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memorique: Wiedergutmachung auf Amerikanisch

19 Februar 2013 No Comment
"Exclusion Order" vom April 1942 (National Archives and Records Administration)

"Exclusion Order" vom April 1942 (National Archives and Records Administration)

Über das Schicksal der Japanoamerikaner im Zweiten Weltkrieg und wie die US-Regierung und Betroffene damit umgehen.

von Konrad Linke

Noriyuki Morita war zwei Jahre alt, als bei ihm Wirbelsäulentuberkulose diagnostiziert wurde. Da sein Vater sich nicht um den kranken Sohn kümmern konnte, gab er ihn an ein katholisches Sanatorium. Eingegipst von den Schultern bis zu den Knien verbrachte Noriyuki die nächsten acht Jahre im Bett. Erst nachdem ein Arzt ihn auf eigene Kosten mit einer neu entwickelten Therapie behandelte, verbesserte sich sein Zustand. Mit elf Jahren begann Noriyuki, das erste Mal in seinem Leben zu laufen.
Doch bevor er wieder in die Obhut seiner Familie gegeben wurde, bekam Noriyuki Besuch von einem FBI-Agenten. Zwei Jahre zuvor, im Dezember 1941, hatten die Japaner Pearl Harbor bombardiert. Ein halbes Jahr später siedelte die US-Regierung alle 112.000 Japanoamerikaner um, die an der Westküste lebten, und sperrten sie in zehn sogenannte „Relocation Camps“ im mittleren Westen ein. Davon betroffen war auch Noriyukis Familie, die seit dem Sommer 1942 im Gila-River-Relocation-Camp, Arizona, lebte. 1943 wurde auch Noriyuki dorthin gebracht. Zusammen mit seiner Familie verbrachte er den Rest des Krieges hinter Stacheldraht, bevor er 1945 in seine Heimat Kalifornien zurückkehren durfte. Vierzig Jahre später erlangte Noriyuki Morita internationale Bekanntheit als „Mr. Miyagi“, der Sensei aus Karate Kid. Der fiktionale Charakter des Mr. Miyagi war ebenfalls in den „Relocation Camps“ gewesen. Zu den Leidensgenossen des Karate Kid-Darstellers gehörte auch George Takei, bekannt als „Mr. Sulu“ aus Raumschiff Enterprise.
Die Figur des Mr. Miyagi ist nur einer von vielen popkulturellen Verweisen auf das Schicksal der Japanoamerikaner im Zweiten Weltkrieg. Während der letzten dreißig Jahre wurde das Thema in öffentlichen Debatten, Filmen, Ausstellungen und Büchern thematisiert. Ausgangspunkt der breiten Rezeption war eine Wiedergutmachungskampagne, an der die US-Regierung und Bürgerrechtler gleichermaßen beteiligt waren.

„Die japanische Rasse ist eine Feind-Rasse“
Zwei Monate nach dem Überfall auf Pearl Harbor unterzeichnete Präsident Franklin D. Roosevelt die Executive Order 9066. Diese Notverordnung bildete die rechtliche Grundlage für die Entrechtung von 112.000 Japanoamerikanern während des Zweiten Weltkriegs. Zwei Drittel von ihnen waren in den USA geboren. Ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit deportierte die US-Armee im Sommer 1942 sämtliche an der Westküste lebenden Japanoamerikaner in zehn „Relocation Camps“, wo die meisten von ihnen bis zum Kriegsende eingesperrt blieben.
Obwohl die Lager per definitionem „Konzentrationslager“ waren, bemühte sich die Regierung um eine humane Behandlung der Insassen. Die Verpflegung war ausreichend, es gab Schulen für die Kinder, und niemand wurde zur Arbeit gezwungen. Doch die Lebensbedingungen waren spartanisch. Die Barackenunterkünfte boten nur unzureichend Schutz vor extremer Hitze und Kälte, die medizinische Versorgung war mangelhaft.

