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Zwischen Kingston und Köln

30 Dezember 2012 No Comment
(Foto: Austen Spanka)

(Foto: Austen Spanka)

Mit seinen 38 Lenzen ist Tilmann Otto alias Gentleman schon ein alter Hase im Reggae-Geschäft. Wir trafen ihn beim diesjährigen TFF in Rudolstadt und sprachen mit ihm über Heimat, den Kick auf der Bühne und seinen Wunsch, Astronaut zu werden.

unique: Man liest immer über dich, dass du Jamaika als deine zweite Heimat ansiehst, doch du lebst bis heute in Köln. Was hält dich eigentlich in Deutschland?
Gentleman: Jamaika ist nicht meine zweite Heimat. Heimat ist immer so eine Art Zustand. Gerade, wenn du so viel reist und viel unterwegs bist, dann ist Heimat, wenn ich mit meiner Frau zusammen bin – oder auf der Bühne stehe. In Köln und auch in Kingston fühle ich mich sehr wohl. Und da, wo ich mich wohlfühle, ist meine Heimat.

Du hast grad von deiner Frau gesprochen. Ihr seid in derselben Band. Ist es für dich schwer, Arbeit und Berufsleben unter einen Hut zu bringen?
Das kriegen wir schon auf die Reihe (lacht). Es ist auch so ein Ding, das einem extrem viel Kraft gibt, wenn du drei Monate an einem Stück im Bus auf Reisen bist. Es ist gut, wenn man da etwas, jemanden hat, bei dem man zu Hause ankommen kann. Es gibt Situationen, die einfach Kraft geben, statt sie zu nehmen. Es kommt immer darauf an, was überwiegt.

Was hat dich dazu bewogen, 2010 die Band Evolution neu zu gründen, mit der du momentan auch auf Tour bist?
Es ist eigentlich keine neue Band, sondern der Kern derselben Band, mit der ich schon seit zehn Jahren auf der Bühne stehe. Meine erste Band war Killing Riddim Section, dann FAR EAST BAND und jetzt Evolution. Wir haben jetzt einen neuen Drummer. Der alte Drummer gab der Band FAR EAST BAND seinen Namen und deswegen brauchten wir einen neuen.

Gibt es dir nach all den Jahren noch einen Kick, auf der Bühne zu stehen oder bist du mittlerweile ein eiskalter Profi?
Ja, immer wieder gibt es diesen Kick. Ich bin sehr dankbar und ich weiß es sehr zu schätzen. Auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen, ist für mich so ein Zustand; es ist ein Gefühl von Zuhause-Sein und auch zu sehen, dass ich mit der Musik Leute happy machen kann. Dass Leute eine gute Zeit haben, das ist immer das, was mich motiviert. Wenn du irgendwie auf die Bühne kommst und du siehst smiling faces, dann hast du schon dein Ziel erreicht. Darum geht’s einfach nur. Das, was wir lieben und was wir nicht lieben, in Formen zu packen und irgendwie zu teilen. Ein gutes Konzert ist auch immer eine Gemeinschaft von Fremden. Dieses Zusammenkommen auf einem Level, wo alle irgendwie eintunen. Denn Musik ist nichts anderes als Meditation. Sie ist im Hier und Jetzt und hat nichts mit Morgen und Gestern zu tun. Sondern es geht sofort in die Birne und das ist es, was immer motiviert.

Was treibt einen international erfolgreichen Musiker wie dich eigentlich nach Rudolstadt? Hast du irgendeinen besonderen Bezug zum TFF?
Nee, es ist so, dass Leute anfragen, und wenn die Umstände stimmen, die Zeit da ist, dann machen wir‘s.

Letztes Jahr in Montpellier hast du zu deinem Geburtstag in einer kleinen Location gespielt, an anderen Abenden trittst du vor Tausenden von Menschen auf. Was liegt dir eher: die große Bühne oder der verwinkelte Hinterhof-Club?
Es liegt mir beides. Ich mag die kleinen, stinkigen, verrauchten Clubs, wo man dann vor 100 Leuten spielt, was ich auch mit Soundsystems immer wieder regelmäßig mache. Aber es hat auch seinen Charme, auf einer riesigen Bühne mit 20.000 Leuten vor der Nase zu spielen.

Du bist viel auf Tour. Wie entspannst du, wenn du mal nicht unterwegs bist?
Ich kann fünf Stunden aus dem Fenster gucken und gar nichts machen, außer meinem eigenen Atem zuzuhören und bin entspannt. Wenn ich zu Hause in Köln bin, verbringe ich dort Zeit mit meinen Kindern. Ich muss nicht viel machen. Musik ist aber immer da, denn alle Gedanken und das, was ich fühle, das will ich irgendwie direkt in Musik packen. Ich brauch’ das Musikmachen wie Schlaf und Essen. Es gibt Phasen, wo ich lange nichts gemacht habe und dann beginne ich, mich schlecht zu fühlen. In dem Moment, wo ich einen Song aufnehme, bin ich erfüllt und mit mir im Einklang.

Was würdest du im Nachhinein als deinen größten musikalischen Höhepunkt und deinen größten Flop werten?
Das kann ich so nicht sagen. Das Leben ist voller Erfolge und voller Flops und jeden Tag hab‘ ich 100 Erfolge und 100 Flops. Das kann man jetzt nicht so im Allgemeinen sagen. Solange du Sachen als Erfahrung siehst und darauf achtest, Fehler nicht zu wiederholen, ist alles ein Lernprozess. Musik ist ja subjektiv. Alles, was ich mache, kannst du als Zuhörer annehmen oder nicht. Man kann beim Musikmachen nicht von Top oder Flop reden, sondern höchstens von gut und nicht gut rübergebracht.

