Die Thüringer Literaturpreisverleihung 2025

Ein Bericht

Auf der Thüringer Literaturpreisverleihung in Erfurt wurde Emma Braslavsky dieses Jahr für ihre gedankliche und sprachliche Akrobatik belohnt. Ihre Werke: Ein Mix aus eindrücklichen Bildern, rasanten Handlungsentwicklungen und einem kritischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse und Fragestellungen.

von Josefiene Dietrich


Ein riesiger Blumenstrauß steht vor einem Halbkreis aus Stühlen. Langsam versammeln sich die Gäste. Bekannte und unbekannte Personen setzen sich auf die ausgewählten und abgezählten Plätze.
Am 05. September 2025 um 17 Uhr fand die elfte Verleihung des Thüringer Literaturpreises im Haus Dacheröden in Erfurt statt. Der alle zwei Jahre vergebene Preis ging dieses Jahr an die in Erfurt geborene Emma Braslavsky, übergeben von Staatssekretär Prof. Dr. Steffen Teichert und Jörg Klinge von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen. Voraussetzung dafür, den Preis zu erhalten, ist, dass derdie Gewinnerin aus Thüringen kommen muss oder seit einer langen Zeit hier lebt oder gelebt hat.
Staatssekretär Prof. Dr. Steffen Teichert erinnerte an die Verbundenheit der Autorin zur Heimat, dem „Land der Ideen und Stimmen“. Literatur sei fundamental für Demokratie: Sie ermögliche Perspektiverweiterung, Vielfalt und gesellschaftliche Veränderungen. Er selbst habe in jungen Jahren Bücher konsumiert, wie Märchen und Science-Fiction, und sich am Schreiben versucht. Das trifft sich gut, denn für Braslavsky selbst ist Literatur und ihre Mehrdeutigkeit auch die Grundlage von Demokratie und das „Labor für mögliche Zukünfte“.
Was ist also das Besondere an Braslavskys Werk? Laut Jurymitglieder Bettina Baltschev sind Braslavskys Texte “fluide und flexibel”. Die modernen Dualismen von Roboter und Mensch sowie Technik und Gefühl verarbeitet sie, so Baltschev, mit einem lakonischen, experimentellen, hellsichtigen Erzählstil. Was wäre, wenn ein Roboter dich so lieben würde, wie du es willst? Sowohl die Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen als auch ihre Fähigkeit, gedankliche Grenzen zu sprengen und zu überschreiten, würden die Literatur der Preisträgerin auszeichnen. Währenddessen kommt von einer Person aus dem Publikum laut geflüstert, ob denn nicht einfach etwas aus dem Buch vorgelesen werden könnte. Tatsächlich sind Werke Braslavskys als Hörbücher verfügbar oder man nutzt die Möglichkeit, sich den Film Ich bin dein Mensch anzuschauen, der auf einer ihrer Kurzgeschichten basiert.

Ihrem Stil bleibt die Autorin auch bei ihrer Rede treu. Literatur sei die konservierte Erinnerung und Entwicklung der Menschen, „sie atmet in der Polysemie“. Das revolutionäre Potential von Literatur ergäbe sich aus dem Aufzeigen von Möglichkeitsräumen, wie es die produktive Verbindung von Wissenschaft und spekulativer Literatur schon bewiesen. Das bedeutet, in der Literatur werden Vorstellungen erprobt, die dann als Inspiraion und Reflexion für die wissenschaftliche Arbeit dienen. Es wird zum Beispiel eine mögliche Zukunft entworfen oder es werden vorhandene literarische Figuren benutzt um gegenwärtige Phänomene zu beschreiben. Bras- lavsky hinterfragt Wirklichkeiten und spinnt daraus Möglichkeiten.
Mit Blick auf Thüringen als „Ort der Mahnung und der Zuflucht“ wird deutlich: Literatur könne Barbarei nicht verhindern. Dennoch solle sie sich, nach Braslavsky, politisch positionieren und „Ettersberg mit drin haben“. Ihre letzte Forderung: die finanzielle Unabhängigkeit von Literatur über einen gesellschaftlich geförderten Verlagsfond mit einem Teil des Rundfunkbeitrags.
Insgesamt 12.000 Euro er hielt Emma Braslavsky und einen Blumenstrauß, der ein Viertel so groß war wie der Strauß, hinter denen die drei Redner*innen Literatur lobten.


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