Schlagzeilen vom Februar 1942 (National Archives and Records Administration)

Schlagzeilen vom Februar 1942 (National Archives and Records Administration)

Der Hauptgrund, warum das Schicksal der Japanoamerikaner nach dem Krieg so viel Beachtung gefunden hat, ist der extralegale Prozess, mit dem die ethnische Minderheit entrechtet wurde. Denn juristisch betrachtet wurden die unter Executive Order 9066 deportierten Japanoamerikaner nicht „interniert“. Dies passierte lediglich mit rund 2.000 Japanern, die das FBI als Gefahr für die nationale Sicherheit einstufte. Die übrigen 112.000 Personen japanischer Abstammung erachtete das Justizministerium als loyale Mitbürger.
Doch breite Teile der Bevölkerung an der Westküste empfanden die Verhaftung von 2.000 Japanern als unzureichend. Sie forderten die Deportation aller Japanoamerikaner, also auch der Kinder und Enkel der Einwanderer. Unter dem Druck der Öffentlichkeit erließ Roosevelt schließlich Executive Order 9066, die das Militär autorisierte, sowohl Ausländer als auch US-Bürger ohne rechtliches Verfahren einzusperren. Während also die 2.000 internierten Japaner aufgrund individueller Verdachtsmomente eingesperrt worden waren, verurteilte man die unter Executive Order 9066 deportieren Japanoamerikanern kollektiv, aufgrund ihrer Abstammung. In den Worten des Kommandanten der Westküste, General John L. DeWitt: „The Japanese race is an enemy race and while many second and third generation Japanese born on United States soil, possessed of United States citizenship, have become ‘Americanized’, the racial strains are undiluted.“

Präsident Truman: „disgraceful actions“
Als Präsident  Harry Truman im Dezember 1945 von der Diskriminierung heimkehrender Soldaten japanischer Abstammung hörte, war er empört. Bereits als Vizepräsident hatte er sich gegen die Umsiedelungen ausgesprochen. Nun drängte er den Kongress, die Betroffenen für materielle Verluste zu entschädigen, die durch ihre Deportation entstanden waren. Der Evacuation Claims Act von 1948 erlaubte es ehemaligen Insassen – US-Bürgern und Ausländern –, Besitzverluste einzuklagen. Von den 131 Millionen Dollar Schadensersatz, die beantragt wurden, zahlte die Regierung weniger als ein Drittel. Oft überstiegen die Anwaltskosten die zurückerstattete Summe. Hinzu kam, dass Einkommensverluste unberücksichtigt blieben. Eine spätere Überprüfung durch den Kongress ergab, dass die Verluste wesentlich höher waren: bis zu 164 Millionen Dollar an Einkommen und bis zu 206 Millionen Dollar an Eigentum.

Bürgerrechtler und Historiker bereiten den Weg
Der Evacuation Claims Act war juristisch kein Eingeständnis der Regierung, dass den Japanoamerikanern Unrecht geschehen war, und die Erinnerungen an das Schicksal der Japanoamerikaner verblassten, bis das Thema Mitte der 60er-Jahre im Fahrwasser der Bürgerrechts- und Black Power-Bewegung erneut in öffentlichen Debatten auftauchte.
Der Geist der Bürgerrechtsbewegung veranlasste in den 1970er Jahren die größte Organisation japanischstämmiger US-Bürger – die Japanese American Citizen League (JACL) –, Resolutionen zu verabschieden, in denen sie sich für eine Wiedergutmachung aussprach. Zu den Unterstützern gehörte auch George Takei, der seit den 1960er-Jahren in der Bürgerrechtsbewegung aktiv war. Die JACL warb für die Einsetzung einer Regierungskommission. Sie sollte prüfen, inwiefern die Behandlung der Japanoamerikaner gerechtfertigt war. Rückenwind erhielten die Bürgerrechtsaktivisten von Präsident Gerald Ford, der 1976 Executive Order 9066 widerrufen und erklärt hatte: „We know now what we should have known then; not only was the evacuation wrong, but Japanese Americans were and are loyal Americans.“ Aufgrund intensiver Lobbyarbeit japanoamerikanischer Abgeordneter gründete der Kongress 1980 die Commission on Wartime Relocation and Internment of Civilians.

