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Portrait: Surprise from Britain Über einen nur auf den ersten Blick “typischen” Engländer

12 Februar 2009 No Comment

von Chrime

“To send someone to Coventry”, so lautet eine beliebte englische Redewendung. Sie bedeutet in etwa soviel wie “jemanden links liegen lassen”. Im Fall des hier vorgestellten jungen Mannes verhält es sich jedoch genau umgekehrt. Er kommt aus Coventry und darf sich gewiss sein, nicht links liegen gelassen zu werden. Denn Cameron McNiff, der in der Industriestadt in den West Midlands geboren wurde und an der University of Hull im Nordosten Englands studiert, ist ein sympathischer und facettenreicher junger Brite.
Auf den ersten Blick wirkt Cameron wie eine weniger bullige Ausgabe von Englands Fußballstar Wayne Rooney. Mit ihm gemein hat Cameron die Faszination für das Spiel mit dem runden Leder. Früher war er Dauerkartenbesitzer seines Heimatvereins Coventry City. Seine Euphorie lässt sich besonders an einem kurzen Clip in seinem Profil bei Facebook ablesen: Dort jubelt der 20-jährige zusammen mit einigen Freunden im Stadion der Universitätsstadt Hullder Mannschaft Hull City zu, die im vergangenen Jahr in die Premier League aufstiegen.
Ein Aufsteiger könnte auch aus Cameron werden. Stolz trägt er bei unserem Gespräch den braunen Kapuzensweater seiner Universität. Trotz des exzellenten Rufs der University of Warwick in Coventry hat er sich wegen des besseren Sprachangebots für ein Studium an der University of Hull entschieden.
Die Tatsache, dass er das Interview ohne größere Probleme auf Deutsch führen kann, gibt Auskunft über eines seiner Studienfächer – das andere ist Französisch. Zudem lernt er noch Spanisch, denn Sprachen “sind in der heutigen Gesellschaft wichtig, um Kriege und Krisen zu lösen”, meint Cameron. In Jena konzentriert er sich daher ganz auf die Verbesserung seiner (eigentlich schon hervorragenden) Deutsch-Kenntnisse und studiert DaF.
Dass Cameron noch einiges mehr drauf und viele Interessen hat, zeigen seine Club-Mitgliedschaften in Hull – er ist im Rugby-, im Theater-, im Deutschen und im Französischen Club angemeldet. Außerdem betreibt er Leichtathletik und schwimmt, geht gern in den Berge wandern (u.a. war er schon in den peruanischen Anden) und liest zur Zeit viel über afrikanische Geschichte, weshalb er plant, im nächsten Jahr nach Afrika zu reisen.
An Jena gefallen Cameron – das dürfte die Unileitung und die Stadtverantwortlichen freuen – besonders die kurzen Wege und das öffentliche Verkehrsnetz, das besser als in den meisten englischen Städten sei. In Jena gäbe es einfach “alles, was man braucht.” Die Neugier auf das charakteristisch Deutsche hat ihn trotz aller Vorurteile in seiner Heimat dazu veranlasst, sich hier einen auf ein halbes Jahr begrenzten Lebensmittelpunkt zu suchen. Enttäuscht wurde Cameron keineswegs: Die Deutschen seien sehr freundlich und stünden ihm bei Problemen zur Seite. Auch ins Umfeld der Erasmus-Studenten hat sich Cameron schnell eingelebt. Viele Klischees über Russen, Engländer und Franzosen haben seitdem keine Bedeutung mehr für ihn. Nur ein interkultureller Erfahrungswert bereitet ihm wirklich Probleme: Für das überzeugte Labour Party-Mitglied (“nicht New Labour!”) ist es unverständlich, warum die vielen chinesischen Studenten in Jena so wenig Interesse an Politik haben und die Verantwortung einfach der Regierung überlassen.
Cameron plädiert für Realismus in der Politik und ist der Meinung, dass mit “kleinen Schritten” bzw. der richtigen „Balance” einiges verändert werden kann. Problematisch findet er die fehlende Anerkennung, die Politikern trotz ihres hohen Engagements von großen Teilen der Bevölkerung zuteil wird. Die Bürger würden selbst winzige Privatprobleme auf Politiker abwälzen, was eine produktive Arbeitsweise hemme. Im letzten Sommer arbeitete er im Büro eines Lokalpolitikers, kennt also auch die andere Seite.
Selbstironisch beschreibt sich Cameron auf Facebook mit folgendem Zitat, frei nach Oscar Wilde: „Cameron McNiff is an excellent man. He has no enemies and none of his friends like him.” Zumindest dem ersten Teil stimme ich nach unserem Gespräch zu.

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