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Imagine he’s no Jesus

8 Dezember 2015 No Comment

Heilig oder nur Schein? Lennon wird meist idealisiert

Am 8. Dezember 1980 starb John Lennon. Die Welt verlor einen ihrer größten Künstler, einen Friedensbotschafter, ein Genie… oder auch nicht!?

von Robert

Schon seit 35 Jahren existiert der Mythos John Lennon: Der Ex-Beatle genießt seit seinem Ableben ein Ansehen, das mit dem eines Heiligen vergleichbar ist. Bereits einen Tag nach seinem Tod verkündete das Time Magazine den „Tod der Musik“, der Daily Mirror stilisierte ihn zum Helden, der Spiegel zum Epochen-Idol.
Leider hält ein Großteil dieser Behauptungen einer Überprüfung nicht stand. Lennon hat zwar zu seiner Zeit bei den Beatles musikalisch Erstaunliches geleistet. Allerdings tat er dies nicht allein: Zwischen ihm und McCartney bestand eine gleichberechtigte Songwriting-Partnerschaft und Lennon schrieb in den zehn Jahren der Beatles gerade mal zwei Songs mehr als McCartney. Das Bild von Lennon als „Kopf“ der Beatles ist schlichtweg falsch und erst im Juli dieses Jahres beschwerte sich Paul McCartney über den seit Jahren anhaltenden Irrglauben: „I started to get frustrated because people started to say, ‘Well, he was The Beatles.’ And me, George and Ringo would go, ‘Er, hang on. It‘s only a year ago we were all equal-ish’”, so McCartney in einem Interview mit dem Magazin Esquire.
Lennons Fähigkeiten als Musiker zeigten sich vor allem in der Zeit nach den Beatles: Alben wie Some Time in New York City oder Unfinished Music No. 1 und 2 schafften es, bei Kritikern und Publikum zugleich durchzufallen. Lennons einzig wirklich große Soloerfolge zu Lebzeiten waren das Album Imagine und der Song „Whatever Get’s you thru the Night“, der in Kooperation mit Elton John entstand. Die hohen Verkaufszahlen und Chartplatzierungen von Double Fantasy, Lennons letztem Album, ließen sich wohl mit dessen Tod kurz nach der Veröffentlichung erklären.
Auch Lennons Image als Universalkünstler, das sich seit der Zusammenkunft mit Yoko Ono formte, ist vollkommen deplatziert. Lennon hatte zwar vor seinem Durchbruch als Beatle auf dem Liverpool College of Art studiert, blieb jedoch abseits der Musik künstlerisch ein Dilettant: Seine Filme, Installationen oder Performances konnten zwar immer wieder die Aufmerksamkeit der Boulevardpresse auf sich lenken, wurden von der seriösen Kritik aber höchstens belächelt. „Seine Motive sind bewundernswert, aber seine Mittel sind kindisch“, fasste es George Melly, Kritiker, Jazzmusiker und Präsident der walisischen Gesellschaft für zeitgenössische Kunst zusammen.
Besonders Lennons politischer Aktivismus war höchst ambivalent. Der Prediger des Frieden und der Liebe unterstützte die IRA in Nordirland. Nach Angaben des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 ließ Lennon dieser 1972 45.000 Pfund zukommen – eine Unterstützung für „die irische Bürgerrechtsbewegung“, so der Ex-Beatle und selbsternannte Friedensbotschafter.
Es bleibt nicht viel vom Über-Lennon: Ein Ex-Popstar, der seine kreative Hochphase zum Zeitpunkt seines Ablebens bereits lange hinter sich hatte. Doch Lennons Tod war für ihn die Stunde der Wiedergeburt. Dadurch kam es zum Verschmelzen von Kunst und Künstler. Der Mensch Lennon wurde zur Kunstfigur, zur Projektionsfläche für seine Fans und die Medien. Ein schönes Idealbild, das Jahrzehnte lang funktionierte und unter anderem von Yoko Ono in Interviews immer wieder verstärkt wurde. Die Lennon-Witwe stilisierte ihren Mann schon zu Lebzeiten zum Genie unter den „Fab Four“ und betrieb zugleich eine Kampagne gegen McCartney. Sie reduzierte McCartneys Tätigkeit bei den Beatles auf das Mieten von Studios. Die Auswüchse dieses Starkults zeigen sich bis heute an der Lennon-Gedenkstätte Strawberry Fields in New York. Jedes Jahr am 8. Dezember pilgern Hunderte zu dem Bodenmosaik im Central Park, um dem „Jesus des Rock“ stundenlang mit seinen eigenen Liedern zu huldigen.
Eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit Lennon als Person erfolgt erst seit ein paar Jahren und schlägt sich in Werken wie der Biografie von Philip Norman wieder. Darin enthüllt der Journalist den Privatmann Lennon: ein Ehebrecher, Alkoholiker und Drogenjunkie, der Frau und Kind misshandelte. Norman brachte die hässlichen Seiten Lennons zum Vorschein und löste auch heftige Kritik aus. McCartney widersprach gewissen Aussagen des Buchs; unter anderem der, dass Lennon homosexuelle Neigungen gehabt habe und an einer Beziehung mit McCartney interessiert gewesen sei. Yoko Ono versagte nach anfänglicher Kooperation mit Norman die Autorisierung des Werks.
Die Lennon-Mania scheint dennoch kein Ende nehmen zu wollen. Dabei wäre es nach 35 Jahren endlich an der Zeit, das Monument Lennon von seinem Podest zu hieven, statt weiter einer falschen Gottheit zu huldigen.

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