Tilmann Otto alias Gentleman (Jahrgang 1974), geboren in Osnabrück, wuchs in Köln-Neubrück auf. Sein drittes Album, Confidence, schaffte es 2004 auf Platz 1 der deutschen und österreichischen Charts. Als Kosmopolit hält er seine Musik für international und global. Von Belgien über Gambia bis nach Ungarn tourt er durch die ganze Welt.

Deutsch ist deine Muttersprache, du singst aber auf Patois oder Englisch. Auch wenn du diese Sprachen gut beherrschst: Ist es nicht fremd, sich in einer anderen Sprachen auszudrücken?
Ich denke schon, dass ich mich in der Sprache, in der ich singe, klar ausdrücken kann. Würde ich auf Deutsch singen, würde ich wahrscheinlich mein Leben lang in Deutschland, Österreich und der Schweiz rumtingeln und dadurch, dass ich auf Englisch singe, hatte ich jetzt auch Touren in den USA, Afrika und Südamerika. Englisch ist nun mal die Sprache, die die meisten Menschen auf der Welt verstehen. Ich könnte mir auch mal vorstellen, was auf Spanisch zu machen und vielleicht auch auf Deutsch, aber ich bin weit damit gekommen und ich sehe keinen Grund, etwas daran zu ändern. Ich fühl‘ mich auch nicht wohl in der deutschen Sprache, was die Musik und den Flow angeht. Es gibt mittlerweile viele Künstler, die den Flow auf Deutsch rüberbringen. Aber ich hab auf Englisch angefangen und das wäre halt wieder bei Null anfangen. Die Frage stellt sich nicht.

Welche Gründe hattest du, damals mit 17 nach Jamaika zu gehen?
Mit 18. Das ist auch so ein häufiger Fehler in der Presse, liegt aber jetzt nicht an dir. Steht überall so. Aber für mich waren die Gründe die Abenteuerlust und auch eine Lust an der Musik, die ich zu lieben gelernt habe, und auch mal aus seinem eigenen Kontext auszubrechen. Reisen im Allgemeinen ist so inspirierend. Habe dort gelernt – oder eher gesehen –, dass Musik in Jamaika mehr als Entertainment ist. Dass sie darüber hinausgeht. Dass es extrem sozialpolitisch ist, dass es rebellisch ist. Dass es süß und auch radikal, traditionell und trotzdem am Puls der Zeit ist. Das hab‘ ich in keinem anderen Genre so finden können wie im Reggae. Und Jamaika ist das Mutterland dieser Musik, die ich so liebe, und deswegen war auch diese Verbindung da. Das Intuitive ist das, was mich so begeistert in Jamaika. Das Meditative, das Intuitive. Musik einfach aus dem Gefühl heraus zu machen, das hatte ich bis dahin noch nie gesehen.

War es eigentlich schwer für dich, nach Jamaika zu kommen? Ich stelle es mir etwas schwierig vor, mit 18 einfach ans andere Ende der Welt zu hopsen…
Nein, es war easy. Man macht sich einfach nicht so viele Gedanken wie mit 38. Man ist naiv und diese Naivität kann einen auch schützen. Ich bin damals an Orte gegangen, wo ich heute gar nicht mehr hingehen würde. Diese Angst und dieses Sicherheitsdenken, was im fortschreitenden Alter kommt, das gab es damals einfach nicht. War auch sehr intuitiv.

Was wäre aus Tilmann Otto geworden, wäre er nicht Musiker geworden?
Solche Fragen kann man nicht beantworten. Was wäre wenn, das geht nicht. Unmöglich zu sagen. Denn Zufälle gibt’s nicht – nur Fügungen. Alles ist eine Kette von Verläufen und es musste genau so kommen. Früher wollte ich Astronaut werden, wenn du mich so fragst.

Das klingt nicht gerade nach einem gutbürgerlichen Plan B.
Nein, aber da war ich auch noch acht Jahre alt…

Aber ab wann stand es für dich fest, dass du Musiker werden willst?
Nie. Ich habe immer gern Musik gemacht, und ich habe auch lange Zeit Existenzängste gehabt, so mit 24, wo man nicht vom Musizieren leben konnte und sich so durchgeschlagen hat. Ja, und irgendwann kam einfach der Punkt, ab dem es funktioniert hat. Und es gab auch immer dieses Urvertrauen, dass es klappt, aber ich hatte nie den Plan, mal Reggae-Sänger zu werden.

Hast du für die Zukunft schon irgendwelche feststehenden Projekte?
Musik machen. Ich mache gerade ein neues Album, das kommt dann irgendwann im März, hat aber noch keinen
Namen. Der Name ist immer schwierig, der kommt immer zuletzt. Also, wenn du eine Idee hast…

Noch eine letzte Frage: Wie kam es eigentlich zu deinem Künstlernamen Gentleman?
Oh, das war jugendlicher Leichtsinn. Ich heiße ja Tilmann und so wurde irgendwie aus Tilman Gentil… Gentilman. Manchmal denke ich mir, es ist total bescheuert, aber dann lese ich mir auch den Eintrag darüber bei Wikipedia durch und es ist ja ein Mann der Ehre, ein Mann, der zu seinem Wort steht. Aber naja.

Nach diesen Worten klopft es an der Tür und der Tourmanager sagt uns, dass die Zeit vorbei ist. Tillmann Otto, 38, wohnhaft in Köln, wünscht mir noch einen schönen Abend und verschwindet wieder in einen anderen Raum des Tourbusses.

Das Interview führte Robert Sittner.

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