Home » Leitartikel, WortArt

Normal People – keine Bilderbuch-Lovestory, sondern aus dem echten Leben

18 Februar 2022 No Comment

Wie sieht eine normale, echte Liebe aus? Sally Rooney ist die gefeierte junge Autorin aus Irland. Ihr Debütroman Conversations with friends (2017) verkaufte sich millionenfach. Mit ihrem zweiten Buch Normal People (2018) trifft sie wieder den Nerv der jungen Generation.

von Zoe

Marianne und Connell wachsen in einer Kleinstadt im Westen Irlands auf. Sie besuchen die gleiche Schule. Mehr Gemeinsamkeiten teilen sie nicht. Sie ist reich, er ist arm. Er ist beliebt, sie hingegen eine Einzelgängerin, die eher gemieden wird. Das ist es, was alle sehen. Doch hinter alledem haben sie mehr gemein, als auf den ersten Blick scheint. Connells Mutter ist als Reinigungskraft bei Mariannes Familie angestellt und als Connell sie eines Nachmittags von der Arbeit abholen will, beginnen Marianne und er eine Unterhaltung, nach der sich ihr Leben verändern wird – sie sind endlich nicht mehr allein.

“When he talks to Marianne he has a sense of total privacy between them. He could tell her anything about himself, even weird things, and she would never repeat them, he knows that. Being alone with her is like opening a door away from his normal life and then closing it behind him.” (Normal People)

Doch kurz darauf trennen sich ihre Wege und sie begegnen sich erst im College wieder – ihre sozialen Umstände haben sich völlig verändert. Während Connell eher unter sich bleibt und Schwierigkeiten hat, Anschluss zu finden, steigt die davor unbeliebte Marianne sozial auf. Dennoch stellen sie fest, dass die Verbindung zwischen ihnen immer noch besteht und keinesfalls verschwunden ist. Sie verstehen einander nach wie vor auf ihre ganz eigene Art. Ihre nonverbale Kommunikation steht vor allem während ihrer sexuellen Interaktionen im Vordergrund. Während es offensichtlich scheint, dass alle anderen für guten Sex reden müssen, schaffen sie das ganz ohne. Und dennoch wird ihre Beziehung maßgeblich von Fehlkommunikation geprägt. Keiner von beiden ist in der Lage, über Gefühle zu reden und so verpassen sie Moment um Moment und verlieren einander wieder und wieder.

Rooney schreibt Mariannes und Connells Geschichte scharfsinnig, ohne Urteil und in ihrem ganz eigenen Stil. In einer von Charakteren getriebenen Entwicklung der Geschichte springt sie von Augenblick zu Augenblick. Wochen oder Monate liegen zwischen den einzelnen Szenen, die wie eine Lupe die Beziehung der beiden beleuchten und sie somit in den alleinigen Fokus des Romans setzen. Sich wiederholende Rückblenden in die Vergangenheit schildern Ereignisse, die wir verpasst haben und Rooney schafft es somit, uns in ihren Bann zu ziehen. Während die LeserInnen sich Marianne und Connell nah fühlen können, bleiben sie durch diesen Kunstgriff dennoch distanziert – eine Geschichte, die wir hören, aber nur indirekt miterleben.

 ‚Love, sex, class, work, miscommunication and melancholy are all described in prose that is somehow at once lapidary and mysterious; glittering but with the feeling of something moving like weather behind the sentences.’ (New Statesman Books of the Year)

Abgesehen von ihrer herausragenden und unüblichen Erzählweise ist es schade, vielleicht auch tragisch, dass keine der ProtagonistInnen eine Entwicklung durchläuft. Es ist mehr der Fall, dass einem dieser Umstand beim Lesen auffällt, als Kritik am Buch. Es ist lebensnaher – im Leben gibt es nicht für jede Lovestory ein happily ever after. Sie verändern sich nicht. Sie kommunizieren immer und immer wieder fehl – es ist frustrierend, da man doch merkt, dass sie Seelenverwandte sind, einander wirklich verstehen könnten, wenn sie es zulassen würden. Aber vielleicht ist es auch genau das, was sie zu normal people macht.

Vor kurzem ist auch die deutschsprachige Version ihres dritten Romans Beautiful world where are you herausgekommen. KritikerInnen sagen bereits jetzt, dass er es mit ihrem Debütroman und Normal People aufnehmen kann. Schlussendlich hat Sally Rooney ein unfehlbares Talent und einen untrügbaren, scharfen Blick für die Belange unsere heutigen Gesellschaft und schafft es auf eine einmalige Art und Weise, diesen auf Papier zu bannen.

Sally Rooney
Normal People
Faber & Faber 2019,
288 Seiten,
englische Sprache

Ähnliche Artikel die Dich noch interessieren könnten:

  1. Fussball ist unser normales Leben Hätte dieser Roman denn nicht überall spielen können? Könnten die vier Freunde, alle um die 30, nicht auch in einer anderen Stadt als Tel Aviv vor dem Fernseher sitzen? Es ist das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1998. von Daniel Jendrissek Die...
  2. Das Leben gezeichnet Manchen gilt er als Erfinder der Comic-Reportage, vielen als Meister des Genres: Joe Sacco wurde für seine Arbeiten mehrfach ausgezeichnet – auch wenn er bewusst nicht „objektiv“ sein will. von Frank Er studiere Journalismus, aber kehrte dem Schreiben bald...
  3. Das Leben als leere Hülle Albert Camus schuf mit seinem Roman Der Fremde ein einflussreiches Werk, das eine ganze Generation prägen sollte. Der Geist der Vorlage wurde in der gleichnamigen Graphic Novel adäquat adaptiert – allerdings bietet sie keine neuen Erkenntnisse. von LuGr „Ich...
  4. Geschichten, die das Leben schreibt Außenseiter, Exzentriker, Ausnahmetalente: Simon Schwartz hat in seinen Mini-Comic-Biographien „Vita Obscura“ ein faszinierendes Panorama an Menschen versammelt. von Frank Dass Comics und Graphic Novels selbst in den Feuilletons großer Tageszeitungen Aufmerksamkeit geschenkt wird, war bis vor kurzem noch alles andere...
  5. Vom Leben- und Sterbenlassen Eine Woche voller Kurzfilme geht zuende. unique zieht gemeinsam mit den Akteuren eine Bilanz des 14. cellu l’art-Festivals. von Frank Wie verbringt man einen sonntäglichen Spätnachmittag im April? Popcorn-kauend auf Ausschuss-Ware starrend. Die gebotene „Ausschuss-Ware“ waren die sogenannten B-Sides...

Deine Meinung zählt!

Deine Meinung gilt, oder trackbacke von deiner eigenen Webeseite. Du kannst ebenfalls den Kommentaren (Kommentar Feed) via RSS folgen.

Seih nett und spamme nicht!

Du kannst folgende Tags nutzen:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>