Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts liegt hinter uns. Mannigfaltige Krisen haben sich herausgebildet. Mediale Diskurse und sich potenzierende Gewaltspiralen weisen deutliche Symptome vielfältiger Katastrophenzustände auf. Immer mehr Menschen geben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft auf. Versuchen wir statt klaren Antworten zuerst eine Perspektive des Nachdenkens zu finden, die viele Dimensionen verbindet: gesellschaftliche, individuelle, geistige und planetare.
von Max Pellny
Meistens werden uns unsere Privilegien und Annehmlichkeiten erst bewusst, wenn sie bedroht sind, sich auflösen oder bereits verschwunden sind. Dass das Wasser aus der Jenaer Leitung trinkbar ist, schätzt man nacheinem Aufenthalt in Frankreich oder Italien besonders. Im umgekehrten Vergleich: Dass die Eisenbahn ein zuverlässiges Transportmittel sein kann, ist in jedem europäischen Nachbarland eine Selbstverständlichkeit. Es geht auch anders.
Die Aufbruchstimmung der 1990er Jahre, als eine friedlichere Welt greifbarer schien als jemals zuvor, ist vorbei. Das Wort der aktuellen Stunde heißt: Polykrise.
Es gibt so viele Krisen, dass ich mich nicht entscheiden kann, was meine Lieblingskrise ist: Populismus, gesellschaftliche Spaltung, marode Infrastruktur, nie endende Großbaustellen, schimmelnde Schulgebäude, Bürokratie, politische und religiöse Extreme, soziale
Ungerechtigkeit, Umweltkatastrophen, Mikroplastik, PFAS, Pandemie, Antibiotikaresistenz, Krebs, Hunger und Durst, Flucht, Organisierte Kriminalität, Menschenhandel, Drogenmissbrauch, überforderte Justizbehörden, Inflation, steigende Lebenserhaltungskosten, Fachkräftemangel, Künstliche Intelligenzen, Drohnen, atomares Säbelrasseln, Terrorismus, Ressourcenknappheit und Krieg. Etwas ist grundlegend in Schieflage geraten. Ist es das wirklich? Oder spüren wir die Missstände der Welt unmittelbarer, weil sie uns persönlich zu betreffen drohen?
Das Politlexikon der Bundeszentrale für politische Bildung versteht unter Krise eine „massive Störung des gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Systems, die über einen längeren Zeitraum andauert.“ Den Begriff Polykrise kennt es leider nicht. Auch die
Dudensuchmaschine fragt nur: „Meinten sie Golfkrise, Polykorie oder Polykrates?“. Diesbezüglich scheint man in der Anglosphäre etwas weiter zu sein. Das Cambridge Dictionary definiert Polykrise als „eine Zeit großer Uneinigkeit, Verwirrung und Leidens, die
durch viele verschiedene Probleme verursacht wird, die gleichzeitig auftreten und gemeinsam eine sehr große Wirkung haben.“ Halten wir den Ernst der Lage fest: Wir haben es mit gleichzeitigen Störungen zu tun, die sich gegenseitig verstärken und verschiedene Ursachen haben.
Zum ersten Mal brachte 2015 Jean-Claude Juncker, der ehemalige Präsident der EU-Kommission, den Begriff Polykrise in den politisch-sozialen Diskurs, um das Phänomen sich potenzierender Einzelkrisen zu beschreiben. Juncker beschrieb die Situation der EU 2015 im Schatten des Syrienkonflikts, der Situation in Griechenland, dem Konflikt in der Ukraine, der Krise der Eurozone, dem Brexit und Trump. Hierfür bediente er sich bei Edgar Morin, einem französischen Theoretiker der Komplexität. Polykrise ist also ursprünglich ein Terminus aus der Komplexitätstheorie der 1960er und 1970er Jahre – eine Zeit, in der neuartig erscheinende Umwelt und Staatskrisen theoretisch diagnostiziert wurden.
Um sich der aktuellen Polykrise analytisch zu nähern, benötigen wir das ganz große Besteck. Globale Zusammenhänge und nationale Dependenzen müssen genauso in den Blick genommen werden, wie es einer mikroskopischen Perspektive einzelner Fallbeispiele bedarf. Um die aktuelle Verfasstheit der Welt zu verstehen, muss die „longue durée“ betrachtet werden, damit die Entwicklung der aktuellen Zustände begriffen und befriedigend auf die drängendste Frage aller Zeiten geantwortet werden kann: „Was wird aus uns?“
Diese Frage muss sich auch die SPD gestellt haben, als sie 2022 den britischen Wirtschafts-Historiker Adam Tooze ins Willy-Brandt-Haus einlud. Tooze hielt einen Vortrag mit dem Titel „Zeitenwende oder Polykrise? Das Modell Deutschland auf dem Prüfstand“ und stellte Scholz‘ im Februar 2022 „hastig ausgerufene Zeitwende“ der Habermas‘schen Theorie des Deutschen Sonderwegs entgegen, um zur Diagnose zu kommen, dass die aktuellen Krisenentwicklungen kein singulär deutsches Phänomen sind, sondern der Eintrittin eine Krisenzeit der Globalisierung – ein globales Zeitalter der Polykrise. Global, national und regional. „Die Krise der Globalisierung gestaltet sich heterogen. In ihr überschneiden sich Kriege, geopolitische Spannungen, die Klimakrise, eine Pandemie wie auch massive Spannungen im Weltwirtschaftssystem.“
Dass die Globalisierung viele Krisenzustände zeitigt, bemerkte auch schon Edgar Morin, der Vater des Begriffs Polykrise: „Die Globalisierung erzeugt nicht nur ihre eigene Krise, ihr Dynamismus ruft auch vielfache und verschiedenartige Krisen auf planetarer Ebene hervor.“
Da wären zuerst die Auswüchse der Ökonomie, eine Maschine, die den Weltenkreis mit Geldmengen überschwemmt und die Casinomentalität der Banken fördert. Selbst Alan Greenspan, der frühere Chef der amerikanischen Notenbank, gesteht in seinem 2007 publizierten Buch, noch vor der Finanzkrise 2008, dass die Finanzwelt ein trunkenes Schiff geworden sei, die abgekoppelt von den produktiven Wirklichkeiten existiere. Laut Oxfam-Bericht zur sozialen Ungleichheit 2024 haben die fünf reichsten Männer der Welt ihr Vermögen in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Es wuchs damit dreimal so schnell wie die Inflationsrate.
