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Das Rudolstadt-Festival: Viel gute Musik und doch Taubheit gegenüber Antisemitismus

2 August 2022 No Comment

Das Rudolstadt-Festival wird von zwei antisemitistischen Fällen getrübt. Warum es möglich sein sollte, ein solches Festival ohne einschlägig antisemitische Konnotation stattfinden zu lassen – aber nicht ist.

anonym

Einmal im Jahr bricht die Kleinstadt Rudolstadt aus ihrer für Kleinstädte gewöhnlichen
Ereignislosigkeit aus, um für vier Tage zum Festivalgelände zu mutieren.
Nun findet nach zwei Jahren des schwer zu ertragenden Ausfalls das ehemals als Tanz-
und Folkfest bezeichnete – und nun ins weniger universalistisch aber dafür um einiges
unpopulärerer klingende Rudolstadt-Festival umbenannte Ereignis zum 30. Mal statt. Mit
jedem neuen Fest wird auch ein neuer Regionenschwerpunkt gesetzt, diesmal waren es
die Staaten Ex-Jugoslawiens.
Von Liedermachern über Blues bis zum ehemals namensgebendem Folk ist alles in
unterschiedlichsten Variationen gegeben. Die Entscheidung fällt schwer zwischen
Straßenmusikern, die überall in der Stadt verteilt auf Kleinbühnen oder am Wegesrand
musizieren und den Künstlern, die auf den insgesamt 13 größeren Bühnen spielen.
Glücklicherweise treten die Straßenmusiker mehrfach über das Wochenende verteilt auf,
sodass mit intensiver Vorbereitung, einschließlich des Anhörens der angekündigten
Künstler und des Erstellens eines individuellen Plans mithilfe des Programmhefts auch
fast allen Interessen nachgegangen werden kann. Natürlich kann diese Art des
Festivalbesuchs – bei dem ein Alleingang dringend empfohlen wird – in unterschiedlichen
Intensitätsgraden bestritten werden. Die andere Alternative ist das konsequente
Treibenlassen, das darin besteht, einfach den durch die Straßen schallenden, gefälligen
Klängen bis zum Künstler zu folgen und dort zu verweilen. Hier läuft man natürlich Gefahr,
in eine Spirale des Zuspätkommens hineinzugeraten, also nur die letzten Töne einer Band
zu erhaschen, von der man eigentlich gern ein ganzes Konzert miterlebt hätte.
Das Nahrungsangebot bietet für mitunter stolze Preise die üblichen Verdächtigen wie
Crêpe, Lángos und Kartoffeln in allen Variationen, hin und wieder findet sich auch ein
ayurvedischer Stand. Für Getränke ist ebenfalls gesorgt und die ein oder andere
Geruchsnote, die durch den leichten Wind an einen herangetragen wird, lässt auch auf
Genussmittel anderer Art schließen.
Dennoch trübten zwei Fälle das Wochenende: Es muss doch möglich sein, ein solches
Festival ohne einschlägig antisemitische Konnotation stattfinden zu lassen. Zum Ersten
geht es um die Band 47 Soul, deren Antizionismus mindestens genauso beißend, wie ihre
Musik mitreißend ist. Nicht nur ihr Name stellt eine bewusste Glorifizierung der Jahre vor
der Gründung Israels dar, in einem Interview mit der taz aus dem Jahre 2018 zieht die
Band Vergleiche zwischen Israel und dem NS-Regime, verunglimpfen Israel als

Aparthheitsstaat und kolonialistisches Projekt und sprechen ihm die Existenzberechtigung
ab. Die Band wünscht sich hingegen ein Großsyrien, in dem sie endlich vor der – man
lasse sich das Wort und seine Bedeutung auf der Zunge zergehen – autochthonen
Bevölkerung ungestört auftreten kann (https://taz.de/Muessen-Sie-das-wissen/!
5491800/). Im Programm des Festivals werden diese israelfeindlichen Positionen so
verhandelt: “Gesungen wird auf Arabisch und Englisch, und das über durchaus relevante
Themen: Flucht und Vertreibung, die Freiheit Palästinas, die bittere Realität nach dem
„Arabischen Frühling“: Zu der Musik von 47Soul soll das Publikum ausgelassen tanzen,
sich aber auch daran erinnern, was in der Welt passiert” (https://www.rudolstadt-
festival.de/programm/konzert/artist/id-47-soul.html). Aha, Israeldämonisierung zu gut
tanzbaren Beats. Im Vorhinein gab es Protest von mehreren Seiten, einmal von der
Sprecherin für Antifaschismus und Antirassismus der Fraktion DIE LINKE im Thüringer
Landtag Katharina König-Preuß und dem Rudolstädter Mario Möller, der einen offenen
Brief an die Veranstalter schickte. Beides blieb ohne Konsequenzen, der Auftritt fand wie
geplant statt und die israelfeindliche Positionierung wurde auch in der An- und
Abmoderation effektiv beschwiegen.
Der andere Fall ist die Auszeichnung des Journalisten Christoph Dieckmann mit dem
RUTH-Musikpreis; ein Preis, den das Rudolstadt-Festival für besonderen Einsatz für Welt-
und Folkmusik vergibt. Hier war es offenbar kein Hindernis, dass Dieckmann im Jahre
2001 in der Zeit zum Anlass des 9. Novembers und nach einem Besuch in Auschwitz die
Juden selbst für den antisemitischen Wahn, von dem sie bedroht sind, verantwortlich
macht, die vermeintliche Exklusivität des Judentums anprangert und davon gleich auf die
mörderische Politik Israels schließt, um dann festzuhalten, dass ‘blinde Parteigängerei für
Israel’ unvertretbar ist (https://www.zeit.de/2001/46/Gottesvolk_und_Kriegstrompeten).
Gerade ein Musikfestival mit dem Schwerpunkt Weltmusik ist mal wieder eine gute
Gelegenheit, sich ein ganzes Wochenende westlicher Zivilisationsmüdigkeit und damit
einhergehender antisemitisch aufgeladener Modernitätsfeindlichkeit hinzugeben, umso
aufmerksamer hätte die Auswahl der Musiker und Preisträger vorgenommen werden
müssen.Die Ignoranz (oder schlimmstenfalls sogar Befürwortung) der Veranstalter
gegenüber isrealbezogenem Antisemitismus ist gerade wenige Wochen nach dem Eklat
um eben dieser Ideologie zuzurechnenden Kunstwerke auf der Documenta 15 nicht zu
entschuldigen und wirft einen Schatten über die gesamte Veranstaltung.

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