Home » Leitartikel, WortArt

Rezension: Satire (nicht nur) für Stalin

12 April 2016 No Comment

Kolokolamsk und andere unglaubliche Geschichten vereint kurze Werke des sowjetischen Autorenduos Ilf und Petrow. Stalinistische Attacken gegen Vertreter einer gemäßigten Wirtschaftspolitik vermischen sich mit grotesken und fantastischen Elementen.

von David

Ein biederer Beamter wird durch Zufall unsichtbar und avanciert dadurch zum Stadthelden, der für Recht und Ordnung sorgt: Das ist nicht die Idee für einen neuen Superheldenfilm, sondern ein Stück Satire aus der Sowjetunion der Stalin-Ära. In einem repressiven Staat, der vor allem mit massenhaftem Terror assoziiert wird, scheint dies undenkbar zu sein. Doch der kämpferische und verlustreiche Weg in den Kommunismus sollte auch mithilfe des Lachens begangen werden – und niemand steht dafür so sehr wie das Autorenduo Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, die erfolgreichsten sowjetischen Satiriker der 1920er Jahre.
Zu Ruhm gelangten die beiden aus Odessa stammenden Autoren mit den Abenteuern des Ganoven Ostap Bender, der in den beiden Romanen Die zwölf Stühle (1928) und Das goldene Kalb (1931) versucht, zu Reichtum zu kommen. Der Berliner Verlag Die Andere Bibliothek, der schon den zweiten Teil der Ostap-Bender-Abenteuer veröffentlicht hat, versammelt in Kolokolamsk und andere unglaubliche Geschichten einige unbekanntere Werke des sowjetischen Duos in einem hochwertig gebundenen Band.
Die vielen Kurzgeschichten erlauben einen interessanten Einblick in ihre widersprüchliche Entstehungszeit. Ilf und Petrow begannen ihre Karriere während der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) in den 1920er Jahren. Damals wurden marktwirtschaftliche Strukturen in begrenztem Ausmaße wieder eingeführt und regimeferne, ‚bürgerliche‘ Fachkräfte als Experten in Verwaltung und Wirtschaft toleriert. Mit der stalinistischen Wende 1928 begannen massive Attacken auf Unternehmer, Händler und Beamte, die nicht sowjetisch genug waren – und nun als betrügerische Ganoven oder usurpatorische Bürokraten galten. Diese so genannten „NEP-Männer“ bevölkern die Geschichten Ilfs und Petrows: Dank der Stabilität des Sowjetstaates können sie keinen großen Schaden anrichten oder gehen an ihrer eigenen Tollpatschigkeit zugrunde. So handelt etwa die Geschichte vom Genossen Portischtschew von einem vermeintlichen Kommunisten armer bäuerlicher Herkunft, der am Wochenende in sein Heimatdorf pendelt – um für je zwei Tage wieder seine alte Rolle als Großgrundbesitzer einzunehmen. In „Awksenti Filosopulo“ eilt hingegen ein Funktionär von einer Sitzung zur nächsten, um sich beim jeweiligen Buffet den Bauch vollzuschlagen. Nachdem er auf einer Sitzung zum Thema Industrieausschuss eines der Demonstrationsobjekte isst – eine verdorbene Wurst – stirbt er „unter schrecklichen Qualen“.
Ilf und Petrow zeigen sich nicht nur als ambivalente Speerspitze stalinistischer Satire, sondern stehen zugleich auch in der Tradition der russischen Groteske und Fantastik im Geiste Alexander Puschkins und Nikolai Gogols. Wenn in einer der Kurzgeschichten ein typischer „NEP-Mann“ einem naiven Schuster für ein Glas Wodka und einen Teller Gemüsesuppe dessen proletarische Herkunft „abkauft“, bemerkt der Kenner der klassischen russischen Literatur eine Anspielung auf Gogols Tote Seelen, in denen ein Betrüger Gutsbesitzern tote Leibeigene abkauft. Eine Erklärung solcher literarischer Querverweise, der Bedeutung von Wortspielen in Namen sowie eine Einordnung der Texte in die frühsowjetische Geschichte fehlen im Band Kolokolamsk und andere unglaubliche Geschichten leider komplett – was den Zugang zu ihnen für Laien stark erschweren könnte.
Ilfs und Petrows satirische Attacken auf die „NEP-Männer“ und ihr Rückgriff auf russische Groteske und Fantastik verschränken sich vollendet in der langen Erzählung „Eine Lichtgestalt“: Der Beamte der Abteilung Stadtverschönerung Jegor Karlowitsch Filjurin wird unsichtbar, als er die Antisommersprossen-Seife eines verrückten Erfinders nutzt. Durch seine Entkörperlichung wird Filjurin zum respektierten „Genossen Unsichtbar“. Da er überall sein könnte, verhalten sich nachlässige und schluderige Beamte verunsichert, während die Stadtverwaltung ihm ein Denkmal widmen möchte. Doch wie gestaltet man ein sozialistisches Denkmal für einen Unsichtbaren? Ilf und Petrow finden für die verzwickte Situation aberwitzige und unerwartete Auflösungen.

Ilja Ilf / Jewgeni Petrow:
Kolokolamsk und andere unglaubliche Geschichten
Die Andere Bibliothek 2015
331 Seiten
42,00 €

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Baguette, Rotwein – und Stalin Der Tod Stalins vor genau 60 Jahren legte in der Sowjetunion wie auch im restlichen Ostblock den Weg frei für umfassende Reformen. Vor dem Hintergrund dieses „Tauwetters“ schrieb ein französischer Schriftsteller 1957 von einer skurrilen und äußerst witzigen (fiktiven) sowjetisch-französischen...
  2. Rezension: Ein Schneider aus Homel auf Abwegen Ein redseliger jüdischer Schneider aus der UdSSR reist durch das Europa der 1920er Jahre. Die Andere Bibliothek veröffentlicht Ilja Ehrenburgs frühen Roman Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz in der deutschen Erstübersetzung von 1928. von David „Wie ein Fuchs,...
  3. Rezension: Ludwig vs. Louis Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland, hat seinen ersten Roman verfasst: Süß und ehrenvoll. Er handelt vom Schicksal eines deutschen und eines französischen Juden im Ersten Weltkrieg. von David Zehntausende jüdische Soldaten haben im Ersten Weltkrieg für ihr...
  4. Rezension: „Nicht der Roman ist tot, sondern der Leser“ Der Literaturnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Imre Kertész hat sein Leben lang Tagebuch geführt. Die Aufzeichnungen aus den Jahren 2001 bis 2009 sind nun in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen. von David Literatur produziert beim Leser oft ganz unwillkürlich Bilder im...
  5. Rezension: Irgendwo da draußen ist immer ein Job für Super-Karl! Fünf Jahre nach Abschluss der Frank Lehmann-Trilogie schreibt Sven Regener den „Spin-off“-Roman Magical Mystery, in dem er sich der wichtigsten Nebenfigur aus Herr Lehmann widmet: Karl Schmidt. von David Am 9. November 1989 fällt die Mauer – und Karl Schmidt...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>