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Von Wien über Berlin nach Hollywood

4 Mai 2015 No Comment

Fritz Lang im Jahr 1969 (Foto: Joost Evers / Anefo)

Fritz Lang im Jahr 1969 (Foto: Joost Evers / Anefo)

Über vier Jahrzehnte prägte Fritz Lang das internationale Kino mit aufregenden und bildgewaltigen Filmen über den Kampf des Individuums gegen das Schicksal. Der Filmwissenschaftler Norbert Grob zeichnet Leben und Werk der Regielegende nach.

von David

„Die dritte Kuh von rechts bitte etwas nach links bewegen!“, soll Fritz Lang einen Assistenten beim Dreh von The Return Of Frank James angewiesen haben. Im Hollywood der 1940er Jahre galt diese legendäre Regieanweisung als Symbol europäischer Detailbesessenheit: Ein Wiener mit preußischem Auftreten und starkem deutschen Akzent versuchte sich kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs am amerikanischsten aller Filmgenres, dem Western. Den Weg Langs vom Architektensohn zur Gallionsfigur des deutschen Stummfilms und später zum legendären Hollywood-Regisseur zeichnet Filmwissenschaftler Norbert Grob nach.
Lang begann seine Karriere als Schauspieler an Wiener Theatern. Dort entdeckte ihn der Filmproduzent Erich Pommer und lud ihn nach Berlin ein, um in Filmstudios als Assistent und schließlich als Regisseur zu arbeiten. Langs Renommee formierte sich mit Der müde Tod (1921), in dem eine junge Frau von der melancholischen Titelfigur die Chance erhält, ihren verstorbenen Verlobten wieder zum Leben zu erwecken. Eine Auflehnung gegen ein scheinbar besiegeltes Schicksal, getragen in düsteren, expressionistischen Bildern: der erste archetypische Fritz-Lang-Film. Dieser Erfolg öffnete ihm die Tür zu aufwendigeren Filmen, die das Kino erneuerten. Metropolis (1927) war ein Prototyp des dystopischen Science-Fiction-Films, dessen Einfluss bis zu Star Wars und Matrix spürbar ist. Ein Jahr später erschuf Lang mit Spione eine Blaupause für den Agenten-Actionfilm à la James Bond. Langs letzter Stummfilm Frau im Mond erfand gar das uns heute geläufige Konzept des Countdowns. Als der Ton den Film tiefgreifend veränderte, revolutionierte Lang in M (1931) die Nutzung von Filmton und Tonmontage als Gestaltungselement: Unvergesslich ist der Kindermörder mit seiner gepfiffenen Erkennungsmelodie.
Nach der Machtergreifung der Nazis, die Das Testament des Dr. Mabuse verboten, wurde Lang in die USA eingeladen: „Deutschlands Verlust ist Amerikas Gewinn“, so ein Hollywood-Produzent über den Wiener. Sehr schnell lernte Lang, auf Englisch zu lesen, arbeiten, schreiben, denken und integrierte sich rasch in den Arbeitsalltag Hollywoods. „Ich habe Dinge gesehen, die ein Fremder besser sieht als der Einheimische“, resümierte der Exilant später sein Leben in den USA. Statt brillanter Helden und Superschurken in bombastischen Settings inszenierte Lang nun die Seelenräume durchschnittlicher Bürger: amerikanische Geschichten mit kleinen Budgets in „deutscher“, expressionistischer Ästhetik – Erzählungen, so Lang, von der „Tragik eines Menschen, der um seine Zukunft ringt, aber keine Gegenwart findet, da ihm seine Vergangenheit im Weg steht“. Eine treffende Definition des einflussreichen Film-noir-Stils, den Lang mehr als jeder andere Filmemacher prägte: vom Kampf eines Unschuldigen gegen einen Lynchmob in Fury (1936) bis zur Verwandlung eines schüchternen Biedermanns zum Mörder in Scarlet Street (1945).
Deutschland und Europa blieben dennoch Bezugspunkte im Werk des Regisseurs: die Anti-Nazi-Thriller Man Hunt, Hangmen Also Die!, Ministry Of Fear sowie Cloak & Dagger, gedreht zwischen 1941 und 1946, zeugen von der Wandlung des apolitischen Beobachters in Deutschland zum Antifaschisten in den USA – sein vielfältiges Engagement in Anti-Nazi-Vereinen und zur Unterstützung europäischer Emigranten, so Grob, zog von 1938 bis zu seinem Tod 1976 die Überwachung durch das FBI wegen „premature anti-fascism“ nach sich. In Deutschland wurde der Regisseur indessen praktisch „vergessen“ und der Kanonisierung des 1920er-Langs steht ein Ignorieren des Post-1933-Langs gegenüber – bis heute. Seine Rückkehr nach Deutschland Ende der 1950er Jahre verlief unglücklich, seine Indien-Filme Der Tiger von Eschnapur und Das indische Grabmal (1959) wurden als „Schund und Kitsch“ verlacht, in Frankreich jedoch als Meisterwerke gefeiert. Filmkritiker wie Jean-Luc Godard, François Truffaut und Claude Chabrol, die späteren Erneuerer der „nouvelle vague“, huldigten Lang besonders für seine US-Filme der 1940er und 1950er Jahre. Dies veranlasste den Exilkünstler zu der Aussage, seine Heimat sei „da, wo meine Kinder leben – in der cinémathèque française.“
Mit seiner Biografie wird Norbert Grob Fritz Lang keine Heimat in Deutschland mehr zurückgeben, aber vielleicht zumindest die Perspektiven der hiesigen Lang-Rezeption etwas erweitern können.

Norbert Grob:
Fritz Lang. Die Biographie
Propyläen 2014
447 Seiten
26,00 €

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