Nah am Wasser gebaut
St. Petersburg im Blick

von Frank

Eröffnet man seinen Mitmenschen, dass man einen Trip nach St. Petersburg vor sich hat, mögen dem Reiselustigen unterschiedliche Reaktionen begegnen. Vor der so fremdartigen russischen Mentalität wird man eventuell gewarnt; von anderer Seite hört man hingegen, dass es eine sehr westliche Stadt sei. Tatsächlich ist die Metropole an der Newa nichts so sehr wie ambivalent. Ohne Zweifel hat “der Westen” hier längst Einzug gehalten, was dem Betrachter vielleicht manches Stirnrunzeln oder Schmunzeln abverlangen kann, aber der zu Tage tretenden ur-russischen Art der nördlichsten Millionenstadt der Welt kaum Abbruch tut.

Deutlich offenbart das Stadtbild die bewegte Geschichte St. Petersburgs. Alles begann mit der Grundsteinlegung der Peter- und Paul-Festung am 16. Mai 1703, die heute eines der vielen touristischen Highlights bildet. Das umliegende Stadtgebiet wurde auf insgesamt 44 Inseln errichtet, die durch unzählige Brücken verbunden sind. Die scheinbar allgegenwärtigen Wasserwege lassen den Vergleich mit Venedig naheliegend erscheinen – tatsächlich wurde die Stadt allerdings nach dem Vorbild Amsterdams konzipiert.

Was für‘s Auge…
Eine Fahrt auf der Newa und ihren Kanälen sollte man sich nicht entgehen lassen, wenn man in kurzer Zeit möglichst viele Sehenswürdigkeiten zumindest von außen bestaunen will. Ein Gebäude, das dabei sofort ins Auge springt, ist die Isaakskathedrale mit ihrer gewaltigen Goldkuppel – stolze 26 Meter Durchmesser machen die Kathedrale zum drittgrößten sakralen Kuppelbau der Welt. Ein nicht minder auffälliges Gotteshaus im Stadtbild ist die farbenprächtig verzierte Christi-Auferstehungskirche am Gribojedow-Kanal: sie ist das einzige Gotteshaus der Stadt mit den charakteristischen russischen “Zwiebeltürmen” und mit bunten Mosaiken sowie haufenweise Gold dekoriert. Aber auch andere Religionen haben ihren Platz: neben einer Synagoge beherbergt St. Petersburg die nördlichste Moschee der Welt.
Wer kulturell auf seine Kosten kommen will, hat es in St. Petersburg schwer – sich zu entscheiden. Die Museen sind nicht nur zahlreich, sondern oft auch so groß, dass man sich einige Stunden pro Besuch Zeit nehmen sollte, um die umfangreichen Sammlungen nicht im Laufschritt erkunden zu müssen. Dazu kommt, dass das durchschnittliche Museum in Russlands Norden zwischen 16 und 17 Uhr schließt und nicht vor 10 Uhr öffnet. Die Zeit will also wohl verteilt sein, man muss Prioritäten setzen. Mein Geheimtipp: eine wohl ebenso verkannte wie einmalige Sammlung findet man im “Staatlichen Arktis-Antarktis-Museum”; das einzige seiner Art weltweit und wirklich einen Besuch wert!
Worauf Kunstfreunde aber sicher schon warten, ist auch einzigartig, allerdings ungleich anziehender für Touristen: die Eremitage im Winterpalast, eines der größten und berühmtesten Museen der Welt. Über drei Millionen Ausstellungsstücke erwarten die Neugierigen, die sich in fast genauso imposanten Schlangen vor dem Eingang scharen. Es wird daher den Interessierten auch empfohlen, mindestens einen Tag ihres St. Petersburg-Aufenthalts für diesen Kulturgiganten einzuplanen. Erneut passt es zur Ambivalenz der Stadt, dass in den Sälen der Eremitage sowohl russische Ikonen als auch die Werke westlicher Meister (Picasso, van Gogh, da Vinci, um nur einige zu nennen) zu bestaunen sind. Man weiß in dieser Stadt einfach manchmal nicht so recht, in welchem Europa man ist.

