbst sein! Schlimmer noch als die übliche rein weiße Besetzung des Werkes, dessen Kernhandlung von Klassismus und Ausgrenzung motiviert ist, ist, dass Fennell einen britisch-pakistanischen Schauspieler als Edgar Linton wählt. Shazad Latif hätte besser auf die Hauptrolle gepasst als Elordi, aber im Namen von race-blind Casting wird hier die Geschichte ad absurdum geführt. Edgars helle Haut, blaue Augen und Manieren beneidet und verachtet Heathcliff, da sie alles sind, was zwischen ihm und Bildung, Vermögen und seiner Liebsten stehen. Dass im Film die reichen Lintons auf Margot Robbies Haar- und Hautfarbe fixiert sind, wirkt einfach nur unangenehm. Der Klassenaspekt fehlt.
Familie Linton ist das Ideal von Wohlstand, Bildung und christlich-westlichen Werten, der Inbegriff von Whiteness. Catherine kann sich assimilieren, obgleich sie merkt, dass sie nicht zu den „Engeln“ auf Thrushcross Grange gehört, denn Trauma bindet sie an Wuthering Heights und an Heathcliff. Jener kann zwar ein eigenes Vermögen erringen und den Anschein eines Gentleman erwecken, aber alles, was mit seinen Konkurrenten zu tun hat, erregt seinen Abscheu. Heathcliff, ein „dunkelhäutiges“ eltern- und „herrenloses“ Kind, schmutzig und verhungernd und in einer unbekannten Sprache sprechend, ist Ausdruck jenes verdrängten britischen Kolonialismus, der die Taschen der Oberschicht füllt. Nicht zufällig wird er in den Straßen Liverpools aufgelesen – Hafenstadt und Zentrum unglaublichen Reichtums, erwirtschaftet durch die Ausbeutung Asiens und Amerikas, Unterdrückung und Sklavenhandel –, aufgenommen in eine alteingesessene englische Familie, aber stets für sein andersartiges Aussehen ausgeschlossen, degradiert. Sein Hass auf die lächerlichen, schwächlichen, „milchgesichtigen“ Lintons trifft selbst den eigenen Sohn. Es fällt schwer zu glauben, dass die Romanfigur für eine zage Oktoberfest-Barbie schwärmen würde. Es fällt nur nicht auf, da Jacob Elordi heute schwerlich als angefeindete Minderheit durchgeht.
Von der Liebesgeschichte zwischen der histrionischen Catherine und dem erbarmungslosen Heathcliff mag man halten, was man will, aber wo Brontë brilliert, ist die erschreckend realistische Darstellung intergenerationalen Traumas. Sturmhöhe ist eine Geschichte über Ausgrenzung und Gewaltspiralen. Jede erlittene Erniedrigung wird heimgezahlt, die sozialen Verhältnisse umgedreht, Kinder bezahlen für die Taten der Eltern. Aussehen und ethnische Zugehörigkeit sind zentral für die Handlung.

Es ist, als hätte die Filmmacherin lediglich daran gedacht, wie heiß Jacob Elordi verwildert und oberkörperfrei in einer Scheune aussehen würde, und nicht bedacht, was für eine geladene Diskriminierungserfahrung das darstellt. Während Cathy aufgehübscht und von den versnobten Nachbarn hofi ert wird, wird er des Hauses verwiesen, von höherer Gesellschaft ausgeschlossen, zu harter physischer Arbeit gezwungen und misshandelt. Er ist ungebildet, macht- und mittellos und eine Minderheit, hat nicht einmal einen Nachnamen. Deswegen kann Catherine ihn nicht heiraten. Sie braucht Edgars Geld, um sich beide aus den Fängen ihres Bruders zu retten. Doch dafür, dass sie scheinbar westliche Schönheitsideale und Status über ihn wählt, quält Heathcliff sie.
Ein klassistisches, rassistisches System, Kurzsichtigkeit im Angesicht von Trauma und das Festhalten an Rachefantasien entzweiten Menschen, die ihre wahre Seele mehr im Anderen als in sich selbst sahen. Sie verloren die einzige Person auf der Welt, die sie nicht nur liebte, sondern im Innersten verstand. (Ungeachtet ihrer Herkunft sind ihre Seelen aus dem gleichen Stoff . Es ist schade, dass so wenig von der Geschichte übrig bleibt, die ihrer Zeit so voraus war!)
Emerald Fennell wollte ein visuelles Spektakel mit psycho-sexuellem Fokus produzieren. Und das ist legitim. Es ist erlaubt, ein klassisches Werk zu modernisieren, künstlerische Freiheit in Kostüm, Setting, Regie voll auszukosten. Es ist auch erlaubt, mit der Besetzung zu spielen – im besten Fall sollte das Casting aber im Dienste der Erzählung stehen und den Zuschauern die Konflikte klarer kommunizieren. So ist beispielsweise James Howson als Heathcliff (2011) angesichts der Beschreibungen im Roman zwar nicht die off ensichtlichste Wahl (und das Einfügen von N-Wörtern nicht unumstritten), aber es ist eine Deutung, die für das heutige Publikum einfacher zu verstehen ist, als einen brünetten Mann mit leichtem Teint „Zigeuner“ oder „schwarz wie der Teufel“ zu schimpfen. Es ist auch erlaubt, Inspiration aus einem Werk zu ziehen und eine neue Geschichte daraus zu schreiben. Nur will man hier den berühmten Titel borgen, ohne wiedererkennbare Charaktere oder Konflikte zu bieten, und in Antizipation der Kritik setzt man ihn in Anführungszeichen. Den neuen Film als „Sturmhöhe“ zu vermarkten, ist in etwa so treff end, wie Bridgerton „Stolz und Vorurteil“ zu nennen. Man möchte die weltbekannte Liebesgeschichte, aber ohne die Rassen- und Klassenhierarchie zu thematisieren, die diese tragisch, fatal und ihrer Zeit so voraus machten.
Interessanterweise war Merle Oberon, die erste Film-Darstellerin von Catherine, von gemischter anglo-indischer Abstammung und wird heute als die erste asiatische Oscar-Nominierte gezählt. Für ihre Karriere musste sie dies jedoch verheimlichen – behauptete stattdessen, sie sei in Australien als Kind weißer Briten geboren – und wurde von Film-Studios gedrängt, ihre Haut zu bleichen. Sie verließ eine Privatschule in Kalkutta, weil sie von europäischen Schülern für ihren Hintergrund ausgegrenzt wurde und mindestens eine Beziehung zerbrach daran. Daher war es betrübliche Ironie, als ihre Figur 1939 auf der Leinwand sagte: „I am Heathcliff “. Scheinbar ist sie noch 2026 mehr Heathcliff als dieser selbst.