von Sebastian Baum

Vor über neun Jahren war ich in einem Möbelgeschäft in Jena und stand vor einem Wandschrank. Auf diesem Wandschrank schaute mich das Gesicht Ché Guevaras an. Das berühmte Portrait „Guerrillero Heroico“, ursprünglich ein Foto von Alberto Korda, später vom Künstler Jim Fitzpatrick verfremdet, das mir in meiner Schulzeit schon von den T-Shirts etlicher Mitschüler:innen entgegenblickte, das ich hunderte Male auf Buttons sah, dutzende Male als Aufkleber in verranzten Toilettenkabinen. Oft mit irgendeinem rebellischen Spruch versehen. „Viva la revolución“ oder so. Ich sah den Wandschrank, der teurer war als die meisten anderen Wandschränke in diesem Geschäft und mir war klar, dass vom Gesicht dieser historischen Person, ob man sie nun mag oder verabscheut, keinerlei tiefgründigere Message mehr ausgeht. Es wurde vereinnahmt und letztlich zu nichts anderem als einem Werbelogo, ähnlich dem gelben M von McDonalds oder den Streifen von Adidas.
Nichts verkauft sich im Kapitalismus so gut wie eine symbolische, bzw. rein auf ästhetischer Ebene stattfindende, Rebellion gegen den Kapitalismus. Die Situationisten, eine anarchistische Gruppe mit Ursprung in Frankreich um den Theoretiker Guy Debord, hatten dafür einen Begriff: die Rekuperation. Alles Rebellische wird früher oder später von dem System, gegen das es rebelliert, vereinnahmt, wodurch es seine subversiven Eigenschaften verliert. Ein Beispiel wären die Hippies, die eigentlich zunächst gegen Kapitalismus und Establishment protestierten, von sich behaupteten, dass sie eine Gegenwelt bilden wollen, nur um letztlich selbst entweder Teil des Establishments zu werden oder zu einer reinen Ästhetik zu verkommen, die man zum Fasching, auf Festivals oder auf Instagram findet. Ein nachhaltiger Style, der einst daraus bestand, alte Sachen zu tragen oder selbst herzustellen, ist mittlerweile teuer geworden und nicht mehr individuell. Gut zu sehen auch bei den Grünen, deren Mitglieder und Wählerschaft sich nun zum größten Teil aus den finanziell gut versorgten Akademiker:innenkreisen rekrutiert, sich Koalitionen mit der CDU um Friedrich Merz gut vorstellen kann, bzw. für eine Erhöhung des Wehretats eintritt und dabei die pazifistischen Wurzeln vergisst. Die Zeiten, in denen Joschka Fischer mit Turnschuhen im Bundestag die „alte BRD“ und vor allem die CDU in Angst und Schrecken versetzte, sind vorbei. Vielleicht war es auch damals schon nur Widerstand auf der Ebene der Ästhetik.
Diese Kritik der Situationisten galt übrigens nicht nur dem Kapitalismus. Auch dem Realsozialismus kann man vorwerfen, etwa Karl Marx und Friedrich Engels durch die massenhafte Zurschaustellung ihrer Antlitze zu leeren Symbolen degradiert zu haben. Und auch dort nutzte man Ché Guevara oder andere Revolutionäre, um in ihren starren Systemen, angeführt von alten männlichen „Betonköpfen“ die Ästhetik der Rebellion zu vereinnahmen.
