Vom “talk radio” zu Donald Trump
Das Phänomen Donald J. Trump. Die Erklärungsversuche für seinen Erfolg sind insbesondere in der deutschen Medien- und Politiklandschaft so vielfältig wie unbefriedigend. Was zu wenig beleuchtet wird, ist, dass Donald Trump kein Zufall ist, keine plötzliche unerklärbare Erscheinung. Vielmehr ist der ehemalige und zukünftige US-Präsident logischer Teil einer Kontinuität in der amerikanischen Rechten. Ein häufig unterschätzter Faktor ist dabei das politische „talk radio“ und dessen erfolgreichstes Gesicht: Rush Limbaugh.
von Jola Dicken

Dass die USA eine gespaltene Gesellschaft sind, stellt wohl niemand mehr in Frage. Wie es so weit kommen konnte, beschäftigt dabei nicht nur die Amerikaner selbst: Die Augen der Welt sind auf sie gerichtet. Das dumpfe Entsetzen, dass man auch hierzulande angesichts der Wiederwahl Trumps spürt, zeigt eine Blindheit, die die Entwicklung der republikanischen Partei seit den 90er Jahren verkennt und Trump als Überraschungsphänomen begreift. Der ehemalige Präsident Barack Obama hat diesen Zusammenhang schon früh erkannt: „Donald Trump is not an outlier; he is a culmination, a logical conclusion of the rhetoric and tactics of the Republican Party”, sagte er dem NewYorker kurz nach dem ersten Wahlsieg Trumps 2016.
In der Medienlandschaft der USA kann man den Beginn dieser Entwicklung spätestens in die späten 80er Jahre setzen, als das Ende der Fairness-Doktrin beschlossen wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1949, erließ die staatliche, aber unabhängige Aufsichtsbehörde Federal Communications Commission diese Doktrin. Sie sollte in einem nahezu unregulierten US-amerikanischen Mediensystem sicherstellen, dass Themen von öffentlichem Interesse ausgewogen und fair diskutiert werden. Ihr Einflussbereich und auch ihre Rechtmäßigkeit waren umstritten, aber sie war Ausdruck eines Bedürfnisses nach verlässlichen Informationsquellen und der Schaffung einer Institution, die über Balance und Faktentreue wachen sollte. Aus heutiger Sicht eine sehr kluge und nahezu prophetische Idee, wenn man sich die Bedeutung von Wahrheit im medialen Diskurs der USA im Jahr 2025 ansieht. Schlussendlich war die Doktrin dem politischen Gegenwind und dem Aufschwung neuer Medien nicht gewachsen und wurde unter Ronald Reagan abgeschafft.
Ein Medium, das nach dem Ende der Richtlinie einen besonders großen Aufschwung erlebte, war das politische „talk radio“. Die Sendungen wurden in der Regel von einem, meist konservativen, Host getragen, der mit seiner Persönlichkeit Ton und Format bestimmte. Häufig gab es auch die Möglichkeit für die Zuhörerschaft, ihre eigene Meinung in kurzen Anrufen zu äußern. Mit 15-20 Millionen wöchentlichen Zuhörenden markierte die Rush Limbaugh Show den Höhepunkt des „talk radios“, deren erste Show 1988 ausgestrahlt wurde und die bis zu Limbaughs Tod 2021 weiterlief. Das Konzept Limbaughs war dabei so simpel wie erfolgreich: Im Vordergrund stand die Unterhaltung der vorwiegend weißen, männlichen Zuhörerschaft im Stammtischstil. Seine Sendungen waren durchzogen von Rassismus, Misogynie und Homophobie. Verleumdung und Beleidigung Liberaler wurden zum Kavaliersdelikt. Beispielsweise bezeichnete er feministische Aktivistinnen als „feminazis“ und begann 2007 einen ‚Parodie-Song‘ mit dem Titel „Barack, the Magic Negro“ in seiner Sendung abzuspielen. Darin bezog er sich auf die hohen Zustimmungswerte Barack Obamas bei weißen Wählern. Nur zwei Beispiele von vielen, die aber eindrücklich zeigen, welchen Ton die Rush Limbaugh Show mitunter anschlug.
Limbaugh hatte als reichweitenstärkster Radio-Entertainer über drei Jahrzehnte einen enormen Einfluss auf die Medienlandschaft. So prägte er Diskurse und veränderte die politische Kultur in den USA nachhaltig. Er erreichte insbesondere republikanische Wählerschaft und präsentierte sich erfolgreich, wie Trump heute, als mutigen anti-elitären Wahrheitssager. Die Entwicklung der Vereinigten Staaten zu einer postfaktischen Gesellschaft, in der Verleumdungen der neue gute Ton und Wahrheiten vielfältig sind, wurden von ihm mitbegleitet und angeführt. Insbesondere aber war er Wegbereiter für die Erfolgsgeschichte Donald Trumps in der Republikanischen Partei und in der gesamten Nation.
Als am 05. November 2016 Trump das erste Mal zum Präsidenten gewählt wurde, verfiel die westliche Welt in eine Art Schockzustand. Dass eine so etablierte und erfahrene Politikerin wie Hillary Clinton gegen einen politisch unerfahrenen Reality-TV Star verlieren könnte, damit hatte niemand gerechnet.
Dabei wird eben viel zu oft nicht beachtet, wie Konservative und Rechte ab den 1990ern begonnen haben, die Medienlandschaft für sich einzunehmen, wofür Rush Limbaugh nur ein Beispiel ist. Der Aufstieg von FoxNews zum reichweitenstärksten Sender in den USA ist ein weiteres. Donald Trump ist kein Zufall – vielmehr ist er der Kulminationspunkt einer Entwicklung, die ihren Anfang in den 80er/90er Jahren nahm. Entertainer wie Rush Limbaugh etablierten Politik als Komödie, als unterkomplexes Unterhaltungsmodell, das den Gegner verachtete und Fakten zur Option, statt zur Pflicht werden ließ. Vor allem FoxNews trat in die Fußstapfen Limbaughs und inszeniert als wichtigstes konservatives Medium bis heute Politik als Theaterstück von Gut gegen Böse. Bis zu seinem Tod war Limbaugh gemeinsam mit FoxNews treuer Gefährte Trumps und beide Akteure dienten auf ihre Art und Weise als Megafon für bedingungslose Trump-Propaganda.
Donald Trump ist also lediglich der Zenit, oder die Spitze des Eisbergs einer postfaktischen Entwicklung des rechten Amerikas, unter dem angesichts seiner Politik fast satirischen Motto: „Make America Great Again“.