Abwechslung vom Großstadtkrach

Wer allerdings Gefallen an dieser Trennungsunschärfe findet, kommt auch im Umland St. Petersburgs auf seine Kosten. Knapp 30 Kilometer von der Stadt entfernt, aber leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, liegt an der Südküste des finnischen Meerbusens die Zarenresidenz Peterhof, die ganz bewusst als russisches Äquivalent zum fernen Versailles konzipiert wurde. Mit seinen gigantischen Grün- und Parkanlagen ist sie eine willkommene Abwechslung zum lauten Großstadtleben. Die Paläste sowie die über 140 (meist vergoldeten) Brunnen und Fontänen erinnern aber schnell daran, dass man nicht im Jenaer Paradiespark unterwegs ist, sondern im Garten der ehemaligen Zarenresidenz. Ist man bis zur Mündung des langen Seekanals vorgedrungen, bietet sich der Blick auf die Ostsee sowie die Möglichkeit mit dem touristischen Shuttleboot zurück in die Stadt zu fahren und die zahlreichen anderen Sehenswürdigkeiten zu erkunden, die in ihrer Vielzahl hier unmöglich Platz finden – seht selbst!
Auf solchen Entdeckungstouren in Großstädten mag sich manch einer wohl wünschen, der Tag hätte 26 Stunden. Auch wenn das in St. Petersburg nicht der Fall ist, kann man die Tageszeit doch nahezu vollends ausschöpfen, wenn man die Stadt im Juni zur Zeit der “Weißen Nächte” besucht, wenn es dank der nördlichen Lage nur eine knappe Stunde in der Nacht dämmerig wird. Man sollte allerdings bedenken, dass viele der zahlreichen Brücken in der Nacht für Schiffe geöffnet werden und der geplante Heimweg dadurch schnell hinfällig werden kann. Aber ein bisschen abenteuerlich ist ein Stadtbummel in St. Petersburg ohnehin meistens, da die Hemmschwelle der Autofahrer erschreckend niedrig liegt.

Abenteuer Metro
Will man sich ansonsten schnell und günstig in der Stadt bewegen, ist das weit verzweigte U-Bahn-Netz der Metro die beste Wahl. Hat man einmal eine der preiswerten Fahrtmünzen eingeworfen und sich so Zugang zur Metro-Station verschafft, kann man beliebig lange fahren und die Linien wechseln, bis man das U-Bahn-System wieder verlässt. Übrigens: auch wenn einige der Stationen durchaus ein Foto wert wären, sollte man davon absehen: es herrscht Fotoverbot in der Metro, das ziemlich genau genommen wird, sodass schnell eine Geldstrafe droht. Wer sein Geld auch nicht anderweitig den Bach runter gehen sehen will, sollte die Warnungen vor Taschendieben in den meist überfüllten U-Bahnen (und das heißt zu Stoßzeiten: engster Körperkontakt mit mindestens einem halben Duzend Menschen) ernst nehmen und sehr genau auf seine Habseligkeiten achten. Hat man das Ersparte wieder wohlbehalten ans Tageslicht befördert, bietet St. Petersburg natürlich unzählige, auch preiswerte Shoppingmöglichkeiten – sehr gern allerlei Kitschiges, das Touristen mit Russland assoziieren. Speisen und Getränke sind ebenfalls äußerst erschwinglich und man findet bei Bedarf auch durchaus “westliches” Essen – ich empfand es sogar als schwierig, traditionelle russische Gerichte zu bekommen.

Nicht alles Gold, was glänzt…
Für den größeren Geldbeutel der wohlhabenden Touristen oder neureichen Russen finden sich natürlich auch pompöse Schmuck- und Pelzläden. In der nächsten Seitenstraße hat man aber schnell den Kontrast vor Augen, wenn ein zahnloses altes Mütterchen einen um ein paar Rubel anbettelt. Die hierzulande so oft thematisierte Schere zwischen Arm und Reich hat in Russland deutlich andere Dimensionen, das sieht man auch im Stadtbild. Verlässt man die touristischen Hauptwege zwischen den großen Sehenswürdigkeiten und läuft mit offenen Augen durch die Straßen, zeigt St. Petersburg sein hässliches Gesicht mit dem zahnlosen Grinsen des menschlichen Elends. Auch Tierfreunde sollten sich auf einiges gefasst machen!
Nichtsdestotrotz ist die Stadt an der Newa auf jeden Fall eine Reise wert, vor allem für jene, die sich nicht gleich einer “vollen Dosis Russland” aussetzen wollen, sondern eher mal vorsichtig in diese Lebensart reinschnuppern möchten, bevor man weitere Schritte gen Osten macht. Doch Vorsicht: so “westlich” St. Petersburg auch in einigen Dingen sein mag, sollte man als Besucher unbedingt russische Sprachkenntnisse mitbringen! Mit Englisch kommt man nicht sehr weit und ohne Kenntnis der kyrillischen Schrift wird man es verdammt schwer haben.


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