Mit Adenauer gegen die Merkel-Ära
Auf politischer Ebene scheint in den letzten 10 bis 15 Jahren ein Wandel stattgefunden zu haben. Das Rebellische scheint immer gefragter bei immer größeren Wählerschaften zu sein, nicht nur bei der Jugend. Anders ist der Erfolg der AfD kaum zu erklären. Begonnen hat es aber bereits 2010 mit der Piratenpartei. Für eine kurze Zeit konnten sie bei der Sonntagsfrage erstaunliche Ergebnisse generieren, einfach nur, weil sie eine Alternative zum eingefahrenen politischen System der wiedervereinten BRD bilden konnten. Die Inhalte waren vielen dabei wohl egal, wichtiger war, dass die Piraten ihren Widerstand bereits im Namen trugen. Verfolgt man den Ästhetisierung des weiteren Werdegang der damaligen „Spitzenkandidaten“ ist man an die Hippies erinnert. Direkt auf den Niedergang der Piraten, der ebenso schnell eintrat wie ihr „Aufstieg“, folgte die AfD. Schon bei ihrer Gründung 2013 war sie eine Partei, die sich gegen den Zeitgeist stellte und vorgab eine Alternative zum Bestehenden zu bieten. Als Deutschland vom schwachen Euro immens profitierte und noch Exportweltmeister war, forderte sie die Rückkehr zur starken D-Mark, welche die Exporte gefährdet hätte. Nichts mehr als eine undurchdachte Trotzhaltung, aber sie machte die Partei zur Rebellion gegen das politische Establishment, gegen die damals schon zwei Legislaturperioden alte Merkel-BRD. Die rechteren Positionen wurden damals noch von PEGIDA vertreten, welche sich die Montagsdemos und den Ausspruch „Wir sind das Volk“ von der Widerstandsbewegung der späten DDR aneigneten, dabei aber gegen die imaginierte Islamisierung des Abendlandes und ähnliche Schreckgespenster protestierte. Eine Haltung, welche nach 2015 immer mehr von der AfD übernommen wurde.
In den darauffolgenden neun Jahren wurde Weihnachten zwar noch nicht abgeschafft und die Bratwurst nicht zwangsveganisiert, auch hielten die Corona-Maßnahmen kein Jahrzehnt an. Dennoch setzte sich der Rechtsruck weiter fort, sodass mittlerweile Teile der Partei als gesichert rechtsextrem eingestuft wurden. Die AfD fühlt sich in ihrer Rolle als Systemgegner sichtlich wohl, packt den Spruch: „Fast schon verboten gut!“ auf ihre Wahlplakate, wohlwissend, dass ein Parteiverbot sowieso kaum zu erwarten ist, die Debatte darum ihre Märtyrerrolle aber umso mehr stärkt. Was sie will, ist eine Rückkehr zum Alten, eine komische Mischung aus Konservativismus der Adenauer-Ära und Steuer- und Sozialpolitik der Reagan- und Thatcher-Zeit (Adenauers Lastenausgleich würde ihnen heute wohl eher sauer aufstoßen). Obwohl die Partei seit ihrer Gründung nie unter Verdacht stand, auf irgendeine Weise progressive Politik zu verfolgen, machte das Erstarken der Höcke-Fraktion ihre Zielsetzung noch rückwärtsgewandter als zuvor und verpasste ihr einen völkischen Anstrich.
Rebellische Kinder der Finanzkrise
In Amerika folgte auf die Finanzkrise 2008 eine Welle von Widerstandbewegungen, deren Protest meist auf einer ästhetischen Ebene blieb und das sowohl links als auch rechts. Bei Occupy Wallstreet ließ man auf linker Seite Dampf ab gegen die Bail-Outs in der Finanzbranche, hinterließ aber nicht mehr als einen verdreckten Zuccotti Park und ein paar Blueprints für horizontal organisierte Gesellschaften. Links-liberale und rechte Medien nutzten diese Unfähigkeit auf politischer Ebene aus, um den Widerstand der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein paar von ihnen fanden sich 2016 im Wahlkampf Bernie Sanders wieder, der selbst oft von einer politischen Revolution sprach, letztlich aber nur für ein wenig mehr Sozialstaat kämpfte. Im Rennen gegen Clinton zog er den Kürzeren, was dazu führte, dass die Revolution 2020 bereits im Keim erstickt wurde – und 2024 vergessen war.
