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In 26 Buchstaben um die Welt – Das massentourismuskritische ABC

15 Juli 2009 No Comment

von  Luth, Chrime, Seba, Frank & rokko rehbein

Animateur: Gute Laune als Beruf: Für das nötige Kleingeld machen sich Studenten oder andere Junggebliebene für lahme Urlaubsgäste in Ferienresort oder auf Kreuzfahrtschiffen zum Affen. Dabei wird vor keiner musikalischen oder theatralischen Peinlichkeit zurückgeschreckt, um quengelige Kinder oder bierbäuchige Rentner zu „bespaßen“ – ob sie wollen oder nicht.

Butterfahrt: „Ei, dos is’ ower schön! Und gar ne’ so deier!“ Gutgläubige Pensionäre, ein Tässchen Kaffee, ein Happen Donauwelle – und ab geht’s zum Verkaufsgespräch. Das Ziel von B.: Den lieben Gedienten das letzte Pigment aus dem ergrauenden Haar pressen, verpackte Minderartikel wie Rheumadecken oder patentierte Rückenkrauler mit integrierter Sonnenmilch-Einspritzfunktion zu maximalen Preisen verhökern, oft auch mit Kaufzwang und psychologischer Kriegsführung.

Cook, Thomas: „The Godfather of Mass Tourism & All Inclusive“: C. war der erste, der eine Pauschalreise für englische Arbeiter nach Paris organisierte (1861), in der die Ausgaben für Unterkunft und Verpflegung inklusive waren. Die Folgen dieser bahnbrechenden Idee sind noch heute jeden Sommer auf Mallorca zu besichtigen.

Drogentouristen: So ambitioniert die Urlaubspläne mehrheitlich jugendlicher Amsterdam-Besucher oft sind, so vorhersehbar ist in der Regel ihr Ergebnis. Statt Rembrandt im Rijksmuseum gibt’s private Weiterbildung im Hash Museum, statt betroffenen Mienen im Anne-Frank-Haus bekifftes Rumgefeixe vor der Hitler-Wachsfigur in Madame Tussauds. Echten Nervenkitzel bereitet D. aber stets die Heimfahrt auf der A 40 über Venlo.

Entführungen: Sich vom exotischen Zauber des Jemen entführen lassen oder einen Hippie-Trail in Bangladesh abwandern, das können unvergessliche Erlebnisse sein. Die Reisemitteilungen des Auswärtigen Amts sollten jedoch berücksichtigt werden, sonst kann durch eine reale Entführung aus dem Zauber schnell ein Albtraum werden.

Folklorismus: Besonders üble Folgeerscheinung massentouristischer Erwartungshaltungen, die bevorzugt auf indigene Stammeskulturen projiziert werden. Vermeintlich authentische Initiationsrituale stolzer Massai-Krieger oder indianische Regentänze geben dabei die traurige Kulisse eines rassistischen Unterhaltungsprogramms für Urlauber ab – die sich beim Mittanzen aber immer­hin auch selbst zum Brot machen.

Geheimtipp: Heimkehrende Nepal-Urlauber haben ein Leuchten in den Augen, wenn sie das Wort im Munde führen und Reiseführer benutzen es fast inflationär. Das Aufsuchen sogenannter G. gehört zur obersten Urlauberpflicht. Dumm nur, dass es G. in Zeiten globaler Informationsflüsse nicht mehr gibt und der „geheime Traumstrand“ dann meist doch schon total überlaufen ist.

Heimweh: Ihm geht man am besten aus dem Weg, indem man zu Hause bleibt oder sich eine Urlaubsbekanntschaft zulegt.

InterRail: Umweltfreundliche, inzwischen aber recht teure Möglichkeit, zum Pauschalpreis durch bis zu 32 europäische Länder zu reisen. Die Aufteilung von Europa in sieben kostengünstigere Zonen wurde im April 2007 leider abgeschafft.

Jetlag: Vor 30 Jahren noch die typische Berufskrankheit von Bänkern und Außenpolitikern, hat heute fast jeder schon einmal das J.  am eigenen Leib gespürt, wenn er nach dem USA-Trip auf der Heimfahrt mit dem Zug erst in Zwickau wieder erwachte, eigentlich aber schon in Jena aussteigen wollte.

Katastrophentourist:
Fühlt sich wohl am Ground Zero, in hochwasserzerstörten Dörfern des Elbsandsteingebirges, in Tschernobyl, an tsunamigefährdeten Stränden Südostasiens oder auf den Schlachtfeldern von Verdun. Trotz allem immer noch besser als Sextouristen.

Lonely Planet:
Die australische Bibel der Rucksacktouristen hält die Holsten- und die Erdinger-Brauerei für wichtige deutsche Sehenswürdigkeiten. Ansonsten wird der Reiseführer v.a. dafür kritisiert, durch den Aufruf zu Reisen in „Schurkenstaaten“ deren Militärdiktatur mitzufinanzieren.

Modesünde:
Mit Sandalen und Socken, Ha­waii­hemd aus den 80ern, Anglerhut, Digicam und einem Sonnenbrand so rot wie ein gekochter Hummer begibt sich diese – zur Mittagsstunde und bei mindest. 40 Grad im Schatten – als fleischgewordener Bierbauchteutone auf Stadtrundgang in Rom.