Die zweite wesentliche Krise sei die ökologische. Durch die stetige Verschlechterung der Biosphäre, rufe diese wiederum neue politische, soziale und wirtschaftliche Krisen hervor. Während in westlichen Gesellschaften, in der Regel die Profiteure der Globalisierung, die Bevölkerung sinke und in ärmeren Ländern, häufig die Verlierer der Globalisierung, die Bevölkerung wachse, breite sich die demografische Krise durch Migrationsströme weiter aus. Dies befeuere die urbane Krise in umweltbelasteten und umweltbelastenden Megastädten, in denen riesige Armen-Ghettos anwachsen, während sich die Reichen in eigenen Ghettos einmauern. Und Morin geht noch weiter: Der ländliche Raum veröde zunehmend, nicht nur durch den Zuzug in die Städte, sondern auch durch die industriellen Monokulturen, Pestizide und Hormone. Diese Komplexität der Probleme verschlimmere die Krise des Politischen zunehmend, da die politischen Akteure unfähig seien, die Vielschichtigkeit und das Ausmaß des Neuen zu denken. Diese Unfähigkeit attestiert er auch den Religionen, die im Zuge stetiger Verweltlichung, hin- und hergerissen zwischen Modernismus und Fundamentalismus sowie internen Konflikten und rivalisierender Kulte, ihren vermeintlichen Prinzipien universeller Brüderlichkeit weniger denn je gerecht werden könnten. Vielmehr zögen sie weltliche Einrichtungen in ihre Konflikte hinein und berauben sie so ihrer Wirkmächtigkeit. „Der universalistische Humanismus zerfällt in nationale und religiöse Identitäten, während er noch nicht zu einem planetarischen Humanismus geworden ist, der die unlösbare Bindung zwischen menschlicher Einheit und Verschiedenheit respektiert.“
Ausgehend vom krisengebeutelten Mediendiskurs dieser Tage lassen sich in der Bundesrepublik Deutschland zwei Panik-Pole im Konjunktiv beobachten: Während die einen aus einem überbordenden Moralismus heraus die Konsequenzen der Polykrise negieren und ideologisch verbohrte Entscheidungen träfen, würden die anderen versuchen, die aufsteigenden Ängste für ihre persönlichen machtpolitischen Ambitionen fruchtbar zu machen. Die träumerischen Überzeugungen wohlsituierter Elitenträger hielten diese von notwendigen Entscheidungen ab. Die Wahlerfolge der blauen Partei seien die Konsequenz dieser Politik, die Krisenzustände nur verwalte und nicht erkenntlich im Sinne des Gemeinwohls handele, so der häufig geäußerte Vorwurf.
Die „Mächtigen“ in Berlin wälzen die Umsetzung ihrer Entscheidungen auf die Länder und Kommunen ab. Zankerei, politischer Klüngel und realitätsferne Ansprüche bar jeder Vernunft, seien der Grund für den voranschreitenden Vertrauensverlust in die etablierten
Parteien.
Wer haltlos umherirrt, sucht nach einer festen Hand, die Sicherheit bietet. 16 Jahre Merkel-Ära zeigen das tiefe Bedürfnis der Menschen nach Beständigkeit – wie erklärt man sonst die viermalige Wiederwahl von „Teflon-Merkel“? Mit Charisma und politischer Innovation wohl kaum. Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist. Gewissheit ist das wesentliche Bedürfnis
des Großteils aller Individuen und das ist verständlich.
Beständige Gewissheiten: eine florierende Wirtschaft, kontinuierliche Wahlergebnisse,
günstige Energieversorgung und eine dauerhafte Friedensordnung sind heute weggebrochen. Diese unbestreitbare Tatsache zeitigt nahezu alle Symptome des
gesellschaftlichen Klimas in Deutschland und seiner Nachbarstaaten – nach Tooze auch global. Die Folge ist das immer heftigere Infragestellen des aktuellen politischen Systems: die Legitimationskrise. Es bleibt abzuwarten, ob Berlin, wie Adam Tooze es 2022 im
Willy-Brandt-Haus ausdrückte, „das Donnern der Weltgeschichte gehört hat oder nicht.“