Japanese American Memorial (Eugene, Oregon)

Japanese American Memorial (Eugene, Oregon)

Nach umfassenden historischen Recherchen und landesweiten öffentlichen Anhörungen, bei denen ehemalige Insassen das erste Mal über ihre Erfahrungen in den Lagern sprachen, legte die Kommission 1983 ihren Abschlussbericht vor. Die Ursachen der Deportation, so das einstimmige Urteil, waren rassistische Vorurteile, Kriegshysterie und das Versagen der politischen Führung. Als Wiedergutmachung empfahl die Kommission eine offizielle Entschuldigung der Regierung sowie eine einmalige Entschädigungszahlung von 20.000 Dollar an jeden Überlebenden. Die Empfehlungen der Kommission wurden im Civil Rights Restoration Act umgesetzt, den Ronald Reagan 1988 unterzeichnete. Zwei Jahre später begann die Regierung mit der Zahlung der Entschädigungen an die rund 80.000 überlebenden Insassen.

Die Demokratisierung der Erinnerung
Seitdem hat das Interesse an dem Thema, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Publizistik und Kultur, eher zu- als abgenommen. Nicht zuletzt verabschiedete der Kongress 2006 ein Gesetz, das 38 Millionen Dollar für die Gestaltung der Lager als Erinnerungsorte vorsieht.
Amerikaner lieben Tragödien, die ein Happy End haben. Das Schicksal der Japanoamerikaner passt zu dem Narrativ, das die Geschichte der USA als eine Entwicklung hin zu einer „more perfect Union“ interpretiert. Ob die Abschaffung der Sklaverei, die Einführung des Frauenwahlrechts oder die Wiedergutmachung gegenüber den Japanoamerikanern – alles deutet darauf hin, dass die USA über kurz oder lang das Richtige getan haben. Indes hat der 11. September 2001 gezeigt, dass in Krisenzeiten weiterhin die Tendenz besteht, Bürgerrechte gegen nationale Sicherheit auszuspielen und dabei das Kriterium der Ethnizität für repressive Maßnahmen zu instrumentalisieren. Für die konservative Fox News-Kommentatorin Michelle Malkin beispielweise waren die Terroranschläge ein willkommener Anlass, die xenophobe Stimmung anzuheizen und historischen Revisionismus zu betreiben. In ihrem Buch In Defense of Internment (2004) lobte Malkin das „racial profiling“ auf Flughäfen und bezeichnete die Entrechtung der Japanoamerikaner als angemessene sicherheitspolitische Maßnahme. Ihr Buch wurde zu einem nationalen Bestseller. Wenngleich sich die Bush-Regierung von Malkins Revisionismus distanzierte, scheint für die ehemaligen Insassen der „Relocation Camps“ nur eines gewiss: dass man sich seiner Rechte nie sicher sein kann. Der Preis der Freiheit, um ein in den USA gern zitiertes Motto anzubringen, ist und bleibt ewige Wachsamkeit.

Tipps für Interessierte

Historische Studien:
Die beste Einführung ist von Roger Daniels: Prisoners without Trial. Japanese Americans in Word War II, New York 2004.
Ausführlicher ist Greg Robinson: A Tragedy of Democracy, New York 2009.

Belletristik:
Jeanne Wakatsuki Houston: Farewell to Manzanar, 1973, auch als Film (1976).
David Guterson: Snow Falling On Cedars, 1994, auch als Film (1999).

Dokumentationen:
Unfinished Business. The Japanese-American Internment Cases (1984)
Days of Waiting (1990), ausgezeichnet mit einem Oscar.
The War (PBS, Folgen 1 & 3 (engl.) bzw. 2 & 6 (dt.), 2007)

Spielfilme:
Come See the Paradise (Alan Parker, 2006)
American Pastime (Desmond Nakano, 2007)

Konrad Linke (33) hat Neuere Geschichte, Britische Literatur und Medienwissenschaften in Jena, Berkeley und Aberdeen studiert. 2012 promovierte er bei Prof. Jörg Nagler mit einer alltagsgeschichtlichen Untersuchung zu zwei „Relocation Camps“ für Japanoamerikaner. Seit Oktober 2012 forscht er am Deutschen Historischen Institut Washington, D.C., zur Geschichte des Unternehmens John A. Roebling’s Sons Company.

Kontakt: konrad.linke[ät]uni-jena.de

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