Auf der rechten Seite hatte der Protest gegen die Finanzkrise länger währende Effekte. Er begann mit der Tea-Party Bewegung. Vom Namen her an die Boston Tea Party, also an den großen rebellischen Akt gegen die englische Monarchie, angelehnt, der die USA überhaupt erst schuf, war sie im Inhalt alles andere als rebellisch. Urkonservativ und contra Sozialstaat, verteufelten ihre Anhänger Präsident Obamas Ideen zur Reformierung des miserablen amerikanischen Gesundheitssystems als Kommunismus. Schon damals schloss sich eine wilde Mischung aus Wirtschaftslibertären und religiösen Rechten zusammen, die Jahre später auch unter dem Trump-Banner wieder vereint werden würde.
Trump baute bereits im Wahlkampf vor 2016, stärker aber noch 2024 auf einer Ästhetik des Widerstandes auf. Man könnte behaupten, den Wahlsieg konnte er immer nur dann erringen, wenn er in der Rolle des Herausforderers war. 2020 war er selbst das Establishment, konnte im Wahlkampf ja nicht auf sich selbst schimpfen, hat womöglich gerade deshalb gegen Biden verloren. 2024 war er aber wieder der vermeintliche „Underdog“, führte eine Liga der „Rebellen“ gegen das politische System Washingtons an, obwohl er es 4 Jahre zuvor selbst noch stellte. Dabei sind seine Reihen mit Personen gefüllt, deren politische Ansichten alles andere als rebellisch oder anti-elitär sind, sondern stockkonservativ und am Erhalt der Interessen reicher Eliten orientiert, eine Kontinuität der Tea-Party-Bewegung. Vor allem aber stehen sie auch hier für eine Politik, die an einem Großteil ihrer Wählerschaft vorbeigeht. Zu behaupten, dass alle Trumpwähler:inen zu dumm seien, dies zu verstehen, wäre zu einfach. Wahrscheinlicher ist, dass sie ihn wohlwissend trotzdem wählen, einfach um „dem Establishment“ eins auszuwischen. Der Attentatversuch war nur das i-Tüpfelchen auf einer ansonsten perfekt durchgeplanten Medienkampagne.
Als Tucker Carlson im Dezember 2023 Kevin Spacey in seiner Rolle als Frank Underwood (aus der Serie House of Cards) interviewte und die Frage stellte „Are you in your role or is this real?“ antwortete dieser mit der Gegenfrage „What is real, what is fictional?“ Weiter führte er aus, dass er es liebt, wenn das Fiktionale und das Reale verschwimmen, weil es dann erst interessant wird. Eine frühe Kampfansage für den Wahlkampf 2024. Gab sich der einstige Fox-News Moderator Carlson noch zuvor als Trump-Kritiker, stand er nun mit auf der Rednerliste des National Convents der Republikaner, um den Immobilienmillionär anzupreisen. Auf demselben Convent auf dem Wrestler Hulk Hogan Trump als amerikanischen Helden feierte und in seinen Reden ständig zwischen seiner Rolle als Wrestler und seiner realen Person, die eigentlich Terry Boleal heißt, wechselte – natürlich mit verschwimmenden Grenzen. Tucker Carlsons Aufnahme in den Wahlkampf war der endgültige Übergang zum ästhetischen Wahlkampf, der es 2016 bereits war, 2024 aber eine neue Qualität annahm. Trumps Verurteilungen und seine Rolle in den Geschehnissen vom 6. Januar 2021 kann man auch dann nur übersehen, wenn man aus blinder Rebellion allen Gerichtsurteilen per se misstraut.
Die US-Wahl ist nun schon einige Wochen her, Trump hat diesmal sogar mit einer Mehrzahl der Wählerstimmen gewonnen und im Gegensatz zu 2016/17 hat sich kein „#Resistance-Movement“ auf Twitter gebildet, kein Frauenmarsch angemeldet und die Schreie nach den Mueller-Reports, welche die russische Beeinflussung des US-Wahlkampfes zu Gunsten von Trump nachweisen sollten, sind verstummt. Sowohl auf ästhetischer, als auch „realer“ Ebene findet momentan kein Widerstand gegen den zweiten Amtsantritt Trumps, trotz dessen undemokratischen Androhungen, statt. Ist dies als Zeichen des Aufgebens zu deuten? Ein Rückzug ins Private? Oder ist es die Ruhe vor dem Sturm?