Nacktbaden:
Was in der DDR zur Staatsräson gehörte, im prüden Wessten längst  in die Schmuddelecke verbannt wurde, provoziert in Mittelmeerländern sofortige Polizeipräsenz Trotz aller ästhetischen Zumutungen ist N. ein überaus egalitäres Urlaubsvergnügen.

Offene Grenzen:
Ob Pauschalurlauber oder Rucksacktouri: Von Skandinavien bis zum Mittelmeer und von Portugal bis ins Baltikum reisen ohne Personenkontrollen – der seit 1985 ständig wachsende Schengen-Raum macht’s möglich. Ob man Mitglied einer terroristischen Organisation ist, wird man seitdem nur noch von grimmigen US-Immigration Officers gefragt. Aber Vorsicht: (Britische) Ausnahmen bestätigen die Regel!

Postkarten: Die meist schrill bunten P. mit kopulierenden Kamelen oder Kakteen in Penisform sind der sichtbare Beweis, ein taktloser Tritt in die Fresse, dass man diesen Sommer wieder der einzige Loser war, der nur auf Balkonien Urlaub machen konnte. Meist freut man sich trotzdem über die herrlich subjektiven Panoramaansichten des elterlichen Urlaubsparadieses und das klein bissl Beachtung, das einem zuteil wurde.

Quo vadis?:
Fragte Petrus einst seinen Herren Jesus und wurde wenig später in Rom gekreuzigt. Heute führen Pilgerreisen eher gediegen, dafür aber mit tausend anderen Hape-Kerkeling-Jüngern, nach Santiago de Compostela – ohne Kreuzigung.

Reisehinweise: Die zuverlässige Reisebibel bei eher abenteuerorientierten Ausflügen in weniger bekannte Länder. Beispiel Nordkorea: „Ausländische Medien sind nicht erhältlich; Zugang zu ihnen ist Einheimischen untersagt. Einheimischen ist der Kontakt mit Ausländern untersagt. Internetverbindungen stehen in der Regel nicht zur Verfügung. Eine Respektierung des herrschenden Personenkults wird erwartet.“ Dann kann’s ja losgehen!

Sextouristen:
Dank Billig-Airlines ist der sorglose Fick in Thailand heute fast so günstig wie früher der heimliche Gang zum Stammbordell um die Ecke. Kaum dem Bumsbomber auf dem Bangkoker Flughafen entstiegen, leben S. dann zwei Wochen das aus, was sie sich zu Hause nie wagen würden.

Trampen: Wird überhaupt erst möglich durch Berufspendler, die ihr Auto mit vier freien Sitzplätzen durch die Gegend steuern. Kostenlose, kommunikative, abenteuerliche und halbwegs ökologische Fortbewegungsmöglichkeit, allerdings nicht überall erlaubt (z.B. Baskenland, Australien, kanadische Freeways).

Urlaubsbekanntschaft: Sommer, Sonne … na, was fehlt zur perfekten Urlaubsalliteration? Richtig: Sex! Vornamen austauschen, ein letzter kurzer Gedanke an die Freundin im kalten Zuhause, und dann im bierseligen Gedanken an die Freiheit den Urlaub mit untergehender Sonne und dem guten Gewissen, dass deine „strandsandy“ dich nie wiedersehen wird, ausklingen lassen. Hieß bei unseren Großeltern noch euphemistischer „Kurschatten“.

Vielflieger: Wer die „Star Alliance Gold Card“ im Portemonnaie stecken hat, hat es geschafft: Vom komfortablen Liegeplatz in der First Class kann man nun ganz entspannt hinaus auf die ausgedünnte Ozonschicht blicken, bis die eintägige Shoppingtour in London beginnen kann. Dank prall gefülltem Bonusmeilenkonto geht‘s noch am selben Abend kostenlos zurück.

Weiße Flecken: Was um 1500 noch einzelnen Entdeckern vorbehalten war, erledigt heute der moderne Massentourismus. Um den Bedürfnissen von immer mehr Menschen mit immer größerem Freizeit- und Finanzbudget nachkommen zu können, erschließt die Touristikbranche längst auch die letzten W. F. auf der touristischen Landkarte.

Xerxes: Den achämenidischen Großkönig könnte man als ersten Tourismusunternehmer der Weltgeschichte bezeichnen. Seine Kreuzfahrtschiffe mitsamt der 100.000 Mann starken, persischen Kriegerreisegruppe wurden allerdings kurz vor Ankunft an den griechischen Ägäis-Traumstränden im Jahre 480 v. Chr. vom verfeindeten Großreeder Themistokles zu Salamis verarbeitet.

Yeti:
Begaben sich früher nur spinnerte Eigenbrötler wie Reinhold Messner auf die Suche nach dem sagenumwobenen Y. und verfassten dazu sogar Bücher („Yeti: Legende und Wirklichkeit“), verwandeln heute Tausende zahlungskräftige Alpinisten den tibetischen Götterberg Chomolungma in die höchstgelegene Müllkippe der Erde.

Zuhausebleiben: Schützt besonders zuverlässig vor >> Heimweh, >> Entführungen, >> Modesünden und >> Jetlag, fremde Kulturen vor allzu viel >> Folklorismus. Wirkt vorbeugend gegen aufdringliche >> Animateure und schont das Portemonnaie und die Umwelt.

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